Man kann das Leben halt nicht durchplanen. Manchmal passieren Dinge, womit niemand rechnet.
Wie kann diese Frau nur weiter in der Wohnung leben, in der ihre Familie den Tod fand? Diese Vorstellung ekelte mich richtig an und ich bemerkte eine unkontrollierbare Gänsehaut, die sich auf meinem ganzen Körper breitmachte.
Mit einem Mal stand ich auf und verließ meinen Balkon, nahm den Wohnungsschlüssel vom Haken und verließ die Wohnung.
Mit meinem grünen VW Golf erreichte ich nach einer kleinen Spritztour die Hügelstraße und parkte auf einem Seitenstreifen gegenüber der Einfahrt des Hauses. Ich klingelte dreimal erfolglos, lief bis zum Gartentor, an dem ein kleiner Springbrunnen stand. Ich stellte mich auf die Steine, die am Wegesrand lagen und schaute durch einen großen Fensterrahmen ins Haus. Das muss das Wohnzimmer sein, doch es war niemand zu sehen.
„Hallo, ist da jemand?“, rief ich in Richtung des Gartens. Als ich keine Antwort bekam, ging ich wieder zur Haustür. Ich erschrak, als mich plötzlich ein älterer Herr mit Gehstock eindringlich ansah, der auf der Einfahrt stand.
„Entschuldigung. Ich wollte nur mit der jungen Frau sprechen, die hier lebt.“, gab ich dem älteren Herrn zu Verstehen und merkte, dass er mir daraufhin einen freundlicheren Gesichtsausdruck entgegenbrachte.
„Ach, die habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen. Vielleicht ist sie weggezogen!“, antwortete der Herr.
„Aber sie hat nichts mitgenommen. Die Möbel sind ja noch im Haus.“, erklärte ich ihm.
„Ich weiß nicht, was der Frau zugestoßen ist oder auch nicht. Auf jeden Fall habe ich sie hier nicht mehr gesehen!“, sah er mich entschlossen an.
„Wohnen Sie auch hier auf der Straße?“, wollte ich nun von ihm wissen, doch er kehrte mir schon den Rücken zu und verließ die Einfahrt.
„Verzeihen Sie, ich wollte Sie nur noch eine Kleinigkeit fragen.“, lief ich ihm ein kurzes Stück hinterher. Mit seinem Gehstock drehte er sich ein kurzes Stück zu mir um.
„Wohnen Sie auch hier?“, stelle ich nun meine Frage erneut.
„Ja, ein paar Häuser weiter!“, antwortete er mir.
„Wie lange habe Sie die Frau denn nicht mehr gesehen?“
„Ungefähr zwei Wochen.“, sagte mir der Herr und nuschelte dabei vor sich hin, wie schlecht die heutige Jugend doch ist.
„Was meinen Sie mit schlecht?“, wollte ich wissen und merkte, dass der Herr nun sehr genervt war.
„Ach, wahrscheinlich hat sie einen Freund besucht und ist seit zwei Wochen dort. Dabei lässt sie das Haus so verkommen. Schade um dieses schöne Haus. Das habe ich mit Wolfgang vor vielen Jahren-ach Jahrzehnten gebaut. Tag und Nacht. Waren sehr nett, die Engmann´s. Große Räume, schönen Garten mit Pool. Und nun? Nichts ist mehr so schön wie früher. Die Engmann´s waren echt nette Nachbarn. Tragisch was da passiert ist. Ein schönes Haus ließen sie zurück, das nun mehr und mehr verfallen wird. Lotte hatte hier wohnen sollen und sich nun um das Haus kümmern sollen. Ihre Freunde hätten doch hierherziehen können. Aber nun wohnt niemand mehr hier. Ach, all diese jungen Leute.“, erklärte der Herr.
„Aber woher wissen Sie, dass Lotta-so hieß die Frau doch, oder?“, sah ich ihn fragend an.
„Ja, ja“, kam es von ihm.
„Wie kommen Sie darauf, dass Lotta weggezogen ist?“, war ich gespannt, was er sagen würde.
„Es ist nur eine Idee. Aber wahrscheinlich habe ich Recht und sie ist weggezogen und das Haus ist ihr völlig egal.“, antwortete der Nachbar, der daraufhin auch schon wortlos weiterging.
„Ok, einen schönen Tag noch.“, rief ich ihm nach, ohne eine Antwort zu bekommen.
Als ich wieder vor meiner Wohnungstür stand, machte sich wieder ein merkwürdiges Gefühl in mir breit. Was konnte der jungen Frau-Lotta, wie ich ihren Namen erfahren habe, passiert sein? Man lässt doch so ein schönes Haus nicht einfach zurück.
Außerdem musste ich an meinen Vater denken und daran, was er erzählt hat. Lotta´s Familie wurde zu Tode gequält und schließlich erwürgt. Die Polizei beißt sich seit einem Jahr die Zähne an dem Fall aus und der Mörder läuft frei herum. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
Ich wollte schon meine Wohnung betreten, als mich eine freundliche Stimme ansprach. Es war meine Nachbarin.
„Hallo Sandra. Schön, dass Sie eingezogen sind. Verzeihen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe, aber ich möchte sie heute Abend auf einen kleinen Begrüßungssekt bei mir einladen.“
Ich sah meine Nachbarin überrascht an.
„Ja gerne. Ich bin nur ein bisschen überrascht. Damit hätte ich nicht gerechnet.“, nahm ich die Einladung mit einem Lächeln im Gesicht an.
„Übrigens ich heiße Siggi und bin die älteste Bewohnerin in diesem Haus. Deshalb fühle ich mich irgendwie verpflichtet, neue Nachbarn in diesem Haus auf ein Glas Sekt einzuladen. Ist schon seit Jahren eine Tradition hier.“, zwinkerte mir Siggi zu.
„Ich komme gerne. Bis später!“, verabschiedete ich mich, nachdem mir Siggi gesagt hatte, dass ich herzlich um 19 Uhr eingeladen bin. Das Schicksal meint es aber richtig gut mit mir, dachte ich und musste an die Begegnung mit Thomas und an meine Mitschüler von früher denken. Bei diesem Gedanken musste ich plötzlich anfangen zu lachen.
Nachdem ich eine große Portion Spaghetti Bolognese gegessen und mir die 19 Uhr-Nachrichten im Fernsehen angeschaut hatte, ging ich hinüber zu Siggi.
Sie machte mir bereits nach dem ersten Klingeln die Tür auf und schenkte mir ihr wahrscheinlich schönstes Lächeln.
„Hereinspaziert!“, hieß sie mich in ihrer Wohnung willkommen und ich bemerkte gleich im Flur ein Foto von Sigi und einem Mann am Strand. Prompt kam mir die Frage, ob sie verheiratet ist über die Lippen.
„Nein, ich bin verwitwet. Aber schon seit drei Jahren. Das Foto zeigt meinen Mann und mich am Strand in Florida. Ach schön war´s da!“, erklärte Siggi mir und mir war es sofort schon peinlich, Sie direkt nach einem Mann gefragt zu haben. Als wir das hübsch dekorierte Wohnzimmer betraten, fühlte ich mich sofort besser.
„Und jetzt leisten mir meine Goldfische Gesellschaft!“, sagte Siggi und zeigte auf ein Aquarium, das direkt neben einer großen Vitrine stand. Als ich mich auf das große Sofa setzte, schenkte mir Siggi auch gleich ein Glas Sekt ein.
„Nun erzählen Sie mal etwas von sich!“, sah Siggi mich gespannt an.
Ich erzählte ihr von meiner Herkunft und von meinem Beruf und fragte sie gleich mal, ob sie etwas über die Engmann´s erzählten konnte.
„Ach Kindchen, ich lebe zwar schon lange hier, aber mich hat diese Familie nie interessiert.“, gab Siggi mir daraufhin zurück.
„Wieso?“, wollte ich nun wissen.
„Weil mir die Leute aus diesem Haus viel sympathischer sind. So eine Familie wie die Engmann´s brauche ich in meinem Leben nicht.“
„Wieso brauchst du so eine Familie nicht?“, fragte ich nun und zum zweiten Mal an diesem Abend bei Siggi wurde mir unbehaglich bei meiner Fragerei.
„Ach, die haben doch nur so reich getan. Bauen eine riesen Bude in einer normalen Wohnstraße, in der auch arme Familien leben, denen es nicht so gut geht. Familie Potlich zum Beispiel. Die wohnen nur ein paar Häuser weiter und verdienen nicht viel Geld, gehen krank zur Arbeit, um den Job nicht zu verlieren, weil sie jeden Cent brauchen. Aber die Engmann´s haben die Potlich´s nicht auch nur einmal angesehen. So etwas nenne ich gute Nachbarschaft!“, erzählte Siggi und sah zum ersten Mal an diesem Abend ernst aus.
Nachdem ich meinen Sekt ausgetrunken hatte, fragte ich, ob sie etwas von dem Mord an die Engmann´s erzählen konnte.
„Schätzchen, ich war nicht dabei!“, zwinkerte sie mir zu und lächelte ein wenig.
„Tut mir Leid. Nein, ich war im Nachbarort, als es geschah. Mir fiel nur die Polizei auf, als ich nach Hause fuhr und an dem Anwesen vorbei kam. Ich habe am nächsten Tag von meiner Nachbarin gehört, was passiert ist. Schrecklich. Ich habe die Familie zwar nicht gemocht, aber Morde sind immer grauenhaft.“
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