„Verstehe ich nicht.“
„ Was verstehst Du nicht.“
„Du wirst einmal se…, äh, ich meine recht bedeutend werden.“ Danach sagte sie, deutlich leiser und mehr zu sich selbst „muss an der Uhrzeit liegen…ich bin kein Nachtmensch.“
Ich verstand das Ganze auch nicht, bat um Gnade und ging ins Bett. Schließlich stand für 11h am nächsten Vormittag das Seminar „Ringelpiz mit Anfassen“ auf dem Lehrplan. Oder so ähnlich. Jedenfalls irgend etwas, was Niveau hatte. Nämlich meins. Durch den Spruch „wo es intensiv nach Zwergen duftet“ kam ich übrigens überhaupt erst darauf, dass Fabienne mit Zwergen sprechen konnte. Außerdem sollte ich bald erfahren, dass die Zwerge immer Recht hatten. Auch wenn sich der Verlauf meiner Zukunft doch etwas anders gestalten sollte als erwartet. Nämlich, wie man es normalerweise aufgrund meines Studiums hätte erwarten können, eher naturwissenschaftlich.
Womit ich nicht gesagt haben will, dass ich eine ausgesprochene Trophäe in Naturwissenschaften war oder wie dieses portugiesische Fremdwort für „toll“ lautet.
Nur läppische knapp sechs Stunden später…
Nach der ereignisreichen Nacht schälte ich mich zu einer für Studenten absoluten Unzeit, nämlich bereits um 9:43h aus den Federn. Fabienne, die Zwergenflüsterin, war schon lange auf der Arbeit. Ich futterte einen halben Beutel Reiswaffeln, sogar noch bevor sie sich in der Fitness-Szene durchzusetzen begannen, hielt meine Zwergenwäsche, sattelte den Toyota Starlet und fuhr gen Hörsaal. Der anspruchsvolle Kurs „Ringelpiz mit Anfassen“ oder genauer gesagt „praktische Botanik II“ begann durchaus vielversprechend: der Tutor machte zunächst einmal jemanden rund, der gegen ihren erklärten Willen eine unter Artenschutz stehende rosarote Kuckuckslichtnelke exekutiert und illegal in sein Herbarium eingebunden hatte.
Zum Glück nannte er nicht den Namen des Frevlers und Naturschänders, sonst wäre ich wohl noch etwas weniger beliebt unter den Biologen geworden, als ich sowieso nicht war. Unter den Ausführungen der Biologen auf der Showbühne vergaß ich das, was letzte Nacht geschah, nur die etwas feuchte Hose erinnerte noch an die Suche nach Pferden unter meteorologisch ungünstigen Bedingungen.
„Hey, hast Du Blasenentzündung oder ein Freundin mit ungewöhnlichen sexuellen Vorlieben?“
„Wieso?“
„Du bist so blass und Deine Hose nass.“
„Nein, ich habe die Nacht teilweise auf dem freien Feld und teilweise vor Tarotkarten sitzend verbracht.“
„Den Stuss solltest Du ganz schnell vergessen!“ klärte mich der etwas ältere Mitstudent auf.
„Ja, Du sagst es. Nachts um 3 h während eines Sturzregens nach ausgebüxten Pferden zu suchen ist auch nicht meins.“
Ich musste mich auf die Stunde konzentrieren, da weitere bedrohte Pflanzenarten besprochen wurden, und bekam daher nicht mehr mit, dass sich mein Mitstudent eine breite flache vor die Stirn gab.
So schlimm war das jetzt auch alles nicht. Da wuchsen nämlich ganz schön viele Kuckuckslichtnelken. Außerdem hatte der Herr Tutor ja meinen Namen nicht genannt…
Jedenfalls, ich prägte mir die geschützten Arten genauestens ein und das ganz ohne das damals noch einigermaßen unbekannte (zumindest bei mir, andere Studenten waren da nicht ganz so rückständig) so genannte Internet . Ich hoffte auf mehr Glück mit meinem nächsten Herbarium in dem Sinne, in dem weniger und womöglich gar keine geschützten Arten mein konzeptloses Getrampel durch Wald und Flur kreuzten. Auf ein Neues mit Botanik 2 im nächsten Semester!
Im Laufe des Tages gab es noch einige weitere naturwissenschaftliche Vorlesungen und Seminare und in „Mathematik für Naturwissenschaftler 1“ glänzte ich sogar bei einer Epsilontik-Aufgabe mit der einzig möglich richtigen Antwort. Wow. Das brachte die Brünette mit der Stupsnase dazu, einmal in meine Richtung zu schauen. Bis ich das allerdings gepeilt hatte und zurück schaute, war dieser kurze Moment ihrer emotionalen Verwirrung schon wieder vorbei.
Mein Studium war im naturwissenschaftlichen Bereich interdisziplinär. Diese Wissenschaften beherrschten zwar eher mich als ich sie , aber auf der anderen Seite: ich sah darin seinerzeit die einzige Chance, gleichzeitig sowohl die Welt als auch das eigene Portemonnaie vor dem Untergang zu retten. An Weltrettung durch Esoterik, Gargoyle-Statuen, Tarot und I-Ging sowie die eloquenten Gespräche mit diversen Zwergen dachte ich zu dieser Zeit nicht einmal im Traum, auch nicht nach einer der feuchtesten Nächte meines Lebens. Wenn es nicht überhaupt die feuchteste Nacht war…
Mein Karma sollte sein, unbeleckt von vergangenen und zukünftigen Leben und weitestgehend verpeilt im gegenwärtigen ebensolchen Kuckuckslichtnelken zu zählen, auf Wetterstationen mit viel Regen und keinem Badesee in der Nähe die Daten auszuwerten und irgendwelche Essays über Mutter Natur vs. Papa Staat zu verfassen. Das dachte ich damals, in 1994. Dass Badeseen oder zumindest einer davon in meinem späteren Leben allerdings durchaus relevant werden sollten, weißt Du ja wahrscheinlich schon von meinem Blog und meinen anderen, dämlichen Geschichten.
Nach einem arbeitsamen Studientag + nicht vegetarischer Stärkung in der Mensa ich um kurz vor 2 Nachmittags nach Hause zurück. Ich machte mir schon ein bisschen Gedanken darüber, wie ich den Stress und die vielen Seminare kurz vor dem Vordiplom handeln könnte. Immerhin war ich bereits in meinem fünften Semester und wir hatten sogar Seminare und Kurse am Donnerstag ! Womit die Woche immerhin einen Tag länger war als im Vorsemester. Im Flur meiner bescheidenen Behausung rannte ich in…
…Fabienne, richtig.
„Was machst Du denn schon hier?“
„Das könnte ich Dich jetzt auch fragen. Immerhin studiere ich und habe demzufolge die 15-Stunden-Woche und Du arbeitest und hast…“
„Nichts. Gar nichts diese Woche. Die Belegschaft macht sich einen Lenz und in zwei Wochen fangen die Semesterferien an! Morgen muss ich auch nur vier Stunden da sein. Aber wo wir uns hier gerade treffen: wollen wir den Faden wieder aufnehmen?“
„Welchen Faden?“
Fabienne tippte mir gegen die Stirn.
„Den von heute Nacht, Du Nullbeutel!“
„Es regnet doch gar nicht mehr!“
„Nicht den Pferde-Teil, den Karten-Teil!“
„Ich wusste, da fehlt noch was?“ seufzte ich resigniert. Fabienne musterte mich durchdringend.
„Da fehlt glaube ich noch so einiges. Aber das lässt sich ja hinbiegen.“
O.k., also folgte ich der Frau mit den schönen Augen in ihre Kemenate. Dabei fiel mir auf, dass sie nicht übermäßig viel Tageslicht einließ. Da mir nichts anderes einfiel – ich war bis dahin eher selten allein mit einer Frau in deren Wohnung – sagte ich ihr das.
„Dir wird schon aufgefallen sein, dass Hochsommer ist, bei Dir im Zimmer 27°C herrschen und bei mir nur 22°C?“
„Ich dachte, das wäre um die Zwerge nicht zu vertreiben.“
„Hier gibt es nur einen Zwerg, den ich im Zweifelsfall vertreiben müsste!“
„Ich bin immerhin 1,87m groß!“ protestierte ich.
„Ich meine nicht Deine Körpergröße !“
Die Vibrations gingen bei uns ziemlich eindeutig nicht in die Richtung Austausch von Körperflüssigkeiten. Sie machte vielmehr den Eindruck, als wäre sie noch knatschig wegen der Vertreibung von Frauen und Zwergen. Aber immerhin: Fabienne war eine der wenigen Frauen, die mit mir sprachen. Klar, noch ein bisschen abfällig, aber das würde sich schon nicht ändern, wenn sie mich erst einmal ein bisschen besser kannte, dachte ich.
„Dann schauen wir mal nach, ob wir nicht doch die richtige Antwort auf Deine irrelevanten Fragen von letzte Nacht finden.“
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