Es gibt auch keinen Kleiderschrank. Stattdessen steht dem Bett gegenüber ein klappriger Kleiderständer mit einigen Bügeln. Daneben ragen ein paar Kleiderhaken aus der Wand. Unter dem Bett befindet sich eine große Schublade, in der man seinen Koffer platzieren soll, denn für diesen ist in den kleinen Räumen beim besten Willen kein Platz mehr. Problematisch ist nur, dass der Abstand zwischen Bett und Wand so eng ist, dass die Schublade nicht ganz zu öffnen ist, ohne dass man zuvor das Bett zur Seite rückt. Dass schon viele Leute zuvor diese Feststellung haben machen müssen, lässt sich an den zahlreichen schwarzen Streifen, die offenbar der Griff der Schublade an der weißen Wand unterhalb des Waschbeckens hinterlassen hat, erkennen. Im Übrigen haben die Zimmer auch keine Fenster. An der Decke befindet sich lediglich eine Lüftung, die für etwas Frischluft sorgt, im Gegenzug aber sehr laut surrt.
Nacheinander schreitet Karl die drei Räume ab. Da die Zimmer jedoch alle gleich aussehen, entscheidet er sich schließlich deshalb für das Zimmer mit der Nummer 7, weil die Zahl 7 seine Lieblingszahl ist. Außerdem befindet sich direkt gegenüber das Etagenklo. Karl betritt den Raum und wirft seinen Koffer und seinen schweren Rucksack achtlos auf den Boden. Dann geht er wieder nach draußen auf den Gang. Soeben kommen Matthäus und Cordula um die Ecke. Matthäus stellt seinen Koffer ab und stürmt auf seinen Kollegen zu.
„Was sollte das denn jetzt? Warum bist du so schnell und ohne jede Vorankündigung mit all unseren Zimmerschlüsseln abgehauen? Wir sind gerade erst hier angekommen und schon machst du uns peinlich. Die Leute hinter uns haben schon vorwurfsvoll den Kopf geschüttelt, als du so unvermittelt weggelaufen bist“, fragt und tadelt er Karl missbilligend. Diesem fällt zunächst keine passende Antwort ein. Seine wahren Beweggründe möchte er natürlich nicht preisgeben – deshalb erst recht nicht, weil ohnehin alle Zimmer gleich aussehen und Matthäus ihn aufgrund dieser Tatsache bestimmt herzlich auslachen würde.
„Ich, ich wollte, also, ich habe mir gedacht, dass …“, stammelt Karl los. Doch dann hat er eine Idee: „Ich wollte nur nachsehen, ob unsere Zimmer sauber sind und ob die Betten gemacht sind. Ansonsten hätte ich mich sofort über die Missstände beschweren können“, erklärt er überzeugend und freut sich über seine gute Ausrede.
„Das war echt klasse von dir!“, jubelt Cordula begeistert. „Ein sehr guter Gedanke“, fügt sie hinzu. Matthäus hingegen ist nicht recht überzeugt, begnügt sich aber dennoch mit Karls Antwort. Er hat bereits seinen Koffer wieder an sich genommen und schreitet nun auf die Zimmertür des Zimmers mit der Nummer 5 zu. Schnell läuft Karl ihm hinterher und reicht seinem Kollegen beflissen den zugehörigen Schlüssel.
Nachdem Karl auch Cordula ihren Schlüssel gegeben hat, verschwinden die drei zunächst in ihren Zimmern. Karl blickt sich noch einmal in dem spärlich eingerichteten und sehr überschaubar kleinen Raum um. Hier wird er wohl die nächsten fünf Tage leben müssen. Er überlegt, ob er seinen Koffer ausräumen soll, entscheidet sich aber dagegen. Zum einen ist Karl einfach zu faul dafür, zum anderen wüsste er nicht, wohin er seine Sachen räumen sollte. Schließlich gibt es keinen Kleiderschrank. Deshalb ist Karl hier eigentlich schon fertig und verlässt den Raum. Er geht zu Cordulas Zimmer und klopft an die nur angelehnte Tür.
„Herein!“, ruft Cordula und Karl tritt ein. Cordula ist gerade damit beschäftigt, einige Kleidungsstücke aus ihrem Koffer zu räumen, um sie in der Schublade unter dem Bett zu verstauen. Dabei hat sie ein Problem: Die Schublade lässt sich nämlich nicht öffnen.
„Die Schublade klemmt. Kannst du mir mal helfen?“, bittet sie deshalb Karl, dem es mit etwas Feingefühl tatsächlich gelingt, die Schublade – soweit das aufgrund des Platzmangels im Zimmer möglich ist – zu öffnen. Cordula ist sehr froh und bedankt sich bei ihrem Kollegen.
„Wann sollen wir denn von hier losgehen, Karl?“, fragt sie ihn. Das weiß Karl natürlich auch nicht.
„Da musst du mal Matthäus fragen“, gibt er ihr deshalb zur Antwort. Da Cordula noch mit ihrem Koffer beschäftigt ist, beauftragt sie Karl, sich bei Matthäus zu erkundigen.
Gehorsam verlässt ihr Kollege den Raum und geht zu Matthäus' Zimmer. Weil er auf sein Klopfen hin keine Antwort bekommt, geht er einfach hinein, denn auch Matthäus' Tür ist nur angelehnt. Matthäus sitzt gerade auf der Bettkante und hält in der einen Hand ein kleines Heft, das in jedem Zimmer ausliegt und in dem einige Verhaltensregeln und sonstige wichtige Informationen zum Leben im Hostel stehen. In der anderen Hand hält Matthäus ein dänisches Wörterbuch, das er extra für diese Reise erworben hat – insbesondere natürlich, um sich an der einen oder anderen Stelle wichtigmachen zu können, wenn er der Einzige ist, der über dänische Sprachkenntnisse verfügt. Das Heft mit den Verhaltensregeln ist nämlich ausschließlich auf Dänisch verfasst, aber Matthäus möchte mit seinem Ehrgeiz trotzdem versuchen, sich den Inhalt eigenständig zu erschließen. So erfährt er zum Beispiel, wo sich die Feuerlöscher befinden oder dass das Frühstück morgens um halb acht im großen Gemeinschaftsraum im ersten Obergeschoss beginnt oder dass man sich doch bitte in den Zimmern möglichst leise verhalten, dort keinen Müll hinterlassen soll und das Zimmer vor der Abreise noch einer umfangreichen Reinigung zu unterziehen hat. Er blickt gar nicht auf, als sein Kollege hereintritt.
„Cordula lässt fragen, wann wir von hier losgehen“, berichtet Karl Matthäus. Dieser sieht noch immer nicht auf.
„Sobald ich hier fertig bin“, erwidert er beiläufig und beachtet Karl nicht weiter. Dieser überlegt, ob diese Information Cordula als Antwort wohl genügt, entschließt sich dann aber doch zu einer Nachfrage.
„Und wann soll das sein?“, erkundigt er sich weiter.
„Was weiß ich? Aber eine halbe Stunde brauche ich bestimmt noch“, entgegnet Matthäus und blickt hoch zu Karl. „Immerhin ist es auch in deinem Interesse, wenn ich mich mit den Gepflogenheiten im Hostel vertraut mache. Du willst dich ja wohl hier nicht daneben benehmen. Und außer mir ist ja ganz offensichtlich keiner von euch dazu in der Lage, den Inhalt dieser Broschüre zu verstehen“, fügt er hinzu und wendet sich wieder dem Heft zu.
Karl verlässt den Raum und geht zu Cordula, um ihr die Neuigkeiten zu überbringen. Seine Kollegin ist ganz froh darüber, dass die drei noch eine Weile im Hostel verbleiben werden. Der Akku ihres Fotoapparats ist nämlich fast leer und sie muss ihn dringend aufladen. Nur leider hat sie diesbezüglich ein weiteres Problem: Sie findet die Steckdose nicht.
„Kannst du mir vielleicht sagen, Karl, wo sich hier eine Steckdose befindet?“, fragt sie ihren Kollegen. Doch dieser hat leider auch keinen blassen Schimmer. Oberflächlich sucht er die Wände ab. Da er aber nichts findet, zuckt er nur ratlos mit den Schultern.
„Da musst du mal Matthäus fragen“, erwidert er. Da Cordula ihn bittet, auch das zu übernehmen, verlässt Karl erneut folgsam das Zimmer, klopft bei Matthäus an und betritt dessen Raum. Matthäus sitzt immer noch auf der Bettkante, liest in dem Heft und blättert dazu in seinem Wörterbuch.
„Cordula lässt fragen, wo hier im Raum eine Steckdose ist“, richtet Karl seinem Kollegen Cordulas Frage aus. Glücklicherweise hat Matthäus genau das gerade eben in der Broschüre nachgelesen und kann deshalb weiterhelfen. Ohne aufzublicken erklärt er Karl in kurzen Worten, dass die Steckdose unterhalb des Waschbeckens zu finden sei. Mit dieser Information geht Karl zurück zu Cordulas Zimmer und zeigt seiner erleichterten Kollegin die Steckdose.
In dem Moment ruft Matthäus Karl herbei. Artig verlässt dieser Cordulas Zimmer und geht zu seinem Kollegen. Matthäus hat das Heft mittlerweile durchgearbeitet und versucht gerade, seinen schwarzen Lederkoffer in der Schublade unter dem Bett zu verstauen. Nur leider ist der Koffer zu groß, als dass er in die – aufgrund des Platzmangels nicht ganz zu öffnende – Schublade hineinpasste. Deshalb fordert Matthäus seinen Kollegen auf, ihm dabei zu helfen, das Bett so zu verrücken, dass sich die Schublade ganz öffnen lässt. Mit vereinten Kräften schieben die beiden das Bett zur Seite. Das hat zwar tatsächlich zur Folge, dass sich die Schublade nun weit genug öffnen lässt. Aber dafür zeigt sich auf dem Boden, wo eben noch das Bett stand, eine derart dicke und fiese Staubschicht, dass Matthäus angewidert zurückschreckt und niest.
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