„Ist das hier im Ort geschehen?“, erkundigte ich mich und ein kalter Schauer überkam mich.
„Ja, auf der `Hügelstraße´.“
„Du beruhigst mich total, Papa. Nun bin ich endlich mit dem Umzug fertig und du erzählst mir von einem ungeklärten Mord hier im Ort. Wahrscheinlich begegnet er mir auf dem Weg nach Hause oder morgen im Supermarkt.“, erzählte ich mit beunruhigender Stimme.
„Meinst du etwa der Mörder sucht sich eine hübsche, selbstständige, neu eingezogene Polizisten-Tochter aus?“, lächelte mein Vater mich an und streichelte sanft meinen Arm.
„Man weiß ja nie!“, gab ich zu bedenken.
„Wo war die andere Tochter als der Mord geschah. Wo lebt es jetzt?“, wollte ich nun wissen und führte meinen Vater wieder zu dem ungelösten Fall.
„Sie wohnt alleine dort. Sie ist allerdings erwachsen und somit darf sie das natürlich auch problemlos. Nicht so wie bei dir, Sandra. Als Mama starb, habe ich mich voll und ganz um dich gekümmert.“, streichelte Papa mir erneut über den Arm.
„Papa, bitte lass dieses Thema!“, entzog ich meinen Arm und sah meinen Vater einem Moment lang etwas wütend an.
„Tut mir leid, Schatz.“, sah mich mein Vater mitfühlend an.
„Ich weiß, dass es schlimm für dich war als Mama starb. Du warst erst vier Jahr alt und hast immer an Mama gehangen. Als sie plötzlich bei dem Verkehrsunfall starb, hast du tagelang nur geweint und essen wolltest du auch nicht.“
„Ich weiß, Papa. Können wir bitte das Thema wechseln?“, bat ich Dad.
„Wo war die andere Tochter als der Mord geschah?“, fragte ich nach einer kurzen Pause.
„Sie war in der Tanzschule. Meine Kollegen haben sie befragt, nachdem sie nach Hause kam und erschrocken bei uns anrief. Ich habe damals den Anruf angenommen und sofort meine Kollegen hingeschickt, weil ich bis zum Hals mit einem anderen Fall beschäftigt war. Die Eltern eines verschwundenen Mädchens saßen in meinem Büro und die konnte ich natürlich nicht alleine lassen. Aber als ich den Fall des verschwundenen Mädchens gelöst habe, habe ich mich sofort um den Dreifachmord mitgekümmert.“, erzählte Papa und ich sah in seinen Augen, dass er fast zu weinen anfing.
„Auch nach 30 Dienstjahren bei der Polizei nehmen mich manche Fälle sehr mit.“, sagte er und sah mir tief in die Augen.
„Was ist aus dem verschwundenen Mädchen geworden?“
„Sie hat sich umgebracht, nachdem ihr Freund sie verlassen hat.“, erklärte Papa mitfühlend.
„Wenn du mal einen Mann kennenlernst und er dich verlässt, musst du mir versprechen, dass du es nicht so machst, wie das Mädchen. Das würde ich nicht verkraften und ich wäre ganz alleine. Das wäre schrecklich.“ Wieder sah mein Vater so aus, als würde er gleich zu weinen anfangen.
„Sandra, wir fahren morgen mal gemeinsam zu dem Haus, wo die Familie umgebracht wurde. Ich muss nun mit Leonard Kummert einige Akten bezüglich der Diebstähle durchgehen.“
„Alles klar.“, sagte ich und verließ daraufhin Dad´s Büro.
Als ich wieder in meinem Büro Platz nahm, dachte ich, dass ich mich vielleicht ja sogar mit der armen Frau, die nun alleine lebt anfreunden kann, damit sie nicht so alleine ist und auch ich hier eine erste Freundin gefunden habe.
Immerhin-stellte ich traurig fest- haben wir etwas gemeinsam. Wir haben beide unsere Mutter verloren. Nur hatte diese Frau sogar noch Schwester und Vater verloren. Dieser Gedanke machte mich sehr traurig und gleich auch wieder sehr froh, noch meinen Vater zu haben.
Wir müssen diesen schrecklichen Fall unbedingt endlich aufklären, damit wir hier wieder in Frieden leben können. Diese Ungewissheit war etwas Schreckliches. Dad, wir haben viel Arbeit vor uns, dachte ich und richtete meinen Schreibtisch weiter ein.
Nach einem anstrengenden Vormittag auf dem Revier war ich froh, als ich Pause hatte. Nach einem leckeren Mittagsessen fuhr ich mit Papa zu dem Haus der Engmann´s.
Nachdem ich dreimal geklingelt hatte und niemand öffnete, stiegen wir wieder ins Auto und fuhren zurück zum Revier.
Als Feierabend war, fuhr ich heim, streifte mir die Sandalen ab und ließ mich in meinen Hängesessel fallen. Nachdem ich ein paar Schlucke Rotwein getrunken hatte, fielen mir schon fast die Augen zu.
Ich stand auf und räumte die Weinflasche zurück ins Regal, stellte das Glas auf den Küchenthresen und schloss die Balkontür zu. Übermüdet schlüpfte ich in ein rotes Nachthemd, ließ mich ins Bett fallen und knipste die Nachttischlampe aus.
Noch ehe sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, war ich auch schon eingeschlafen.
Nachdem der Bäcker am nächsten Morgen mir zwei Laugenbrötchen eingepackt hatte, ich daraufhin bezahlte und er mir einen schönen Tag wünschte, ging ich weiter zum Supermarkt, um mir ein paar neue Kosmetikartikel, Obst und Putzmittel zu kaufen.
Als ich endlich einen Parkplatz gefunden habe, drängelte ich mich durch den Eingang. Nicht gerade die beste Zeit, um Einkäufe zu machen, dachte ich mir.
Als ich alles gefunden hatte, was ich suchte, marschierte ich gleich zur Kasse. Ich bemerkte den Einkaufswagen nicht, der um die Ecke kam und schon stieß ich gegen das Gitter.
„Oh Gott, verzeihen Sie! Sie haben sich verletzt, nicht wahr?“, entschuldigte sich ein junger Mann mit attraktiven Augen und kurzem schwarzen Haar, der mich mitfühlend ansah.
„Entschuldigen Sie, das war meine Schuld. Ich hätte besser aufpassen müssen.“ Ich sah ihm in die Augen und musste feststellen, dass ich noch nie so schöne Augen gesehen habe.
„Hoffentlich haben Sie sich nicht verletzt.“, beäugte er mich und ich genoss es irgendwie, dass sich ein Mann für mein Wohlergehen interessierte, wenn auch an einem unpässlichen Ort und aus einem nicht gerade tollen Grund.
„Ja, geht schon. Danke, dass Sie sich extra Zeit nehmen.“, sagte ich ihm und unsere Blicke trafen sich ein weiteres Mal. Mein Herz klopfte so laut, dass es wahrscheinlich der gesamte Supermarkt gehört hat, als mich dieser gutaussehende Mann auch noch anlächelte.
„Sie sind sehr hübsch!“, schmeichelte er mir und ich konnte nicht glauben, dass er das wirklich gesagt hat.
„Danke, Sie aber auch“, lächelte ich zurück und meinte jedes dieser Worte ernst, wie mir tief in meinem Herzen bewusst wurde.
„Darf ich Sie zu einem Drink einladen?“, fragte er mich.
„Ja, klar“, kam es sofort aus mir heraus.
„Ich heiße übrigens Thomas!“, stellte er sich vor und gab mir die Hand.
„Ich bin Sandra!“, gab ich ihm daraufhin die Hand.
„Morgen Abend um 19 Uhr im `Eat and Drink´?“, lud Thomas mich ein. Ich war einverstanden und machte mich daraufhin auf den Weg zur Kasse.
„Bis morgen, Sandra!“, rief mir Thomas nach.
„Bis morgen. Ich freue mich drauf!“
Als ich zu Hause meine Einkäufe verstaut hatte, musste ich nochmal an die Begegnung mit Thomas denken. Glaubst du an Schicksal, wurde ich in der Schule oft gefragt. Ich weiß nicht, war immer meine Antwort gewesen.
Wenn man mich heute fragen würde, wüsste ich wahrscheinlich keine bessere Antwort, dachte ich bei mir und schon wieder waren meine Gedanken bei Thomas. Dieser Mann hatte das schönste Lächeln, das ich je gesehen habe. War das der Anfang einer großen Liebe? Die Zukunft würde es zeigen, aber darum machte ich mir jetzt erstmal keine Gedanken. Ich freue mich einfach nur auf einen schönen Abend mit einem netten und gutaussehenden Mann, der allem Anschein nach großes Interesse an mir hat.
Als ich am Nachmittag mit einer Tasse Tee auf dem Balkon saß, kam mir, nachdem ich den ganzen Vormittag noch in Gedanken bei Thomas war, plötzlich wieder der Gedanke an die junge Frau, dessen Familie vor einem Jahr zu Tode gewürgt worden waren und mir wurde noch bewusster als sonst, wie kostbar und wertvoll das Leben war. Wahrscheinlich kam mir dieser Gedanke besonders nachdem ich Thomas ja nur zufällig getroffen habe.
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