„Laura“, begann er, „ist der Ansicht, dass die reiche Familie Ravensberg Sonderrechte hat. Sie können sich praktisch alles herausnehmen, während die Ehepartner nach ihrer Pfeife zu tanzen haben. Aus irgendeinem Grunde kann und will sie nicht begreifen, dass ich nicht ihr Sklave bin und keine Lust habe, mich ihrer seltsamen Lebensanschauung unterzuordnen. Bist du verheiratet, Isabell?“
„Ja.“
„Glücklich?“
Isabell Wangenheim lächelte hintergründig. „Wenn das zuträfe, wäre Paul sicherlich mit mir nach München gekommen. Aber so, wie die Dinge nun mal liegen, ist er heilfroh, für ein paar Tage allein in Hamburg zu sein.“
„Er spielt doch Fußball, oder?“
„Ja, in der Bundesliga für Hamburg. Kennst du Paul?“
„Nur aus den Fernsehübertragungen. Er ist ein attraktiver Mann.“
„Paul ist in Ordnung, ich mag ihn“, sagte Laura.
„Sicher!“, höhnte Leon. „Alle attraktiven Männer findest du in Ordnung. Nur den eigenen Ehemann nicht, stimmt´s?“
„Da bin ich ja wirklich in eine reizende Situation hineingeschlittert“, stellte Isabell fest. „Könnt ihr den Streit nicht fortsetzen, wenn ich wieder abgereist bin?“
„Mach dir nichts daraus“, meinte Laura. „Ich bin diese Szenen gewohnt. Sie überraschen mich nicht. Streit ist die Würze unserer Ehe. Ich kann mich an bessere Zeiten erinnern“, setzte sie mit einem Seufzer hinzu. „Damals bestimmte noch Liebe und Sexualität unser Leben. Ach, waren das schöne Zeiten.“
„Es ist nicht meine Schuld, wenn es heute anders aussieht“, verteidigte sich Leon.
„Meine etwa?“
„Ja, natürlich. Deine!“, erklärte Leon.
„Da siehst du es“, meinte Laura klagend und blickte die Freundin an. „Diese typische männlich-kindliche Verhalten, dass immer alle anderen die Schuld tragen. Was soll man dagegen machen?“
Isabell lachte. Sie schien sich entschlossen zu haben, die Auseinandersetzung leicht zu nehmen.
„Warum lasst ihr euch nicht scheiden, wenn ihr so unzufrieden mit eurer Ehe seid?“, fragte sie.
„Darüber sollte ich wirklich mal nachdenken“, meinte Laura.
„Du kannst die Scheidung jederzeit haben“, sagte Leon und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
„Wovon willst du leben, wenn ich dich verlasse, mein lieber Gatte?“, fragte Laura eiskalt.
„Ich verdiene selbst genug Geld.“
„Nicht genug, um deinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren, mein schlechter Kaufmann.“
„Ich pfeife auf einen Lebensstil, der mich zu solchen Konzessionen zwingt.“
„Von welchen Konzessionen sprichst du?“
„Das weißt du ganz genau. Ich hasse es, ständig betrogen zu werden!“
„Du guter Leon“, lachte Laura leise. „Er ist so schrecklich sensibel.“
Leon erhob sich. „Gute Nacht“, sagte er, stellte sein Glas auf den Tisch und verließ das Wohnzimmer.
Als er am nächsten Morgen – einem Sonntag – zum Frühstück erschien, saß nur Isabell am gedeckten Tisch. Sie trug eine weiße, am Hals offenstehende Bluse und eine modisch geschnittene Hose.
„Guten Morgen, Leon“, begrüßte sie ihn. „Ausgeschlafen?“
„Danke, ich wünsche dir auch einen guten Morgen, und danke, ja, ich fühle mich frisch und munter“, antwortete er und nahm am Tisch Platz. „Es ist ja gleich zehn Uhr. Schläft meine reizende Ehefrau noch?“
„Nein“, erwiderte Isabell zögernd. „Sie ist noch gar nicht zu Hause.“
Er blickte sie nachdenklich an. „Noch nicht zu Hause?“
Isabell wich seinem Blick aus und bestrich sich eine Semmel mit Butter.
„Wir sind ein bisschen versackt. In verschiedenen Bars in Schwabing. Zuletzt waren wir eine ganze Gruppe. Als wir in einer Disko waren, habe ich Laura aus den Augen verloren. Ich habe mir ein Taxi genommen, bin zurückgefahren und habe mich sofort im Gästezimmer schlafen gelegt. Vorhin, als ich in Lauras Zimmer ging und sie wecken wollte, war Bett noch unberührt. Ich habe es an ihrem Handy versucht, aber ging nicht hin. Auf meine SMS hat sie bisher nicht geantwortet. Ehrlich gesagt, mache ich mit etwas Sorgen.“
Leon legte die Stirn in Falten. „Dazu besteht kein Grund“, entschied er nach kurzem Nachdenken. „Sie wird bei einem jungen Mann im Bett liegen und sich befriedigen lassen. Diese Kapriolen treibt sich häufig, sie schein eheliche Untreue zu mögen.“
„Warst du ihr denn immer treu?“, fragte die hübsche Brünette.
„Ich war ihr noch treu, als sie schon längst begonnen hatte, sich ständig wechselnde Liebhaber zu gönnen.“
„Das klingt sehr bitter. Woran liegt es, dass du nicht verstanden hast, sie zu halten.“
„Das liegt an Laura, nehme ich an. Sie hat einen nymphomanen Charakterzug.“
„Machst du es dir mit dieser Erklärung nicht zu einfach?“, fragte ihn Isabell.
Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Ich will nicht behaupten, dass nur Laura an allem schuld ist... aber es steht fest, dass sie mir niemals eine richtige Chance gegeben hat. Manchmal frage ich mich, warum sie überhaupt geheiratet hat.“
„Du bist ein sehr attraktiver Mann. Wäre das kein passender Grund?“, meinte Isabell grinsend.
„Danke“, sagte er mürrisch.
Nach dem Frühstück setzten sie sich auf die Terrasse. Die herabgelassene Markise gewährte ihnen Schutz gegen die warme Sonne.
„Ich bin trotzdem in Sorge“, sagte Isabell. „Sie müsste doch längst zu Hause sein.“
„Vielleicht“, erwiderte Leon bitter, „hat sie einen besonders ausdauernden Liebhaber gefunden.“
„Bist du das denn nicht?“
Er grinste. „Ich denke schon. Natürlich hängt das auch von der Partnerin ab.“
„Ich könnte mir vorstellen, dass Laura sehr leidenschaftlich ist.“
„Leidenschaftlich? Gewiss. Und beinahe unersättlich. Ich habe trotzdem keine Mühe gehabt, sie zu befriedigen. Unsere Entfremdung hat, glaube ich, nicht im Bett begonnen.“
„Es tut mir leid um eure Ehe.“
„Vergiss es“, winkte er ab. „Ich habe längst aufgehört, mir darüber den Kopf zu zerbrechen.“
„Das ist kein guter Standpunkt“, tadelte ihn Isabell. „Warum kämpfst du nicht um Laura?“
„Ich habe es versucht. Es führt zu nichts. Ich mache mich dabei nur lächerlich.“
Im Wohnzimmer klingelte das Handy von Leon. Er erhob sich und nahm das Gespräch entgegen.
„Ja?“, fragte er.
„Ich bin´s, Laura. Ich bin bei meiner Schwester.“
Er straffte sich. „Und?“
„Ich habe bei ihr übernachtet.“
„Isabell ist deinetwegen in Sorge gewesen.“
„Ist sie heute Nacht gut nach Hause gekommen?“
„Ja. Weshalb rufst du an?“
„Ich hatte mit Anna eine Aussprache. Deinetwegen.“
„Wie interessant. Was ich dabei herausgekommen?“
„Ich werde dich umbringen“, sagte Laura langsam, leise und gefährlich. „Du hast mit ihr geschlafen!“
Er beendete die Verbindung, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen.
Isabell blickte ihn neugierig von der Terrasse an.
„Wo ist Laura?“, fragte sie.
„Bei Anna.“
„Oh, dann ist ja alles gut.“
„Ja“, sagte er und blickte mit wie versteinert wirkendem Gesicht in den Garten. „Jetzt ist alles gut.“
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