"Schon mal was von Rauschgift gehört?" fragte ich den Rothaarigen verbittert.
"Nein, Sir! Nur der ganze Asservatenschrank ist voll von dem Zeug", erwiderte er mit rauher Stimme und deutete mit dem Daumen hinter sich. "Die Kids pumpen sich den Stoff rein und kippen um, wenn sie zuviel erwischen. Die Dealer strecken die Ware normalerweise mit Strychnin oder Traubenzucker. Abr wenn sie nur den leisesten Verdacht haben, jemand würde sie verpfeifen, liefern sie auch schon mal was Pures. Und dann steht im Protokoll des Doktors Überdosis. Das ist der berühnte goldene Schuß, der vermutlich mehr unfreiwillig als bewusst gesetzt wird."
"KennenSie die?" fragte ich und zeigte ihm ein Passbild von Jane, das ich in meiner Brieftasche hatte. Es war nicht mehr ganz neu und die Wahrscheinlichkeit war ohnehin gering, dass er sie zufällig gesehen hatte. Trotzdem enttäuschte mich seine Antwort. "In New York City", meinte er treuherzig, "kann auch die Polizei niemanden finden, der nicht gefunden werden will oder soll! Es hängen rund 200.000 Menschen an der Nadel. Und dann die vielen Alkoholiker und Medikamentensüchtigen und jetzt auch noch die Crackies. Wer soll sich da noch zurecht finden?"
In dieser Nacht beschloss ich, Jane selbst zu suchen. Noch wusste ich nicht, wo ich anfangen sollte. Es war zweifelsfrei ihre Schrift auf der Karte aus Salzburg und die Karte trug auch einen österreichischen Poststempel. Echt oder falsch? Keine Ahnung! Und Europa war weit!
„Ich habe nie etwas an Jane bemerkt“, sagte Judith, „keine engen oder weiten Pupillen, kein geklautes Geld, keine Vernachlässigung“.
Ich antwortete nicht. War es nicht immer so, dass Eltern oder Freunde zuletzt bemerkten, wenn sich irgendetwas veränderte? Raubt die fehlende Distanz nicht den Durchblick? Wie war das mit den Bäumen und dem Wald? Nein, Sprichwörter und Redensarten stimmten fast nie. Vielleicht hat Jane mit der ganzen Katastrophe überhaupt nichts zu tun, versuchte ich mich zu beruhigen und Ordnung in meine Gedanken zu bekommen. Aber ich konnte nicht verhindern, dass ihr Leben wie ein Film vor meinen Augen ablief – das einzige Leben, meines eingeschlossen, dass ich buchstäblich von Anfang an kannte und hautnah erlebt hatte.
Ich sah Jane vor mir, als die Säuglingsschwester sie zum ersten Mal hinter einer Glasscheibe hochhielt. Ein rotes, verschrumpeltes Etwas mit Resten von Käseschmiere in den spärlichen Härchen auf dem vom engen Geburtskanal länglich verformten Kopf. Ich sah sie vor mir, als sie zum ersten Mal mit zahnlosem Mund lächelte und ihr rosa Gaumen wie zwei Schienen sichtbar wurde. Sah sie auch vor mir, als sie zum ersten Mal in Bauchlage den Kopf hob, zum ersten Mal saß, stand und lief.
Diese Ersterlebnisse sind es, die man nicht vergisst. Die sich einem tief eingraben in ein sonst noch so löchriges Gedächtnis. Wenn sie krank war – und sie war nie ernstlich krank – hatte ich auch tagsüber an meinem Schreibtisch an sie gedacht. Ich hatte jahrelang auf ihre tausend Fragen geantwortet, so gut es ging und mir dabei bewusst werdend, wie wenig wir Erwachsenen eigentlich wissen. Ich hatte ihr das Radfahren beigebracht und das Schwimmen, das Rollschuhlaufen und Schlagballwerfen. War mit ihr in Walt Disneys bunten Filmen gewesen und hatte sie laut mitlachen hören und auch schluchzen, wenn Bambi seine Mutter suchte. Wie Millionen Väter auf der Welt.
In den letzten Jahren waren wir nicht immer einer Meinung gewesen. Wie unwichtig das jetzt war! Sie wollte nicht studieren, sondern etwas Praktisches lernen. Goldschmiedin oder Grafikerin. „Es ist mein Leben!“ war ihr häufigster Spruch. Wie recht sie hatte. Es war ihr Leben. Aber irgendwie war es auch meins. Und ob sie aus ihrem Leben jetzt noch machen konnte, was sie wollte? Genau das war die Frage, die jetzt auf meiner Seele brannte.
„Was wirst du unternehmen?“ fragte Judith, als sie die Sicherheitskette unserer Wohnungstür von innen mit einer automatischen Bewegung vorlegte und danach noch zwei weitere Riegel herumdrehte, während ich etwas ratlos hinter ihr in der Diele stand.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich achselzuckend.
„Ich kenne dich, David! Du hast etwas vor! Wenn du deine Wangenmuskeln anspannst, hast du etwas vor“!
Ich schaute in den Dielenspiegel und fühlte mich durchschaut.
„Ich werde Jane finden“, sagte ich nach einer Pause.
„Natürlich!“ sagte sie und genauso gut hätte sie mich auch einen Idioten nennen können.
„In dieser Stadt mögen Tausende von Menschen jedes Jahr verloren gehen, spurlos und für immer. Aber nicht meine Tochter! Ich tue es nicht nur für sie, sondern auch für mich und für uns. Ich kann keine Ruhe geben, weil ich sonst keine Ruhe finde! Und wenn ich alle elf Millionen Einwohner persönlich überprüfen muss. Eines Tages werde ich sie finden. Wir werden uns in die Arme schließen und sie wird schweigen. Und ich werde ihr keine Vorwürfe machen.“
„Du wirst keine Zeit dazu haben“, sagte Judith praktisch, „tagsüber wird dein Chef dich nerven und abends wirst du die Beine ausstrecken wollen“.
„Ich werde meinen Job kündigen, aber vorher noch einen Kredit aufnehmen, denn ohne feste Arbeit geben sie einem bei der Bank nichts“.
„Aha, das steht schon alles fest. Wo willst du anfangen zu suchen, im Central Park? Oder wo?“ fragte Judith sarkastisch.
„Ich werde mir einen Plan machen! Wahrscheinlich werde ich mit den Fluggesellschaften beginnen und nach den Passagierlisten von jenem Montag fragen, an dem die Mädchen angeblich losgeflogen sind. Dann werde ich in der Highschool jeden unter die Lupe nehmen, der im letzten Vierteljahr und vor diesen Ferien, an die sich dann das Examen anschließt, auch nur ein Wort mit den Zweien gewechselt hat. Und ich werde jeden fragen, der sie kennt, ob sie mit jemand gesehen wurde, der nicht zu ihrer Clique gehört.“
„Was ist, wenn du dich einfach in deiner Firma krank meldest?“ fragte Judith, die meinen Entschluss zu impulsiv fand und vermutlich auch wegen des fehlenden Einkommens in Sorge war.
„Sie werden mich besuchen kommen, dauernd anrufen, wo etwas liegt, Atteste verlangen. Ich fühle, dies hier wird eine längere Sache sein, ein paar Monate vielleicht, oder sogar ein Jahr. Mein Leben wird sich total verändern. Am besten du ziehst für die Zeit zu deinen Eltern nach Neuengland.“
„Neuengland sagst du ja nur, weil du Massachusetts nicht aussprechen kannst!“
„Ich werde nachts weg sein und tags schlafen, ich werde müde, unrasiert, übellaunig sein – ich möchte nicht, dass du mich so siehst und ich möchte nicht, dass die im Büro mich so sehen“.
„Ich kann dir helfen. Wir können das ganze Projekt gemeinsam durchziehen. Warum willst du nicht, dass ich dir helfe“? fragte Judith beleidigt.
„Ich werde dich ab und zu anrufen. Das verspreche ich. Aber es ist besser, wenn du nicht in dieser Stadt bleibst. Ich muss mich konzentrieren, darf keine Rücksicht nehmen müssen. Es wird keine geregelte und regelmäßige Arbeit sein. Sie wird gefährlich sein, vielleicht hinterhältig, ich muss frei Hand haben, ein Spiel zu spielen, dessen Regeln ich noch nicht kenne“.
Abschiede sind entsetzlich. Man ist so sprachlos und wenn man etwas sagt, klingt es so hohl. „Pass gut auf dich auf“, sagte Judith am Morgen von Dorothys Beerdigung, als wir uns am Zug nach Boston voneinander verabschiedeten. „Du auch“! sagte ich und empfahl ihr, keiner Menschenseele ihren Aufenthaltsort zu verraten, obwohl ich wusste, dass die Wohnungen von engen Verwandten zum Wegtauchen völlig ungeeignet sind.
Uns beide hatte die Reaktion der Schneyders, Dorothys Eltern, tief erschüttert, auch wenn wir dafür Verständnis hatten. Er sprach ziemlich unreflektiert von der Todesstrafe und sie davon, ihre Tochter schon immer vor dem Umgang mit unserer Jane gewarnt zu haben. Sie fingen an, für das furchtbare Geschehen Schuldige zu suchen, die sie kannten. Wir hatten uns nur stumm angeblickt und uns nicht verteidigt.
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