Darin angekommen verfluchte ich mich dafür, dass ich mich nicht zuerst mit der Aufteilung der Schächte vertraut gemacht hatte. Eagan hätte mir sicher eine grobe Karte geben können. Da der Bergbau nun schon einige Jahre vorangetrieben und immer neue Adern gefunden wurden, sind die einzelnen Gänge in einem weiten Netz ohne wirkliche Logik gewachsen. Umso schwerer war es für mich, einzuschätzen was nun der Hauptstollen war und wo ich nur in eine Sackgasse geraten würde.
Nach wenigen Minuten in den Höhlen erreichte ich eine solide Wand. Irgendwo musste ich also falsch abgebogen sein. Interessanterweise hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Kobold gesehen. Ich nahm einen Schluck Wasser aus meiner Feldflasche, bevor ich mich auf den Rückweg machte. Das Klimpern des Deckels hallte durch den leeren Stollen und klang unnatürlich laut. Wahrscheinlich war das auch ein Grund, weshalb ich auf dem Rückweg überrascht wurde.
Etwa auf halbem Weg zurück zum Eingang hörte ich ein verräterisches Schnauben gefolgt vom Rasseln einer kleinen Kette. Ich drückte mich in eine Nische und konnte an einem Balken vorbei die lange Nase eines Kobolds erkennen. Er schnüffelte, dass die Schnurrhaare bebten und drehte sich dann in meine Richtung. Einen Moment später sprang er hervor und stieß ein aggressives Zischen aus. Gleichzeitig flog mir die Spitze seiner Hacke entgegen.
Kobolde sind nicht besonders stark, weshalb ich den Angriff leicht mit dem Schild abwehren konnte. Allerdings war das Stück Holz noch nie besonders gut gefertigt gewesen und schon gar nicht für die Masse einer Spitzhacke konzipiert. Der Schlag hinterließ eine tiefe Schramme und brach sogar ein kleines Stück aus der Kante. Aus der Drehung schwang ich mein Kurzschwert und schlitzte dem Mistvieh die Kehle auf. Mit meinem alten Schwert wäre der Kopf durch die Höhle gerollt.
Alarmiert durch den Lärm des Schlages und das Fauchen des Kobolds erwachte die Mine zum Leben. Ich hörte, wie sie sich durch die Gänge drängten und aufgeregt quiekten. Ich nahm also die Beine in die Hand und rannte los. Das ging so weit gut, bis ich zur ersten Kreuzung kam. Im Hintergrund schimmerte das Tageslicht hinein und aus den anderen beiden Gängen strömten immer mehr Kobolde in die kleine Halle. Sie schnitten mir den Weg ab.
Ich sah mich einer Wand von stinkenden und rasenden Riesenratten gegenüber. Sie drängten sich so nah aneinander, dass kaum mehr Licht bis zu mir drang. Ich musste mich entscheiden. Mit meiner Ausrüstung hatte ich keine Chance, mich hindurch zu kämpfen. Zudem sah es nicht so aus, als würde der Nachschub an Kreaturen bald versiegen. Hinter mir lag ein Stollen, der in eine Sackgasse führte. Ich musste mir also etwas einfallen lassen.
In dem Moment hatte ich eine Idee. Ich warf meinen Schild und das Schwert mit voller Kraft in die Menge. Ich glaube, zwei oder drei der Viecher hatten das Pech im Weg zu stehen und brachen zusammen. Mit zwei freien Händen konnte ich mich nun an den verstreuten Werkzeugen und der Bergarbeiterausrüstung bedienen. Ich schnappte mir einen Stützbalken, der an einer Wand lehnte und wohl für einen kleinen Nebenstollen bereitgestellt wurde. Mit dem Stück Holz bewaffnet rannte ich auf die Menge zu.
Wie bei einem Schneepflug wurden die Kobolde auf die Seite gefegt. Ich ließ nicht nach und drückte weiter gegen die Masse an. Ein paar von ihnen schlüpften unter dem Holz hindurch und waren nun in meinem Rücken. Glücklicherweise hatten sie keine wirklichen Waffen und attackierten mich stattdessen mit ihren Krallen und Zähnen. Es brannte überall und meine Arme drohten zu versagen, doch das Licht des Eingangs kam immer näher. Nach einer gefühlten Ewigkeit trat ich ins Freie und stieß dabei eine Horde dieser Ratten mit hinaus. Ich ließ den Balken fallen und rannte weiter.
Die Kobolde hatten sich auf das Zwielicht im Stollen eingestellt und waren durch das grelle Tageslicht beeinträchtigt. Auch meine Augen schmerzten, doch trieb mich das Brennen nur weiter an. Sie rannten noch einige Zeit hinter mir her, doch irgendwann verstummte ihr Geschrei und ich erlaubte mir, mein Tempo etwas zu drosseln. Ich lief weiter und erreichte in neuer Rekordzeit die Abtei. Dort angekommen übergab ich mich lautstark und brach vor Erschöpfung zusammen.
Als Nächstes wachte ich wieder auf einem Bett der Heiler auf. Die Wunden waren nicht tief, dafür umso zahlreicher. Sie mussten diesmal keine Magie einsetzen, um mich zusammen zu flicken, wollten mich jedoch einige Tage beobachten, damit sich keine Entzündung bildet. Irgendwann besuchte mich Eagan und ich berichtete ihm, was ich in Erfahrung bringen konnte. Mit besorgter Miene nickte er und murmelte etwas davon, dass er die Elite aufbieten wird. Mir soll es recht sein.
Ich für meinen Teil werde nie wieder einen Fuß in eine Mine setzen. Ich gehöre in die Natur. Am besten auf einen Berg. Diese Höhlen sind mir einfach zu riskant. Sobald mich die Heiler entlassen, werde ich mich noch um die dritte Aufgabe kümmern. Mit dahergelaufenen Räubern sollte ich weniger Probleme haben.
Ich hatte Glück. Die Wunden verheilten gut und es bildete sich keine Entzündung. Die Heiler waren jedenfalls sehr zufrieden mit ihrer Arbeit und entließen mich bereits zwei Tage früher als geplant. Ich konnte mich nun also auf die nächste Aufgabe vorbereiten.
Da ich nur noch meinen Bogen besaß, musste ich mir zunächst überlegen, wie ich an neue Waffen komme. Wieder auf die Händler zu warten dauerte zu lange. Ich wollte nicht noch länger warten als unbedingt nötig war. Glücklicherweise fand ich bei einem Trainingslauf einen abgebrochenen Ast. Dieser war kerzengerade und hatte an einem Ende eine leichte Verdickung. Mit einem Küchenmesser schälte ich die Rinde ab und härtete das Holz über dem Feuer. Das war vielleicht nicht so schön ausbalanciert wie mein altes Schwert, doch konnte ich mit dem beidhändigen Griff mehr anfangen als mit dem kleinen Schwertchen, das wohl immer noch im Stollen lag. Die zusätzliche Masse am Ende sollte zudem ausreichen, um eine gewisse Durchschlagskraft und Nachhaltigkeit zu erzeugen.
Ich ließ mir vom Prior noch einmal den Weg zum Weingut beschreiben und fragte ihn nach dem Aufbau des Gebäudes aus. Ich wollte nicht nochmals denselben Fehler begehen und in einen Hinterhalt geraten. Offensichtlich war es vielmehr ein glorifiziertes Lagerhaus mit Schlafräumen. Das Erdgeschoss bestand aus einem einzigen Raum, in welchem die Früchte gelagert wurden, bis die Pressen bereit waren. Durch eine einzelne Treppe gelangte man in das obere Stockwerk, wo sich eine kleine Küche und drei Schlafzimmer befanden. Neben dem Haus gab es noch einen kleinen Schuppen für Werkzeuge. Alles in allem also sehr überschaubar.
Den Weg legte ich diesmal in einem gemütlicheren Tempo zurück. Ich wollte nicht schon außer Atem sein, wenn ich ankomme. Zudem war es wirklich schön, da das Weingut auf einem Hügel errichtet wurde und ich so ein wenig Aussicht auf den umliegenden Wald erhielt. Es war natürlich kein Vergleich zum Anblick von meinen heimischen Bergen aus. Da konnte ich über das ganze Land blicken. An schönen Tagen konnte der Blick über die gemäßigten Wälder und den Schwarzhain bis zu den Dschungelbäumen des südlichen Kaps schweifen. Hier reichte die Sicht gerade einmal bis zu Hauptstadt.
Als ich den staubigen Weg zum Weingut erreichte, sah ich schon einen der Banditen vor dem Haus sitzen. Er machte auf mich keinen besonders gefährlichen Eindruck und unterschied sich auf den ersten Blick nicht von einem Bauern. Ich nutze meinen Stab als Gehhilfe, um einen möglichst ungefährlichen Anblick zu bieten. Vielleicht ließ sich das Ganze mit Worten klären und ich musste keine Gewalt anwenden. Falls nicht war es besser, wenn sie mich für einen altersschwachen Wanderer hielten, der sich kaum auf den eigenen Beinen halten konnte.
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