Als er die Hülle fand, musste er feststellen, dass sie leer war. Das sah auch Maja, die ihr Weinen auf eine dreistellige Dezibelzahl erhöhte.
„Wo ist die CD?“ fragte er frustriert, denn er wusste, dass es dumm war, es vergegenwärtigte seiner Tochter abermals, dass die gewünschte CD fort war. Das Weinen nahm eine Stufe einer bedrohlichen Katastrophe an.
Schnell kramte er im Handschuhfach nach. Er fand eine andere CD von Benjamin, dem dicken Elefanten, der wohl in dieser Situation einfach „Törööö“ gemacht hätte und fein raus wäre.
„Maja, geht auch die, in der er der Giraffe hilft?“ wollte er in seiner Verzweiflung wissen.
Das Weinen wurde, und das hätte er, hätte es jemand zuvor einmal erzählt, selbst nicht geglaubt, ein tödliches Ausmaß an. Lennard, der bis dahin wie die Schweiz dort saß, hielt sich die Ohren zu.
Der Vater hatte das Gefühl, aus den Ohren zu bluten. Er schaute nach hinten, im Verdacht, die CD könnte auch dort liegen. Und er sollte Recht behalten, sie lag unter dem Beifahrersitz, gerade so, dass er sie sehen konnte. Maja war angeschnallt, Lennard konnte nichts hören, außer natürlich dem Geschrei seiner Schwester.
Jetzt bräuchte man einen Helden. Wo ist Superman, wenn man ihn braucht? Er versuchte, sich zu verbiegen, um an diese lebensrettende CD zu gelangen. Er schnallte sich kurz ab und schlängelte seinen Körper zwischen die beiden Vordersitze. Mit allerletzter Kraft konnte er die CD mit dem Klammergriff ergreifen.
Dann hupte es. Er kam schnell hoch, sodass ihm schwindelig wurde und bemerkte, dass die Ampel grün geworden war. Korrekterweise schnallte er sich erst an, um dann weiter zufahren. Maja schrie noch immer. In seiner als Mann, Unfähigkeit des Multitaskings, hatte er nicht bemerkt, dass er falsch abgebogen war. Die CD hatte er, entgegen der Straßenverkehrsordnung in der einen Hand, während er mit der anderen lenkte. Deshalb war er nicht abgebogen.
Dieser Umweg kostete ihm erwartungsgemäß Zeit, die er ohnehin nicht hatte. Das ganze Leben läuft bekanntermaßen in Zeitraffer, besonders wenn man Kinder hat. Wie schnell sie groß werden. Gestern geboren, heute Schule, Morgen Studium, Enkelkinder, alt.
Im Gegensatz dazu, aber nicht in widersprechender Weise, liegen die Augenblicke, die ewig dauern. So einer sollte nun folgen. Die falsche Ausfahrt genommen zu haben, auch innerstädtisch, kostete immer etwas. So landete er hinter einem Stau. Offenbar war vorn ein Unfall passiert. Er konnte es nicht erkennen. Gerade in dem Moment als er kehrt machen wollte, fuhren mehrere Autos hinter seinem Wagen.
Er konnte nicht wenden, da der Radius zu klein war. Wenngleich er in Mathematikunterricht nicht der allerbeste gewesen war, er sah dies. Immerhin hatte er nun Zeit, die Benjamin Blümchen CD einzuwerfen, um die Sirene auf der hinteren Sitzbank verstummen zu lassen.
Das Problem war nur, dass es schon 7.50 Uhr war und sein Sohn zu spät zur Schule kommen sollte. Das störte Lennard aber nicht, hoffte er doch insgeheim, dass die Schule ausfalle. Er, als Vater und Arbeitnehmer im klassischen Sinne, konnte aber kein frei nehmen, schon gar nicht mit einer Entschuldigung seiner Eltern.
Es fuhr ein Polizeiwagen an ihm vorbei. Die Geschichte sollte wohl länger dauern. Nicht, dass er kein Mitgefühl hatte, es war vielmehr die Frage, warum jetzt und warum hier? Wahrscheinlich war es eine Art Prüfung. Sich dem zu stellen, was einem schwer fiele. Manchen Menschen halfen solche Gedanken. Bei ihm war dies nicht der Fall. Er ärgerte sich schlicht und einfach.
Nach einer Weile kam ein weiterer Polizeiwagen. Vielleicht war ganz vorne kein Unfall, sondern ein Überfall? Er machte den Motor aus. Benjamin trötete weiter. Er beschloss auszusteigen. Nun konnte erkennen, dass ein Mercedes einem VW hinten draufgeknallt war. Die Wagen versperrten den Weg, sodass niemand vorbeikam.
Als er sich umdrehte, konnte er sehen, wie hinter ihm die ersten wendeten und wegfuhren. Er schnupperte Hoffnung. Schnellstens stieg er in den Wagen, um ihn zu starten. Nachdem es hinter ihm frei wurde, brachte er all seine Qualitäten als Autofahrer in eine Waagschale und drehte in gekonnter Art sein Auto. Er legte einen Start hin, den selbst Brian O’Connor aus The Fast and the Furious hätte erblassen lassen.
Er konnte so zurück in die Spur. Lennard ließ er um 8.13 Uhr aus dem Auto. Er war zu spät. Jetzt passte es ihm auch nicht mehr, denn er merkte, dass der Schultag nicht ausfiel. Maja war um 8.22 Uhr im Kindergarten. Er kam um 8.41 Uhr auf der Arbeit an.
Montag ist der längste Tag
Chefs sind keine Menschen. Sie werden ausgewählt nach folgenden Fertigkeiten: Bereitschaft, andere Menschen zu quälen, Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, Kritikunfähigkeit, Egoismus und sich bei alle dem auch noch gut verkaufen zu können.
Diese Liste ist nicht vollständig. Je mehr ein Chef davon besitzt, oder in ausgeprägter Weise hat, desto mehr leiden die Angestellten. So einen hatte er.
Ohne ein „Guten Morgen, wie geht es Ihnen, hatten sie auf der Hinfahrt Probleme“ brachte der Boss neue Arbeit. Schwere Arbeit. Unüberwindbare Berge von Arbeit, die selbst Pille nicht in der geforderten Zeit hätte meistern können.
„Der Abschluss von blabla muss unbedingt bis blabla erledigt werden. Ich verlasse mich da voll auf Sie, blabla“, brachte der nette Vorgesetzte zum Ausdruck. Am liebsten hätte er seinen Chef rückwärts aus seinem Büro rausgebrüllt. Ihm einfach die Meinung gegeigt.
Wie wahrscheinlich alle Chefs erkannte auch dieses Exemplar hier nicht, dass er ein Held der Arbeit war. Ohne ihn sähe sein Boss alt aus. Aber das traute er sich nicht, ihm zu sagen. Nicht einmal unterschwellig, wie seine Kolleginnen, was der Chef zwar auch nicht registrierte, dennoch Luft verschaffte.
„Ja, Ja“, brachte er heraus. Widerstand klingt anders. Widerstand konnte er sich nicht leisten, denn er war einst mal jung und brauchte das Geld.
„Mach etwas Vernünftiges“, hatten seine Eltern immer gesagt.
Etwas in der Wirtschaft sollte es sein, etwas Solides mit gutem Verdienst. Da seine schulischen Qualitäten nicht zum Arzt, Architekten oder gar Anwalt ausreichten, machte er eine Ausbildung. Er musste in seinem Vorleben irgendetwas verbrochen haben, er konnte sich nur nicht daran erinnern.
In seiner Zuverlässigkeit machte er seine Arbeit. Er war nicht wie die anderen Kollegen und schnatterte den gesamten Tag. Pünktlich kam er dennoch nicht von der Arbeit, da kurz vor Schluss noch ein wichtiger Auftrag kam. Wie immer.
Er rief seine Frau an, um ihr Bescheid zu geben, dass er es nicht schaffte, Maja abzuholen. Als das Telefon noch tutete, fiel es ihm ein- er hatte der Erzieherin nicht Bescheid gesagt! Rossmann musste sie dann machen und Lennard musste wohl von jemandem mitgenommen werden.
Nachdem es ihm über die Lippen gegangen war, konnte er den Telefonhörer mit gewaltigen Abstand halten und trotzdem laut und deutlich verstehen, was seine Frau zu ihm brüllte. Allerdings konnte es auch jeder andere hören. Die Verwandlung zum Monster, das er so fürchtete, war eingetreten!
Er konnte nicht einfach auflegen. Die Verbindung war ja nicht schlecht, da es sich um einen Festnetzanruf handelte. Er flüchtete. Wie er das tat? Er schweifte mit seinen Gedanken in ferne Welten. Durch die jahrelange Übung wusste er, wann ein „Ja“ oder „Mh“ kommen musste, damit sie keinen Verdacht bekam.
Irgendwann zwischen Heute und Morgen war es vorbei. Er hatte es ertragen, weil er musste. Das Positive war, dass er dadurch keine weiteren Aufgaben zu erledigen hatte, die ihm seine Königin zuvor auferlegte.
Die Arbeit, die er tat, war eintönig und langweilig, keine Spannung in Sicht. Heute musste er auch noch Überstunden machen, die er niemals nehmen könnte. Eigentlich stahl man ihm seine Lebenszeit.
Читать дальше