Wobei, eigentlich hoffen das nur Matthäus und Cordula. Karl hingegen ist es gleichgültig. Er isst in Ruhe sein Fischbrötchen und macht sich über die bevorstehende Fährfahrt keine Gedanken. Wie sollte er auch? Dass der Bus, um nach Kopenhagen zu gelangen, mit der Fähre von Puttgarden nach Rødby fahren muss, weiß er gar nicht. Das muss er ja auch nicht wissen. Da er über weite Teile der Fahrt geschlafen hat, könnte Karl auch nicht ausschließen, dass eine Fährüberfahrt zu irgendeinem Zeitpunkt bereits stattgefunden hat. Er hat keine Ahnung, wie lange sie schon unterwegs sind und wo sich der Bus gerade befindet. Was er weiß, ist wenig, und alles was er nicht weiß, kann ihn auch nicht in seiner Ruhe stören. Aber selbst wenn er wüsste, dass sie gleich mit einer Fähre weiterfahren müssen und dafür reichlich spät dran sind, würde er dennoch keinen Gedanken daran verschwenden. Falls die drei im Bus vierzig Minuten auf die nächste Fähre warten müssten, dann wäre das eben so. Er, Karl, könnte daran jetzt sowieso nichts mehr ändern. Und selbst wenn er es könnte, täte er es nicht. Ihm ist es einerlei, ob der Bus vierzig Minuten früher oder vierzig Minuten später in Kopenhagen ankommt.
Während Karl gemütlich und in aller Ruhe sein Brötchen verspeist und danach wieder vor Müdigkeit die Augen schließt, blättert Matthäus interessiert in seiner soeben erworbenen Tageszeitung und überfliegt die Schlagzeilen.
‚Königin Margrethe II. lädt ein: Kanzlerin Merkel 1nächste Woche auf Staatsbesuch in Dänemark‘, liest er und fragt sich, ob die deutsche Bundeskanzlerin wirklich nichts Besseres zu tun hat, als mit der dänischen Königin Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Cordula blickt unterdessen aufmerksam aus dem Fenster, um sich die Landschaft anzusehen. Dumm nur, dass es immer noch dunkel ist und sie draußen kaum etwas erkennen kann. Und selbst wenn es hell wäre, gäbe es nicht viel zu sehen. Immerhin fährt der Reisebus gerade über eine Schnellstraße. Außerdem regnet es noch immer.
Gerade noch rechtzeitig kommt der Bus am Fährhafen an. Offen gestanden ist besonders Matthäus heilfroh darüber, da schließlich er für zusätzliche Verzögerung gesorgt hat. Auf die Vorwürfe seiner Kollegin Cordula kann er wirklich sehr gut verzichten. Von Karl hingegen hätte er nichts zu befürchten gehabt. Nachdem der Bus als allerletztes Fahrzeug im Untergeschoss der Fähre angehalten hat, schließen sich auch schon die Tore. Die Fahrgäste – allen voran Matthäus und Cordula – beeilen sich, den Bus zu verlassen, um auf das obere Deck zu gelangen und dort die Zeit der Überfahrt zu verbringen.
Nur einer bleibt hier unten im Bus. Und das ist Karl. Während die anderen aussteigen, bleibt Karl einfach sitzen. Er ist noch immer müde und hofft, während der Fährüberfahrt im Bus in Ruhe nochmal schlafen zu können. Matthäus und Cordula sind so in Eile, dass sie Karls Fehlen zunächst gar nicht bemerken. Und schon sind alle Leute weg und Karl ist ganz alleine. Er schließt die Augen und versucht einzuschlafen. Doch er schafft es nicht. Die Einsamkeit im Bus und das laut dröhnende, hier unten in der Halle bedrohlich umherschallende Geräusch der Schiffsmotoren machen ihm Angst. Er öffnet die Augen wieder und blickt sich um. Er sieht nach vorne in den unbesetzten Bus. Dann schaut er nach rechts aus dem Fenster. Das Untergeschoss ist riesig – zumindest kommt es Karl so vor. Überall stehen Autos, Lkws, Motorräder und Busse. Andere Menschen sind weit und breit nicht zu sehen. Der Anblick wirkt auf Karl geradezu ausgestorben und geisterhaft. Durch das Fenster auf der linken Seite entdeckt er ein kleines gelbes Schild mit der Aufschrift: ‚Der Aufenthalt im unteren Stockwerk ist während der Überfahrt aus Sicherheitsgründen nicht gestattet.‘
Karl erschrickt. Er will weg von hier – so schnell wie möglich. Panisch springt er von seinem Platz auf und läuft durch den leeren Bus zur Tür. Zu seinem Glück lässt sich diese problemlos öffnen. Angsterfüllt steigt Karl eilig aus und blickt sich hektisch um. Er hat keine Idee, wie er hier rauskommen soll. Irgendwo muss eine Treppe nach oben sein, aber Karl hat keinen blassen Schimmer, wo diese sein könnte. Schnell macht er sich auf die Suche. Er entdeckt eine Tür. Er öffnet sie. Aber dahinter befindet sich keine Treppe nach oben. Die Tür führt nur zu einem weiteren abgetrennten Teilbereich des riesigen Untergeschosses, in dem weitere Fahrzeuge stehen. Karl irrt ziellos umher. Er entdeckt wieder eine Tür und drückt die Klinke: Verschlossen. Karl wird immer panischer. Er kann den Ausgang einfach nicht finden. Abermals sieht er eine Tür. Aber dahinter befinden sich statt einer Treppe nur unter anderem einige Feuerlöscher und eine Leiter. Dies ist wohl der Abstellraum. Sicherheitshalber nimmt Karl einen Feuerlöscher mit – man weiß ja nie.
Da er den Weg nach draußen nicht findet, will Karl zumindest zurück zum Bus. Aber auch dieser ist wie vom Erdboden verschluckt. Karl hat sich hier unten total verlaufen. Für ihn sieht es auch überall gleich aus. Verzweifelt setzt sich Karl wahllos auf eine Motorhaube, die unter seinem Gewicht leicht knarrt, und überlegt: ‚Was mach ich nur? Was mach ich nur? Was mach ich nur? Was ist, wenn es jetzt brennt, während ich hier unten bin? Oder es gibt einen anderen Notfall? Vielleicht sinkt ja gleich das ganze Schiff. Niemand wird darauf kommen, dass hier unten noch jemand ist. Schließlich ist das ja verboten. Vielleicht kommt auch gleich irgendein Sicherheitsmensch und verhaftet mich, weil ich hier gar nicht sein darf. Was alles passieren kann.‘
Karl erschaudert und wird auf einen Schlag ganz bleich im Gesicht. Niedergeschlagen und mutlos stützt er den Kopf in beide Hände und klagt leise vor sich hin.
„Karl!“, ruft plötzlich jemand laut durch das Untergeschoss. „Bist du etwa noch hier unten?“
Das war doch Matthäus. Karl springt auf und blickt sich hektisch um. Auf der Motorhaube bleibt eine kleine Delle zurück.
„Karl!“, ruft Matthäus noch einmal.
Der Schall bricht sich immer wieder in der riesigen Halle und so ruft es nun von überall: „Karl! Karl! Karl! Karl! Karl! Karl! Karl!“, und Karl fällt es schwer, sich zu orientieren. So irrt er erneut umher und versucht, Matthäus' Stimme zu orten. Und schließlich sieht er ihn: seinen Kollegen Matthäus. Karl ist heilfroh.
„Was machst du denn noch hier unten? Warum bist du nicht gleich mit uns nach oben gekommen? Cordula war schon ganz in Sorge, ob dir etwas passiert ist, und hat mich nach dir suchen geschickt. Jetzt habe ich die Abfahrt der Fähre verpasst. Du bist das schuld!“, rügt Matthäus Karl maßregelnd und sehr vorwurfsvoll. Dieser versucht sich zu verteidigen.
„Ich habe mich halt verlaufen“, rechtfertigt sich Karl unsicher. Er selber merkt, wie absurd seine Erklärung für Matthäus klingen muss. Dieser blickt seinen Kollegen nur ungläubig und argwöhnisch zweifelnd an, sagt aber nichts mehr. Dann geleitet er ihn sicher zum Ausgang.
Karl ist überrascht: Da ist ja auch wieder ihr Reisebus. Der Ausgang befindet sich direkt daneben und über der Tür zum Treppenhaus hängt ein nahezu unübersehbares Schild mit der Aufschrift: ‚Ausgang‘. Hätte Karl doch besser hingesehen. Er hätte nur einmal um den Bus herumlaufen müssen und schon wäre ihm das Schild aufgefallen. Er hätte bloß von seinem Sitzplatz aus die Wand auf der linken Seite etwas intensiver in Augenschein nehmen müssen. Aber dies hat er aus lauter Furcht und Desorganisation unterlassen. Jetzt ist er einfach nur froh, von hier fort zu gelangen.
Matthäus und Karl steigen über eine schmale Treppe nach oben. So gelangen sie in einen großen Raum mit vielen Stühlen, einem Kiosk und dem Schiffsbistro, aus dem es lecker riecht. Matthäus steuert zielstrebig auf eine weitere Tür zu und plötzlich stehen die beiden draußen im leichten Nieselregen auf dem oberen Deck. Karl ist schon wieder überrascht: Die Fähre hat gerade einmal die Hafenausfahrt passiert. Sie ist erst vor wenigen Minuten abgefahren. Dabei kam ihm sein Aufenthalt im Untergeschoss wie eine halbe Ewigkeit vor. Karl schreitet gemächlich vor bis zur Reling und blickt verschlafen auf die ruhige See. Der Großteil des Himmels ist zwar mit Wolken bedeckt, aber im Osten ist noch ein freier blauer Streifen. Die Sonne geht gerade über dem Meer auf. Feurig rot taucht sie hinter dem Horizont in weiter Ferne auf und überflutet das Meereswasser mit hellem Licht, das sich in jeder Welle bricht. Karl blickt auf seine digitale Armbanduhr: Es ist kurz nach halb neun. Er genießt den schönen Anblick und lässt sich den frischen, kalten Wind durch Gesicht und Haare wehen. Matthäus stellt sich neben seinen Kollegen. Auch ihn scheint der Anblick der aufgehenden Sonne und des Lichtes auf den Wellen zu faszinieren.
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