Sunshine grinst „Solchen Müll schleppen die Jungs aus der Videothek an. Wo is mein Laptop?“
Wir finden ihn auf dem Klo neben einem noch fast vollen Zott-Sahne-Joghurt-Becher Erdbeer, direkt gegenüber der Kloschüssel: Ein uraltes I-Book ohne Verschalung, mit Gaffertape-umwickelten Kabeln und offener (!) Skype-Verbindung! Ich stehe neben dem Klo und glotze in die Wohnung von Keine-Ahnung-Wem, der seinen Computer seinerseits verlassen hat. Krass! Deckel zu. Den vom Klo und den vom Notebook. Mit spitzen Fingern reiche ich es an Sunshine weiter.
„Aber ich recherchiere nicht via gewaltver-herrlichende Hollywood-Blockbuster-Filme!“ sagt Charlie und legt die „300“-DVD wieder weg. „Das ist doch kein Spiel! Meinetwegen können wir nach Ritualen googeln, aber vielleicht auch nicht grad auf eurer Toilette!?“
„W-LAN funktioniert nur hier.“
Das Internet ist der Horror! Gib da mal „Übersinnliches“ ein, da landest du ziemlich schnell auf Seiten wie „Engel unter uns“ oder „Frag das Uschi-Orakel!“ Ein Gratis-Klick und Uschi glaubt auch, dass wir im Feuer sterben. Man kann aber ein Schutz-Amulett für 799 € bestellen per Kreditkarte oder Paypal. Sunshine haut den Deckel von ihrem Notebook zu. „Und wenn wir einfach die Klappe halten und meditieren?“
Wir stehen eng beieinander in dem schlauchigen WG-Klo.
„Nee! Lu hat ihren Bruder im Morgengrauen auf der Wiese gesehen. Hier hätte sie garantiert keine Erscheinungen gehabt.“, motzt Charlie.
An der Fensterscheibe will eine dicke Fliege mit dem Kopf durch die Wand. Charlie jagt sie ins Freie. „Wir müssen hier raus. Die einzige Vision, die ich hier krieg, ist die eines Putzeimers randvoll mit Essigreiniger!“
Sunshine sieht mich an. „Findest du das auch?“ Ich fühle mich komisch. Sunshines Bude macht mein Hirn tatsächlich eher dicht als durchlässig. Klar sollten wir vielleicht spiritueller werden. Aber so auf Knopfdruck? Ich hab kein gutes Gefühl. Das geht mir oft so, wenn Charlie so vehemente Ansagen macht, und man dann aus heiterem Himmel plötzlich seine Unterhosen aussortieren soll oder sofort das Konzept Intimbehaarung neu überdenken muss, obwohl man gerade froh war, dass überhaupt was wächst. Mann, mein Hirn ist echt wie benebelt. Keinen klaren Gedanken krieg ich hin ... -
Ich denke an Jakob. Dass ich ihn gesehen habe, war das Schönste, was mir seit langem passiert ist. Und wir wissen so wenig. Ein paar Antworten zu bekommen, wäre so wichtig!
Ich sehe Sunshine an und nicke. Spiritualität. Ja. Okay! - Einen Moment guckt Sunshine finster, dann gibt sie sich einen Ruck. „Okay, bin dabei! Lu, wo genau hattest du eigentlich diese Erscheinung?“
„Unter dem Vogelbeerbaum auf der Wiese, die hinter unserem Garten beginnt ...“
„Heute Abend bei Sonnenuntergang!“
„Heute Abend? Aber...“
„Kein Aber!“
it's memories that I'm stealing
but you're innocent when you dream
TOM WAITS
Das Gras, viel zu lange ungemäht steht wie in Flammen. Im Vogelbeerbaum hängen rote giftige Tropfen. Der Zauber beginnt.
Wir hatten gesagt: bei Sonnenuntergang auf der Wiese. Seltsame Zeitangabe. Und trotzdem funktioniert es: Wir kommen echt beinahe gleichzeitig an, aus drei verschiedenen Richtungen! Ich aus dem Hintertürchen unseres Gartens mit der Gitarre in der Hand, Sunshine von der Gemeindewiese aus und Charlie schiebt ihr Rad vom Friedhofsweg heran. Ist das abgefahren, dass wir alle drei im selben Augenblick eintreffen, von Norden, Süden und Westen. Als kämen wir aus drei verschiedenen magischen Verbindungen. Gryffindor, Slytherin und Ravenclaw. Und in einem Moment, in dem der Sonnenuntergang alles in ein Licht taucht, als wär die Wiese ein Meer aus Feuer und Blut!
„Hier?“
„Ja!“
„Hey!“
„Weißt du noch?“
„Hm. Die Ratte?“
„Ja.“
„Häh?“
Wir stehen irgendwie ergriffen unter dem Baum und hören den Wind in den Zweigen. Ein durchaus mystischer Moment.
Charlie breitet eine Picknick-Decke aus, dunkelrot, schüttelt sie aus, als wär sie Frau Holle. Wir knien nieder. Mann, das ist gar keine Picknickdecke, sieht total esoterisch aus, Sternenmuster und Kreise. Vielleicht hilft's ja. Wir müssen spiritueller werden. Sunshine steht etwas unbeholfen im Gras und starrt den Baum an, dann mich, dann Charlie und sagt feierlich: „Okay, also ... spiritueller werden.“ Dann zieht sie eine Flasche Rotwein aus ihrem Rucksack.
„Doch nicht so!“
„Wieso nicht? Ist zwar nicht so geistig wie was Hochprozentiges, aber ...“
Charlie wiederholt No more Drugs, aber der Wein sei okay, und zündet ne Kerze an. Und noch eine! Sehr viele Kerzen!
„Spiel doch was, Lu!“ Sunshine hält mir meine Gitarre vor die Nase.
Charlie schnappt sie mir vor der Nase weg: „Lu soll jetzt kein Wunschkonzert geben, wir sollten lieber schauen, dass wir sie in Stimmung bringen.“
Oh Gott, jetzt setzt sie mich unter Druck. Was erwartet sie? Jakobs Botschaft?
„Gib her.“ Ich greife nach der Gitarre. „das bringt mich eher in Stimmung als die Duftkerzen. Ich stimme die Saiten. Seit ich weiß, dass ich bald selber sterbe, kotzen mich meine Songs an. Aber ich muss ja nix von mir spielen. „Was ist denn dein Lieblingssong, Sunshine? Was hörst du denn so beim Einschlafen?“
„Motorpsycho!“
„Aha, und da kannst du einschlafen?“
„Nö.“
Und was machst du, wenn du einschlafen willst?“
„Mach ich die Musik aus.“
„Hmm.“
Charlie sagt, die Stille sei ja auch genug, die Natur, das sei doch okay.
„Okay.“
Stille.
Und wir hören ein bisschen, was um uns herum ist. Die Amsel in der Ulme, drüben in unserem Garten. Das hat wirklich etwas sehr Berührendes. Und Charlies Atem, sehr gleichmäßig und tief. Ein durch die Nase, aus durch den Mund. Sie hat die Augen zu, ich versuche es ihr nachzumachen, und das klappt ganz gut. Jedenfalls werde ich ruhig, ich schließe die Augen – nicht ganz, weil das Licht der Kerzen so schön aussieht, ich seh meine Wimpern und unscharf dahinter eine erleuchtete Wiese … wenn er nochmal käme, mein toter Bruder, wenn ich ihn nochmal sähe ... wenn ich ... wenn ... – Irgendwann werde ich ruhig, ich bin eins mit der Natur und den anderen, unser Atem geht gleich-mäßig und synchron, eins mit der Wiese, den Bäumen, dem Lichtermeer irgendwann ist das alles eins.
Sunshine steht auf und zieht ihr T-Shirt aus.
„Was machst du da?“, frag ich sie. Steht sie echt mit nacktem Oberkörper unter dem Baum. Und jetzt die Jeans!
„Lass das, wenn dich einer sieht!“, zische ich ihr zu.
„Das ist mir jetzt egal. Das fühlt sich richtig an.“
„So kann ich aber nicht meditieren“, sagt Charlie.
„Mach doch die Augen zu!“
Wir machen die Augen zu, aber ich muss doch zu Sunshine hin schielen. Es ist so seltsam, sie schmeißt sich echt voll rein. Hätt ich nie gedacht. Sitzt da im Schneidersitz und wiegt den Oberkörper hin und her. Irgendwie faszinierend.
„Starrst mir jemand auf den Busen?“, fragt sie, ohne aus ihrem Rhythmus zu kommen, die Augen immer noch geschossen. Ich werde rot. Charlie hat die Augen ebenfalls wieder auf. „Okay, Lu, vielleicht spielst du jetzt doch was auf der Gitarre, ja? Wäre das in Ordnung, Sunshine?“ Die öffnet die Augen; sie sehen tatsächlich etwas glasig aus und schimmern blank im Schein der Kerzen. Wie Tränen. Sie sieht so zerbrechlich aus. Wirklich als sei sie gerade aufgetaucht aus einer anderen Welt.
„Hast du was gesehen?“, frage ich sie leise.
Sie schweigt, atmet tief, reibt sich die Augen.
Dann sagt sie: „Is’n bisschen schwer, wenn man dauernd angelabert wird!“
Das ist mir jetzt echt ein bisschen peinlich. „Is schon okay“, sagt sie und zieht sich was über. „Wird ja auch langsam kühl.“ Sie greift nach dem Wein, rammt den Korkenzieher in die Flasche, und schraubt dran rum. „Wird schon werden! Laut Wikipedia saß das delphische Orakel auch auf ner Felsspalte aus der Ethylen-Dämpfe kamen. Pilze hatten wir schon, schnüffeln können wir ja morgen - zurück zum guten alten Alk!“
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