Die Banditen würden die Mönche in Ruhe lassen und sich nur an den Trauben satt essen. Seine Sorge bestand mehr darin, ob er genügend Früchte zum Keltern haben wird. Immerhin scheint der Wein dieser Abtei einen großen Teil der nötigen Einnahmen zu generieren. Ich habe ihm meine Hilfe angeboten, was er jedoch mit einem müden Lächeln abtat. Sein Gesicht verriet mir jedoch, dass er bei dieser Sache dringend Hilfe brauchen könnte.
Die Stallmeisterin Llane hat mir wiederum erzählt, dass sie ein Rudel Wölfe in den Wäldern vermutet. Sie war eine noch recht junge Frau, der man die Arbeit in den Ställen ansah. Ihre Hände waren rau von der schweren Arbeit und ihre Figur zeigte deutlich, dass sie anpacken konnte. Ihr weibliches Gesicht und der schlanke Körper mit den deutlichen Rundungen wogen ihre etwas männliche Art jedoch mehr als auf.
Sie verriet mir, dass ihre Stuten jeden Abend unruhig seien und sie hat von komischen Geräuschen in der Nacht berichtet. Auch ihr habe ich meine Hilfe angeboten. Sie meinte aber nur, dass sie bereits den Jägern aus der Stadt Bescheid gesagt hat.
Ich kenne diese Jäger. Sie blickten immer auf meinen Stamm hinab, da wir mit unseren schweren Klingen kaum die Finesse der Jagd verstehen würden. Das sind aber dieselben Menschen, die bei einem anstürmenden Wildschwein die Hosen voll haben. Ich würde mich nicht auf diese Typen verlassen.
Zuletzt hat mir heute Morgen beim Training die Wache Eagan erzählt, dass die nahe gelegene Mine Gerüchten zufolge von Kobolden überrannt wurde. Eagan ist ein durchschnittlicher Soldat. Er hat kräftige Schultern, kurz geschorenes, braunes Haar und einen immerzu steinernen Gesichtsausdruck. Seine Arbeit nimmt er sehr ernst und er kann auch ganz passabel mit dem Schwert umgehen. Seit Anfang der Woche trainieren wir gemeinsam nach meinem Lauf im Wald. Seine Technik ist gut genug, um mich wieder etwas in Form zu bringen. Allerdings schadet es ihm genau so wenig wie mir wieder einmal die Waffe in die Hand zu nehmen.
Die Kobolde, die er erwähnte, werden von allem angezogen, das glänzt. Sie sehen mit ihren kleinen Laternen, den langen Nasen und den Spitzhacken wie aufgeblasene Ratten aus. Allerdings verteidigen sie ihr Eigentum bis in den Tod. Selbst dann, wenn sie es erst vor Kurzem jemand anderem geraubt haben. Eagan war auch der Einzige, der mein Hilfsangebot angenommen hat. Ich soll für ihn bei einem meiner Trainingsläufe nachsehen, ob die Gerüchte stimmen, damit er entsprechende Verstärkung anfordern kann. Einfach nur nachsehen klang nicht gerade nach einer schweren Aufgabe. Wenn es ihm jedoch hilft schaue ich gerne vorbei.
Ich habe das Bedürfnis, den Menschen hier etwas zurück zu geben. Sie haben mir das Leben gerettet, mich zusammengeflickt und mich wochenlang versorgt. Das alles, obwohl sie wissen woher ich komme und was für eine Art Mensch ich bin. Ihre Hilfsbereitschaft kann ich nicht ohne Weiteres hinnehmen. Zudem haben sie allem Anschein nach genügend eigene Probleme, um die sie sich kümmern müssen.
Ich werde sehen, dass ich mir irgendwo eine Waffe und einen Bogen beschaffen kann. Bisher kam jede zweite Woche eine kleine Handelskarawane vorbei. Vielleicht kann ich da einige Dinge eintauschen. Im Wald habe ich das eine oder andere Kraut gesehen, welches für Alchemisten oder Köche interessant sein könnte. Das bildete eine gute Basis für ein Tauschgeschäft. Vielleicht kann ich mich so ausrüsten und den Menschen hier etwas zurückgeben. Wenn ich nur eines der drei Probleme aus der Welt schaffen könnte, wäre ihnen wahrscheinlich schon sehr geholfen. Ab morgen sammle ich jedenfalls Kräuter und trockne sie in meinem Zimmer. Dann fühle ich mich vielleicht auch nicht mehr nur wie unnötiger Ballast.
Ich habe mich wieder verletzt. Diesmal ist es aber nicht so schlimm und die Heiler sagen, ich sollte in einigen Tagen wieder auf den Beinen sein. Am besten beginne ich jedoch am Anfang der Geschichte.
Wie geplant habe ich im Wald Kräuter gesammelt. Neben Beulengras und Königsdorn fand ich auch eine Wasserwurzel. Diese allein ist schon einiges wert. Als dann endlich die Karawane ankam, habe ich meinen Vorrat gegen Ausrüstung getauscht. Sie hatten einen leichten Kurzbogen mit einigen Pfeilen, sowie ein Kurzschwert und einen kleinen Rundschild im Angebot. Der Bogen sollte seinen Zweck erfüllen. Das Kurzschwert hat den Namen jedoch kaum verdient. Ich hatte schon Jagdmesser, die grösser waren. Zudem war es stumpf und auch mit dem Schleifstein des Kochs konnte ich es nicht wirklich schärfen. Der minderwertige Stahl würde höchstens für zwei oder drei Schläge scharf bleiben. Zudem hätte ich lieber etwas Größeres gehabt, aber man muss nehmen was man bekommt und das Beste daraus machen.
So ausgerüstet bin ich dann an einem Abend in den Wald gegangen, um die Wölfe zu suchen. Ich hatte bereits bei meinen Trainingsläufen die unterschiedlichen Spuren gesehen und wusste ungefähr, worauf ich mich einließ. Den Pfotenabdrücken zu Folge waren es vier bis fünf Wölfe. Keine besonders große, weshalb ich davon ausging, dass es ein Rudel von Jungwölfen war, das sich vor Kurzem von ihrem Elternrudel getrennt hatte. Wahrscheinlich stammten sie aus den Bergen und suchten nun in den Tälern nach leichter Beute.
Bereits nach kurzer Zeit fand ich das Rudel auch. Es waren wie erwartet fünf Tiere. Alle waren sie recht klein und schmal, was meine erste Einschätzung bestätigte. Mit dem Bogen erlegte ich zwei von ihnen, was die anderen drei zur Flucht trieb. Immerhin beeinträchtigten die Verletzungen meine Zielgenauigkeit nicht. Ich ging davon aus, dass sie sich nun etwas zurückziehen und die Abtei in Ruhe lassen würden. Zum einen ist ihr Rudel dezimiert und zum anderen wissen sie, dass sie hier nicht erwünscht sind. Die Pferde in den Ställen sind auf jeden Fall zu groß, als dass drei Wölfe sich daran wagen würden.
Mit den beiden Kadavern über der Schulter machte ich mich auf den Weg zurück zum Kloster. An einer seichten Stelle des Flusses, etwas abseits des Klosters, zog ich ihnen mit geübten Griffen die Haut ab und zerlegte das Fleisch in einzelne Portionen. Nicht jeder war dafür geschaffen, dieses blutige Handwerk auszuüben. Ich kannte es jedoch seit meiner Kindheit.
Das Fell der Wölfe gab ich Llane, damit sie es bei den Händlern für etwas Schönes eintauschen konnte. Vielleicht eine Halskette oder ein neues Paar Schuhe. Das Fleisch habe ich in der Küche abgegeben. Damit sollten sie zwei oder drei Tage alle Mäuler stopfen können. Ich bat die beiden nur darum nicht zu erzählen, dass ich dafür verantwortlich war. So wie ich die anderen hier einschätze, würden sie nur Schuldgefühle haben und sich bei mir bedanken wollen.
Llane ließ es sich nicht nehmen und umarmte mich zum Dank. Der Geruch von Stroh und Pferdeäpfel drang in meine Nase, doch ich erwiderte die Umarmung. Solange sie eine Sorge weniger hatte und glücklich war, hatte ich alles richtig gemacht.
Am Morgen nach der Jagd machte ich mich auf zu den Minen. Eagan hat mir die grobe Richtung gezeigt und gesagt, dass es etwa einen halben Tagesmarsch entfernt wäre. Das Training zeigte Wirkung und ich schaffte es in der halben Zeit. Nachdem ich angekommen war und mir eine kurze Verschnaufpause gönnte, schlich ich mich an den Höhleneingang an. Ich sah recht schnell, dass die Gerüchte stimmen mussten. Vor dem Eingang lagen haufenweise aufgebrochener Kisten und Werkzeuge verstreut. Zudem zeichnete sich deutlich ab, wo die Viecher ihre Notdurft verrichteten. Mit dieser Information hätte ich bereits zurück zu Eagan gehen können. Wahrscheinlich wäre das auch sinnvoller gewesen. Ich wollte aber noch herausfinden, mit wie vielen Rattenmenschen wir es hier zu tun hatten.
Kobolde sind auf eine gewisse Weise intelligent, so dass sie die Verwendung von Werkzeugen verstehen. Allerdings schlagen ihre Instinkte durch, wenn sie etwas Glänzendes sehen und sie verlieren jede Vernunft. Da in diesen Minen vor allem Silber für die Münzstätten der Hauptstadt abgebaut wird, gab es genügend Glänzendes, das ihre Aufmerksamkeit erregte. Dementsprechend ungesichert war der Eingang und ich konnte ohne Weiteres hineinschleichen.
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