Frank fummelte mit seinem Schlüssel am Schloss der Eingangstür herum. Verdammt! Hätte er nicht ein bisschen weniger trinken können? Dabei war es gar nicht so viel gewesen, soweit er sich erinnerte. Gut diese zwei Schnäpse zum Schluss hätten es wirklich nicht mehr sein brauchen. Aber nachdem Jasmin eine Runde ausgegeben hatte, musste er sich ja schließlich revanchieren.
Endlich bekam er den Schlüssel ins Schloss und öffnete sie. Er schlüpfte hindurch. Die Haustür fiel krachend zu. Oh je, hoffentlich gab das keinen Ärger mit den Nachbarn. Der Schließmechanismus zog viel zu stark. Die Hausverwaltung hatte alle Bewohner des Hauses angehalten, die Eingangstür nachts leise zu schließen. So etwas war ihm seit Jahren nicht mehr passiert. Er hatte wirklich zu viel intus. Gut, dass Jasmin nicht hatte mitkommen wollen, er fühlte sich wirklich nicht in der Verfassung für eine erste Nacht. Jasmin musste ganz gut was wegstecken können. Sie hatte noch ganz nüchtern gewirkt, obwohl sie das Gleiche getrunken hatte wie er. Wirklich eine Teufelsfrau!
»Bis zum nächsten Mal. Du weißt ja, wo du mich findest«, hatte sie zum Abschied gesagt. Damit konnte nur die Kneipe gemeint sein. Wo sie wohnte, wusste er nicht. Wenn er es recht bedachte, hatte sie über sich fast nichts erzählt. Dafür hatte sie ihn ganz schön ausgefragt. Egal, das würde ihm nicht wieder passieren. Beim nächsten Mal würde alles anders werden. Er musste sich von seinem egozentrischen Verhalten lösen. Das hatte auch schon Kristin gesagt. Beim nächsten Treffen würde er sie ausfragen, einfach an ihrer Person Interesse zeigen.
Aber wie sollte er gerade jetzt diesen Vorsatz umsetzen? Diese Sache besaß einfach ein zu großes Ausmaß, sie nahm seinen ganzen Kopf ein. Und er hatte noch Größeres damit vor. Im Grunde war es sogar gut, dass er auf Thomas keine Rücksicht mehr nehmen brauchte. Der Spießer hatte doch nur an seine Karriere im Amt gedacht. Der hatte doch gar nicht kapiert, dass es sich dabei nur um Peanuts handelte. Und selbst wenn er es kapiert hätte, wäre der zu spießig gewesen, zuzugreifen. Er hätte sich sogar noch mit Ehrenhaftigkeit und Unbestechlichkeit herausgeredet. Thomas, der Gutmensch, wirklich zum Kotzen! In Wirklichkeit hätte der sich nie getraut, mal wirklich etwas zu riskieren.
Da war er selbst ganz anders. Er wusste, dass man aus dieser Sache ganz andere Dinge herausholen konnte. Er würde bald nicht mehr in diesem Loch von einer Wohnung hausen müssen. Die Schulden, die Kristin ihm während seiner Ehe eingebrockt hatte und die er seitdem mitschleppte, würden in ein paar Monaten der Vergangenheit angehören. Dann würde er über solche Beträge nur noch schmunzeln.
Er stand vor seiner Wohnungstür. Wieder fummelte er am Schloss herum. Diese blöden Sicherheitsschlösser, warum mussten diese Schlüssellöcher auch so klein sein? Warum hatte man nicht die schönen, großen, altmodischen Schlüssel für die Haustüren behalten können?
Endlich nahm er auch diese Hürde. Die Eingangstür führte in einen kleinen Flur. Er betätigte den Lichtschalter, aber es blieb dunkel. Schon wieder die Birne kaputt! Das hatte er morgens gar nicht bemerkt. Vielleicht war es aber auch besser, dass er sich im Dunkeln nur als Schatten im Spiegel sah. So blieb ihm das schlimmste Elend erspart. Das musste wirklich alles besser werden. Er würde sich ab morgen um seine Wohnung kümmern, neue Birnen in die Lampen schrauben, aufräumen, abwaschen. Ja vor allem putzen und abwaschen. Irgendwie roch es merkwürdig in seiner Wohnung. Auch das war ihm am Morgen noch nicht aufgefallen. Erstaunlich, was ein Gespräch mit einer Frau, einer sehr attraktiven Frau, ausmachen konnte. Und dieses Lächeln erst!
Er öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Auch hier brannte kein Licht. War die Sicherung durchgebrannt? Wirklich gut, dass Jasmin nicht mitgekommen war. Was hätte sie zu diesem Dreckloch gesagt. Morgen würde alles anders werden. Er würde die Wohnung in Ordnung bringen und sich selbst. Wenn er sie wiedertraf, wäre alles vorbereitet. Auch sein Äußeres würde hergerichtet sein, soweit sich das in ein oder zwei Tagen machen ließ, hieß das.
Er torkelte durchs Wohnzimmer zur Küche. Die Wohnung besaß keinen idealen Schnitt, man kam vom Flur ins Wohnzimmer. Von dort gingen Küche und Schlafzimmer ab. Das Bad befand sich sogar noch hinter der Küche. Ja, es wurde wirklich Zeit, dass er sich etwas anderes suchte.
Jetzt musste er erst mal in die Küche. Dort befand sich aus unerfindlichen Gründen der Sicherungskasten in diesem Altbauloch. Etwas trinken musste er auch. Dieser Schnaps hatte ihm die Kehle ausgetrocknet. Außerdem musste irgendetwas in der Küche sein. Von dort kam ein ganz merkwürdiger Geruch. Irgendwie kam ihm der bekannt vor, aber sein Hirn funktionierte nicht richtig, alles wirkte wie vernebelt. Konnte das wirklich von dem bisschen Alkohol kommen?
Er öffnete die Küchentür. Der Geruch wurde stärker. Ohne eine Wirkung zu erwarten, betätigte er den Lichtschalter. Als Letztes hörte er einen Knall, der ihm im wahrsten Sinne des Wortes das Trommelfell zerriss, und sah einen grellweißen Blitz.
Es schrillte laut und anhaltend. Der Ton drang schmerzhaft in sein Bewusstsein. Marko Geiger tauchte aus den Tiefen eines Traums auf, den er im gleichen Moment wieder vergaß. Fast orientierungslos tastete er nach dem Wecker auf seinem Nachttisch. Der Raum lag noch in vollkommener Dunkelheit, sodass er nichts sehen konnte. Endlich bekam er das Gerät zu fassen. Er drückte den Knopf, der das Wecksignal beenden sollte. Es funktionierte nicht. Erst nach dem zweiten Versuch erstarb der Ton.
Was war los? Marko drehte sich stöhnend auf den Rücken. Warum klingelte der Wecker mitten in der Nacht? Nicht einmal der zarteste Lichtschimmer erhellte das Zimmer. Wieso hatte er den Wecker gestellt? Es gab doch keinen Termin am nächsten Morgen.
Es schrillte erneut. Er war jetzt immerhin so weit wach, dass er realisierte, dass es nicht der Wecker, sondern die Türklingel war, die dieses schreckliche Geräusch produzierte. Im nächsten Moment begann es auch noch zu klopfen und zu hämmern, als wolle jemand die Wohnungstür einschlagen.
Marko stieg vorsichtig aus dem Bett. Automatisch zog er sich einen Morgenmantel über und schlich zur Tür. Er überlegte, womit er sich bewaffnen könnte. Sollte dort ein wütender Ehemann vor der Tür stehen? Er hatte so etwas einmal erlebt. Aber seine letzte Affäre lag schon Monate zurück und die junge Frau besaß keinen Ehemann, zumindest nicht zum Zeitpunkt der Liaison.
Ohne Licht zu machen, spähte er durch den Türspion. Er sah zwar keinen betrogenen Ehemann, aber der Anblick, der sich ihm bot, begeisterte ihn auch nicht gerade. Wütend riss er die Tür auf.
»Was willst du denn hier?«, schnauzte er zur Begrüßung den späten Gast an. Oder handelte es eher um einen frühen Gast? Marko hatte noch nicht auf die Uhr gesehen.
Sein Besuch ließ sich nicht beirren, stieß die Tür ganz auf und marschierte an ihm vorbei. Marko sah ihm hinterher, als er mit seinen ungepflegten Straßenschuhen ins Wohnzimmer auf den hellen Langhaarteppich marschierte.
Einen halben Kopf kleiner als er selbst, leicht übergewichtig, die dünn gewordenen Haare zu lang und zu ungepflegt und graugrüne, unstete Augen, die ängstlich und unermüdlich den ganzen Raum absuchten: Olli Vogt, wie er leibte und lebte. Marko verspürte große Lust, ihn einfach am Kragen zu packen und aus der Wohnung zu werfen. Aber man benahm sich ja zivilisiert und Marko war dann doch eher ein Mann des Wortes. Er wollte auch gerade ansetzen, etwas zu sagen, etwas Vernichtendes, versteht sich, da kam ihm Olli zu vor.
»Du must mir helfen!«, bat er nachdrücklich und sah Marko aus flehenden Augen an.
»Ich muss dir helfen? Warum sollte ausgerechnet ich dir helfen?« Vor Wut war Marko jetzt immerhin hellwach.
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