Die Assistentinnen im Job sehen sie an als wünschten sie, in diesem Alter nicht mehr arbeiten zu müssen. Das Letzte, was Justine braucht, ist Mitleid von Untergebenen, sie hält ihren Kopf aufrecht, stolziert durch die Gänge, Kopf hoch, Brust raus, jetzt erst recht, sie lächelt. Ihre Körpergröße und das hochgesteckte dunkle Haar geben ihr eine Überlegenheit, immer auf Augenhöhe, meist darüber verhandelt sie. Und doch ist ihr alles zu viel, seit Jahren schon, viel zu viel. Nach Meetings schießen Tränen in die Augen, nicht zu gebrauchen, zurückdrängen, auf der Toilette vergießen, sich nichts anmerken lassen, den anderen die Stimmung nicht vermiesen. Sie wischt um die Augenlider, die wasserfeste Wimperntusche schmiert immer wieder, Ströme von schwarzem Wasser laufen hinunter. Warten bis die Kolleginnen den Waschraum verlassen haben, die Stimmen verklungen sind. Sie wird etwas erzählen über Probleme mit neuen Kontaktlinsen, über mangelnde Tränenflüssigkeit und Benetzungslösungen. Selten fragt jemand, sie muss auf alles gefasst sein, Antworten parat haben, reagieren, klarstellen. Sie hört Spülungen rauschen und Kolleginnen vor dem Spiegel Gespräche führen, wie frei sie reden, als fürchteten sie sich vor nichts.
Sekretärinnen, Teamassistentinnen, sie können es sich leisten, eine eigene Meinung zu haben, verlieren sie den Job lassen sie sich fallen in ihre Töchterrollen, Mutterrollen, Ehefrauenrollen. Was hat sie? Nichts, ein Leben im freien Fall wenn sie nicht ihrer Karrierefrauenrolle entspricht, sie anzieht, ihre zweite Haut, sie sich einverleibt, um von ihr gefressen zu werden. Die Vorstellung sich selbst aufzuessen, diese Gedanken kommen und gehen, kommen wieder, gehen wieder, kommen wieder. Zuerst nur ein Knabbern an den Nägeln, den Fingerspitzen, sich die Haare raufen, ausreißen, später die Faust im Mund, am Ende nichts mehr da von ihr, ein offener Schlund, der sich selbst ausgelöscht hat. Sie denkt an die Selbstmorde in Japan, an überarbeitete Menschen, die irgendwo hinunterspringen, sich irgendein Eisen in den Leib rammen, irgendeine Substanz essen oder trinken, sie denkt an Auslöschung und Ruhe. Als sie nichts mehr hört und auch die Schritte auf den Fluren verhallen, die Stimmen abschwellen, die Spülungen ruhen, Lufttrockner schweigen wischt sie ein letztes Mal mit dem doppellagigen Papier über das Gesicht, tupft die Augenwinkel trocken und drückt sehr vorsichtig und langsam die Türklinke. Schon lange möchte sie sich diese Szenen ersparen, nicht mehr heimlich weinen müssen, wie eine Übelkeit drängt der Tränenfluss nach oben, sprüht durch die Luft. Eines Tages, eines Tages lässt sie es einfach laufen, Tränen, Schweiß, alle Flüssigkeiten, die aus ihr heraus laufen, sollen gesehen werden.
Als sie an diesem Tag in den Spiegel schaut ist die Wimperntusche nicht so verschmiert wie sonst, die Augen nur mäßig gerötet, eher blankgeputzt wie staubige Straßen nach einem schweren Sommergewitter. Sie schnäuzt sich, pudert die Haut, tuscht die Wimpern nach, tupft rosé farbenen Gloss auf die bebenden Lippen. Reste schwarzer Farbe unter den Augen lassen sich mit Wasser und Seife leicht entfernen, reißfeste Kosmetiktücher liegen bereit zum Trockentupfen, an alles ist gedacht. Wie faltenfrei ihre Stirn noch ist, wie nachhaltig die Wirkung der letzten Botoxinjektion. Sie kann jetzt beruhigt gehen.
Justine? Hier bist du. Wir haben uns Sorgen gemacht. Alles gut? Sie lächelt, dreht sich um und verleiht ihrer Stimme einen heiteren Klang. Alles gut. Danke. Fragt sie jemand nach ihren Wünschen? Das Leben ist kein Zuckerschlecken, Karriere kein Kinderspiel, Beziehung kein Ponyhof. Sie mag weder Ponyhöfe noch Kinderspiele noch Zuckerschlecken. Und doch wagt sie sich manchmal etwas anderes vorzustellen. Wie es wäre zu schweben in weißblauen Lüften ohne Angst, ohne Reue, ohne Konsequenzen? Große Gefühlsarien auf einer Guckkastenbühne, Vorhang auf, Liebessakte, Eskapaden, operettenhaft schwülstig, schwerer weinroter Samt mit verschlungenen goldenen Kordeln. Am Ende Applaus. Sehnsucht nach dem anderen Leben, ohne zu wissen was das sein sollte jenseits der Sehnsucht. Wach` auf. Reiß dich zusammen. In Klischees zu schwelgen hat noch niemandem geholfen, Sehnsuchtsbilder wie Fleißkärtchen mit kleinen Putten und Engeln in Pastellfarben mit goldenem und silbernem Rahmen. Selbst ist die Frau. Was sie nicht umbringt macht sie nur härter. Jeden Morgen das Haar aufstecken, ihre Naturlocken sind störrisch, schwer zu bändigen, jeden Morgen in den engen dunkelblauen Rock, jeden Morgen in die Seidenstrümpfe, im Winter zu kalt, im Sommer zu heiß.
In den überhitzten regenreichen Sommermonaten nutzt sie die morgendliche Kühle, bricht früh auf und fährt mit dem Aufzug aus der Dachterrassenwohnung in die Tiefgarage, steigt in ihren klimatisierten Wagen und bringt Charlotte in ihre private Kita. Sie könnten auch zu Fuß laufen, es ist nicht allzu weit, aber alle Kinder werden chauffiert, das ist so üblich. Wie sie hinausspringt, leicht und frei, ein kleines Mädchen mit blonden Locken und einer Brotzeittasche aus rosarotem Lackleder. Der Park, der das Gebäude umgibt, lockt wie ein Märchenwald, hinter dem ein verborgenes Schloss auf Besucher wartet. Ein gusseisernes Gitter trennt sie von der Straße, in der Luft flattert die Leichtigkeit des frühen Morgens, die Stille vor der ersten Unterrichtsstunde, nur von Vogelzwitschern unterbrochen.
Justine wendet, tritt aufs Gaspedal, startet in ihren Tag. Mit dem gläsernen Lift schießt sie in die oberste Etage des Firmengebäudes, das in einem Industriegebiet vor der Stadt liegt. Unter ihr verschwindet der Stau aus hupenden Autos, Fahrrädern, Fußgängern, die in großer Eile in ihre Bürotürme laufen, verschwinden die kupferroten Dächer der Häuser. Sie fliegt dem luftigen Blau des Himmels entgegen. Diese Leichtigkeit, die Füße vom Boden hochgehoben, die Schwerelosigkeit, sie sieht zu wie sie sich immer weiter entfernt von allem, die Welt versinkt wie eine Miniaturstadt unter ihren Füßen. In diesen Momenten noch vom Schlaf erholt, denkt sie an die vielen Dinge, die sie tun würde, wäre sie nicht hier. Beim Aussteigen empfängt sie ein kühler Luftzug. Wie liebt sie die Ruhe der Frühe, die kaum hörbaren Schritte der Kollegen auf dem Teppichboden, das entfernte Rascheln der Tageszeitungen hinter den Türen der Vorstände. Ihre Assistentin serviert duftenden schwarzen Espresso, sie trägt Slingpumps, das wäre nicht nötig, sie trägt sie freiwillig, meint, es wäre nötig. Pressespiegel? Ja bitte. Die neue Espressomaschine ist gut, besser als der Filterkaffee, viel besser, sie freut sich, schaut aus dem Fenster und lächelt. Das Gefühl, es geschafft zu haben breitet sich aus und erreicht seinen morgendlichen Höhepunkt. Noch schrillt kein Telefon, kein Handy, die Mails noch nicht aufgerufen, hunderte jeden Tag, sie beantwortet sie alle. Head of Marketing, sie ist Kopf des Marketing, Marketingkopf. Dieser Espresso, schwarzbraun bitter, ist es wert, die Schule für Charlotte, die Dachterrassenwohnung im Szeneviertel ist es wert. Dafür hält sie ihren Kopf hin, ihren Marketingkopf.
Sie lehnt sich zurück und betrachtet den Stau unten auf der Straße wie aus einer anderen Welt, die Panoramascheiben mit Doppelfenstern lassen keinen Laut durchdringen. Ist es eine Mausefalle, in der ihr Körper feststeckt, die Beine zappeln, die Arme rudern? Je mehr Bewegung umso fester zieht sich die Schlinge zu. Rudern, weiter rudern und der Horizont wird sich auftun, die Weite, das Meer, der Sandstrand. Dieses positive Denken, das Träumen gelingt nicht, es muss dem Alltagswahn weichen, der sich aufdrängt, er versperrt die Türen zu den Träumen, stellt schwere Sandsäcke davor wie zur Verdrängung von Wasserfluten. Das Modell ihres Lebens, es muss gelingen. Muss, muss, muss, morgens erwacht sie mit der Gewissheit des Müssens, abends schläft sie damit ein, muss, muss, muss wie ein lästiges Ohrgeräusch.
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