Wir verbrachten unsere gesamte freie Zeit gemeinsam. Einzig wenn ich arbeiten ging, waren wir nicht zusammen. Ich hasste diese Stunden ohne ihn schon längst! Auch Noel ließ keinen Zweifel daran, dass er mich in dieser Zeit vermisste.
Endlich war Freitag – Wochenende! In der Pause saß ich in der Kantine mit Marion zusammen. Wir hatten einige Monate zusammen gearbeitet und duzten uns.
„Du wirkst sehr glücklich in den letzten Tagen“, sagte sie freundlich. „Verliebt?“
Ich lächelte. „Ja, ich bin sehr glücklich. Noel und ich sind seit zwei Wochen zusammen.“
„Noel?“
„Ja, ein seltener Name, seine Mutter ist Französin.“
Marion wirkte überrascht. „Ich glaube, ich kenne ihn! Ist er blond, groß, sieht gut aus und trägt abgefahrene Klamotten?“
Als ich alles bejahte, lächelte sie: „Sieh an, sieh an! Noel ist zurück! Und er ist mir dir zusammen!“ Sie sah mich prüfend an. „Ja, du bist in etwa sein Typ.“
Ich betrachtete Marion. Sie war nur wenig kleiner als ich und hatte dunkelblondes, schulterlanges Haar. Ihr Gesicht war zwar relativ hübsch, aber nicht vergleichbar mit meinem. Sie hatte einen üppigen Busen und auch ihr knackiger Po war nicht zu verachten. Ich wusste, dass sie vier Jahre älter war als ich. Und sie war schlanker!
„Woher kennst du Noel?“, fragte ich von Neugier geplagt.
„Das soll er dir am besten selbst sagen. Ich glaube aber nicht, dass er das tun wird. Ach, sag ihm besser nicht, dass du mich kennst, sonst wirst du da in was reingezogen, mit dem du nichts zu tun hast.“
„Ich bin jetzt wirklich verwirrt!“, sagte ich.
„Nur eines noch: Sei vorsichtig!“, warnte Marion mich, stand auf und ging. Die Pause war zu Ende.
***
Noel war noch nicht zu Hause, als ich dort ankam. Ich versuchte, die merkwürdige Unterhaltung mit Marion zu vergessen. Sie hatte sich sehr mysteriös verhalten und ich hätte gern gewusst, was die beiden verband. Doch die Gefahr, dass ich Noel durch meine Fragen verärgerte, war zu groß.
Ich entschloss mich, Noel nichts zu sagen und schwang mich auf mein rotes Mofa, um fürs Wochenende einzukaufen. Noel hatte mir dazu Geld gegeben. Er bezahlte so gut wie alles. Ich sollte alles für ein schönes Frühstück einkaufen, hatte er mir aufgetragen. Auch zwei Flaschen Sekt durften nicht fehlen.
Mehr als 48 Stunden am Stück würden wir zusammen sein! Ich konnte es kaum erwarten. Nach dem Einkaufen duschte ich mich und machte mich hübsch – jedoch ohne Lipgloss. Dann nahm ich ein Buch und wartete auf Noel.
Als er die Türe aufschloss, lief ich ihm entgegen. Doch an diesem Abend war Noel nicht allein. Hinter ihm trat ein Junge in den Raum, dessen Anblick mir den Atem nahm.
Noel küsste mich wie üblich zur Begrüßung. Doch dieses Mal schloss ich die Augen dabei nicht.
„Das ist Marlon, mein jüngster Bruder“, stellte Noel den Jungen vor, als er mich losließ.
„Hallo, Nina“, kam es melodisch aus seinem sinnlichen Mund. Er trug eine beige Leinenhose und ein legeres kurzärmeliges Hemd im gleichen Ton, dazu passende Slipper. Er war groß und schlank. Doch das Unglaublichste an ihm war sein Gesicht. Seine großen, hellblauen, strahlenden Augen waren umrahmt von langen dichten Wimpern. Das hellblonde lockige Haar trug er schulterlang. Er sieht aus wie ein Engel, dachte ich ergriffen, und war von seiner Schönheit überwältigt.
„Hallo Marlon“, hauchte ich und versuchte, mich unter Kontrolle zu bekommen. Marlon lächelte mir freundlich zu.
„Marlon wird uns heute Abend begleiten“, erklärte Noel.
***
Mit dem Taxi fuhren wir in die Seemühle, Noels Stammlokal. Dort setzte sich Marlon mir gegenüber an einen freien Tisch. Noel bestellte für uns beide Cola und für sich das übliche Pils. Ständig ertappte ich mich dabei, dass ich Marlon ansah. Wenn er meinen Blick bemerkte, strahlte er mich an. Dann lächelte ich auch.
In der Ecke des Lokals stand ein Flipper. Marlon stand auf und ging spielen. Ich sah immer wieder zu ihm. Noel war das nicht entgangen.
„Sag mir, was du denkst, Nina!“
Ich lachte. „Nein, das kann ich dir jetzt nicht sagen!“
Er lächelte mich an, schlang die Arme um mich und drückte mich an sich. „Sag es mir, hab keine Angst, ich weiß schon längst, was in dir vorgeht.“
„Du wirst entsetzt sein!“
„Sei mutig! Also, was denkst du?“, ermunterte er mich.
„Wie unglaublich schön dein Bruder ist …“
„Ja, das ist er!“
„Er sieht aus wie ein Engel.“
„Und du bist ein Engel.“ Er küsste mich.
„Hast du wirklich gewusst, was ich denke?“
„Vom ersten Moment an, als du ihn ansahst.“
„Und du bist mir nicht böse?“
„Nein! Im Gegenteil! Es freut mich, dass du ihn anziehend findest.“
„Das hab ich aber nicht gesagt“, protestierte ich.
„Aber gedacht.“ Noel lächelte immer noch.
„Stimmt“, sagte ich und sah wieder zu Marlon rüber.
„Findest du ihn erotisch?“
„Willst du das wirklich wissen?“
„Sonst würde ich nicht fragen, Nina.“
„Er wirkt auf mich wie ein Mädchen – und ja, ich finde ihn äußerst erotisch“, gab ich zu.
„Er ist unzweifelhaft ein Junge, und er hatte noch nie ein Mädchen.“
„Das glaube ich dir nicht“, lachte ich.
„Dass er ein Junge ist?“, scherzte Noel.
Ich musste lachen. „Nein, dass er noch nie mit einem Mädchen geschlafen hat.“
„Doch, es ist wahr! Frag ihn doch.“
„Bist du verrückt? Wie sieht denn das aus!“
„Als ob du mit ihm schlafen willst?“
Ich suchte Noels Augen. „Das will ich nicht!“
„Lügnerin“, flüsterte Noel und küsste mich innig.
„Du weißt, dass ich nur dich liebe“, flüsterte ich, als er mich losließ.
„Dann tu es, weil du mich liebst!“
Alles Lächeln wich aus meinem Gesicht. Der Boden öffnete sich und die Hölle schien mich verschlingen zu wollen, als Noel mich in Versuchung führte.
„Das kannst du nicht wirklich wollen!“
„Du willst es selbst, Nina.“
„Nein! Ich finde ihn nur sehr attraktiv und …“ Ich stockte.
„… äußerst erotisch“, ergänzte Noel.
Ich sah Noel betroffen an. „Bitte entschuldige. Ich hätte das niemals sagen dürfen.“
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Nina. Du hast nur das gesagt, was du gedacht hast. Und genau das ist es, was ich von dir erwarte. Ehrlichkeit zu mir und zu dir selbst.“
Er küsste mich erneut.
„Marlon wird sich sein ganzes Leben lang an das erste Mal erinnern! Gib ihm das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein, Nina! So wie du es für mich beim ersten Mal warst, als ich dein unschuldiges Wesen in meinen Armen hielt!“
„Er ist noch so jung, Noel!“
„Du bist doch selbst noch jung, Lämmchen! Tu es, gerade weil du mich liebst! Marlon hatte gestern Geburtstag und ich versprach ihm, dass du mein Geschenk an ihn sein wirst!“
„Noel, wie konntest du …!“
„Pssst, Nina! Jede Faser deines Körpers sehnte sich danach, von seinen sinnlichen Lippen geküsst zu werden. Seit dem Moment, als du ihn das erste Mal sahst. Ich kenne dich inzwischen auch ein bisschen. Und Marlon ist zumindest optisch die Verkörperung aller deiner Träume.“
Noel küsste mich leidenschaftlich. „Ich werde dich mehr denn je begehren, wenn du deinen Körper und deine Sinnlichkeit Marlon zum Geschenk gemacht hast!“
Er sah in meine Augen und erkannte, dass ich mit den Tränen kämpfte. „Du brauchst nicht verzweifelt zu sein, Nina. Ich zwinge dich nicht dazu, ich bitte dich nur darum.“
„Du wirst mich danach verlassen!“
Noel lächelte. „Niemals!“
„Du wirst es mir irgendwann zum Vorwurf machen!“
„Nein, das werde ich nicht. Versprochen.“
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