Nun war es endlich an mir, die Führung zu übernehmen. Also lotste ich uns zu meinem Hummer, den ich nach kurzer Panikattacke schließlich da fand, wo ich ihn abgestellt hatte. Bei dem Versuch, die Türen mit Hilfe der Fernbedienung zu öffnen, entglitten mir die Schlüssel, die ich erst aus einer benzintriefenden Pfütze fischen musste. Dieses kleine Missgeschick quittierte mein fahrbarer Untersatz damit, dass er statt die Schlösser zu entriegeln die Diebstahlsicherung aktivierte. Sollte es noch irgendjemand wegen akuter Schwerhörigkeit entgangen sein, dass sich gerade zwei Gestalten mitten in der Nacht hier in aller Heimlichkeit vom Ort des Geschehens entfernen wollten, dann musste uns dies den Rest gegeben haben. Dachte ich jedenfalls. Immerhin gelang es mir die Kiste gleich beim ersten Versuch zu starten, worauf die wohl versehentlich eingebaute Flugzeugturbine mit entsprechendem Gebrüll zum Leben erwachte. Vor Aufregung legte ich dann noch versehentlich den Rückwärtsgang ein und schoss ein paar Mülltonnen durch die Nacht. Kurz: abgesehen davon, dass ich nicht auch noch die Sirene eingeschaltet hatte, hatte ich nichts unversucht gelassen, um uns so auffällig wie möglich fort zu bringen. Wenn ich Olgas Blick richtig deutete, dann fragte sie sich wohl gerade, ob ich mit ihren Gefängniswärtern unter einer Decke steckte. Verleiden konnte ich ihr’s nicht.
Irgendwann und irgendwie gelang es mir dann doch, den Hummer vom Hof zu bugsieren und wollte gerade auf die Nationalstraße nach Figueres abbiegen, als mich meine charmante und bis dahin schweigsame Begleitung unmissverständlich zu einer Kursänderung bewegte.
„Wir fahren nach Llers.“
„Hallo, Augenblick mal, das ist um die Ecke, da können wir gleich hier bleiben. Ich dachte, Du willst so schnell wie möglich Abstand zwischen Dich und diesen Puff bringen. Dann ist das die falsche Richtung.“
„Ich muss noch meine Sachen holen.“
„He, falls Du ein Lieblingskuscheltier hast oder Deine Wimperntusche vermisst, dann vergiss es. Ich gebe jetzt Gas, denn ich habe das verdammte Gefühl, wir sollten hier ganz fix verschwinden.“
„ Burro . Darum geht es nicht. Ich muss meine Lebensversicherung holen – ohne die kann auch gleich hier bleiben.“
Diesmal war es an mir, die oberen Instanzen anzurufen und zu fragen, was ich angestellt hatte, um dies hier zu verdienen. Das einzige Gute daran, ohnehin schon fast tot zu sein, ist, dass man sich nicht darum sorgt, ganz tot zu sein. Also tauchte ich in das Gewirr der Gassen von Llers ein. Zwischen alten Höfen mit Bruchsteinfassaden, aus denen Trompetenblumen und Bougainvilleas krochen, schmucken Neubauten reicher „Residentes“ und Wiesen tauchte schließlich ein Plattenbau auf, der selbst in der ehemaligen DDR noch eine goldene Zitrone für bemerkenswerte Hässlichkeit erhalten hätte – ohne Zweifel musste das unser Ziel sein.
„Halt an. Zwei Minuten - länger brauche ich nicht. Und wenn doch, solltest Du besser schnell abhauen.“
Und schon war Olga im schmutzigen Hauseingang verschwunden. Zwei Minuten. Welche Frau ist in der Lage, Ihre Habseligkeiten in zwei Minuten zusammen zu raffen? Was meinte sie überhaupt mit „Lebensversicherung“? Ich schaute abwechselnd aus dem Fenster und auf meine Uhr. Inzwischen würde man im Moonglow wohl festgestellt haben, dass man einer geschätzten Mitarbeiterin verlustig gegangen war. Was mochte das bedeuten? Würde nun die bewaffnete Kavallerie ausrücken? Durchkämmten Bluthunde die Umgebung? War die Autobahn gesperrt worden? Viele Fragen, aber keine Antwort. Die zwei Minuten waren längst verstrichen. Mir wurde allmählich mulmig. Mein schlechtes Bauchgefühl wurde auch sofort bestätigt, als im Grandhotel die Lichter angingen und laute Stimmen zu hören waren. Was hatte Olga gesagt, sollte ich tun, wenn sie nicht rechtzeitig zurück wäre? Motor starten, Gas geben, abhauen. Was hatte ich auch mit der Nutte zu tun? Das war jedenfalls mein erster – vernünftiger – Impuls. Allerdings ließ mein angeborener Ritterinstinkt diese Option nicht zu. Und da es mich ja ohnehin nur das Leben kosten konnte … ich glaube, das erwähnte ich schon.
Also murmelte ich mierda und legte die kurze Distanz zum Empfangsbereich der einladenden Nobelherberge im Schweinsgalopp zurück. Die Tür ließ sich widerspruchslos öffnen und lud zum Besuch des Treppenhauses ein. Dort verschlug es mir buchstäblich den Atem, denn allem Anschein nach diente es auch gleichzeitig als Kloake, was einen tief schürfenden Einblick in die sozialen Beziehungen der Belegschaft gewährte. So geräuschlos wie möglich arbeitete ich mich nach oben, bedacht darauf Exkrementen und Müll so gut es ging auszuweichen. Die Stimmen wurden lauter und nun konnte ich den sanften Tonfall meiner hinreißenden Abendbekanntschaft ausmachen. Die Szene, die sich mir Sekundenbruchteile später enthüllte, hatte etwas von „King Kong und die weiße Frau“: Olga tobte vor Wut und schrie sich die Stimme aus dem Hals, was vermutlich darauf zurückzuführen war, dass sie ein muskelbepackter Gorilla mit mongolischen Gesichtszügen und unfeinen Manieren von hinten umklammerte. Während Olga in unterschiedlichen Sprachen passende Vergleiche zwischen den Vorfahren ihres Peinigers und der einheimischen Tierwelt zog, war ein zweiter Halbaffe – offenbar schien es hier ein Nest zu geben – damit beschäftigt, seine Wunden zu lecken. Jedenfalls verzierten fünf blutrote Streifen sein liebreizendes Antlitz – offensichtlich hatte ihm die Tigerin ihre Krallen durch die fiese Visage gezogen. Auch wenn Olga die beiden Herren bei einer Partie Bridge oder dem Studium der London Times gestört haben sollte, so verhalten sich keine Gentlemen. Mein unerwartetes Erscheinen führte zu einer kurzzeitigen Einstellung aller Kampfhandlungen, in der die beiden halbdebilen Muskelprotze sich darüber klar zu werden versuchten, was dies denn nun wieder zu bedeuten hatte. Ich beschloss, die Analyse etwas zu beschleunigen. Dazu versetzte ich dem Gorilla einen Aufwärtshaken, der auch Mike Tyson Ehre gemacht hätte – mit dem Unterschied allerdings, dass dieser danach nicht das Gefühl gehabt hätte, sich alle fünf Finger gebrochen zu haben. Dabei machte ich mir die geistige Notiz, dass ich wieder etwas getan hatte, was ich mir mein ganzes Leben gewünscht hatte: einem echten Arschloch die Fresse zu polieren. Immerhin führte dies dazu, dass der Ärmste nun jegliche Vorsicht fahren ließ und sich völlig ungeschützt in die Reichweite einer wütenden Version von Lara Croft begab. Olga nutzte die Situation jedenfalls eiskalt, lehnte sich in den Armen ihres Peinigers zu dessen Überraschung zurück, nur um Schwung zu holen und die Spitze ihres Stilettos mit Wucht auf der 12 jenes Bedauernswerten zu platzieren, der schon ihre Krallen und meine Faust zu kosten das Vergnügen gehabt hatte. Man hörte förmlich wie seine Eier bis zu den Mandeln geschossen wurden und diese Musik zauberte ein zufriedenes Lächeln auf Olgas aufgeplatzte Lippen. Dieser Baum war gefällt. Inzwischen war Gorilla 1 unter dem Druck der Ereignisse zu dem Entschluss gekommen, seine Gefangene kurzfristig sich selbst zu überlassen und sich einem leichteren Opfer – also mir – zuzuwenden. Drehe keiner Frau den Rücken zu, besonders dann nicht, wenn sie schlechter Stimmung ist. Und Olga war definitiv nicht gut gelaunt. Zwei wuchtigen Schwingern konnte ich noch mehr aus Zufall als durch Geschicklichkeit ausweichen. Dann stolperte ich in der Rückwärtsbewegung über den Typen, den Olga kurz zuvor entmannt und auf die Bretter geschickt hatte. Ich sah schon mein letztes Sekündchen gekommen, als der Halbaffe zum finalen Hieb ausholte. Stattdessen aber wurde sein Blick von einem Augenblick zum anderen glasig und er knickte mit unterirdischem Grunzen ein, um seinem unsanft entschlummerten Kumpel Gesellschaft zu leisten. Hinter ihm stand Superwoman und prüfte die Unversehrtheit der gusseisernen Bratpfanne mit der sie ihr zweites Opfer des Tages erlegt hatte.
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