Mit Schulfreund Holm fährt er regelmäßig zum Klub Junger Physiker zur Warschauer Straße mit der Straßenbahn Alt Rüdersdorf-Friedrichshagen nach Berlin. Dort behandeln sie mit einem Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften die Spezielle Relativitätstheorie von Einstein. Unterwegs treiben sie Schabernack. Einmal hat Holm einen Tongenerator mit Fotozelle gebaut. Verringert sich der Lichteinfall auf die Zelle, wird der Ton höher. Sie stellen sich mit dem Generator auf den gut begangenen Bürgersteig und zücken Schreibzeug. Ein Passant wird aufmerksam und fragt, was sie da messen.
„Die Radioaktivität der Gehwegplatten“, antwortet Holm und gibt dem Passanten den Tongenerator.
„Gehen Sie mit dem Messkopf zum Boden! Wird der Ton höher, steigt die Radioaktivität an!“
Der Passant tut das und bestätigt, dass der Ton höher wird.
„Das ist bedenklich, Sie müssen es melden!“
„Werden wir tun!“
Die Erweiterte Oberschule führt bis zum Abitur und hat breite Felder zum Lügen in Geschichte und Staatsbürgerkunde. Am schlimmsten wirkt es, drinnen einen Vortrag über die Gesetzmäßigkeit der Überlegenheit der sozialistischen Produktionsweise zu hören und dann selbst nach draußen zu schauen. Alles Grün ist hier kalkgrau. Die Werke befinden sich unweit der Schule. Gegenüber der Bushaltestelle steht ein Trafohaus mit einem Warnschild, wie viel Kilogramm Kalkstaub pro Quadratmeter sein Dach tragen würde.
In den Sommerferien der vorletzten Klasse auf der Rüdersdorfer Schule unternehmen die Freunde, es sind insgesamt sieben, eine große Radtour. Vorher schreibt jeder geheim auf, was er von der Tour erwartet. Schon im Harz fährt einer in den Graben. Fahrrad kaputt! Außerdem ist der mit 2,05 m größte Tourteilnehmer erschöpft. So fahren die ersten zwei mit der Bahn zurück. Dann teilt sich die Gruppe noch mal. Georg will unbedingt nach Erlbach im Vogtland, zu den Großeltern mütterlicherseits. Dorthin kann er aber nicht alle mitnehmen. Er entscheidet sich für Holm, seinen besten Freund. Die anderen fahren über Mitteldeutschland nach Berlin zurück. In Erlbach angekommen, sie sind nicht angemeldet, erkennen die Großeltern Georg zuerst nicht. Ihm ist ein Bart gewachsen, und er trägt Hut. Dann werden es doch noch schöne Tage. Sie verlassen Erlbach, radeln über steigungsreiche Strecken, die Räder haben keine Schaltung, nach Zwickau. Von dort aus nehmen sie die Bahn nach Berlin. Viele Jahre später sollten die sieben Freunde die geheimen Notizen gemeinsam lesen. Das Hallo ist groß.
Trotz sehr guter Leistungen will die Schulleitung Georg feuern, weil sie befürchtet, dass er Bausoldat wird und so die Statistik der Schule belastet. Seine Eltern werden zu einem Termin einbestellt. Georgs Mutter ist so aufgeregt, dass sie in Hausschuhen kommt. Danach nimmt der Vater Kontakt zu seinen Gesprächspartnern aus hohen Kreisen der regierenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands SED auf, die er von seinen Gesprächen als Mitglied der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) über Ost-West-Dialog und Abrüstungsfragen her kennt. Danach beruhigt sich die Lage für Georg. Zur Abiturfeier, wo ihm sein Zeugnis mit Auszeichnung überreicht wird, trägt er den Gehrock seines Urgroßvaters mütterlicherseits.
Mathematik, Georgs bestes Fach, scheint ihm zu lebensfern. Zu staatsnah Jura und zu eingemauert die meisten Sprachen. Er bewirbt sich für Physik an der Humboldt-Universität zu Berlin und bekommt den Platz, obwohl er den Armeedienst mit der Waffe verweigern würde. Seine Schulfreunde wählen auch naturwissenschaftliche Fächer. Außer Mike, der spricht den Westberliner Szeneslang am besten. Er hat einen Ausreiseantrag gestellt und arbeitet nun bei der Post. Später würde er im DDR-Knast landen und in den Westen freigekauft. Bei der Commerzbank würde er eine große Nummer werden. Paul hatte sich für Elektronik in Dresden beworben. Er bekam aber nur Papierverfahrenstechnik. Das stellte sich im Nachhinein als Glück heraus, weil dieser Studiengang im Osten progressiv war. Er machte nach der Wiedervereinigung in Österreich und der Schweiz Karriere. Holm geht nach Rostock, studiert Physik. Er promoviert später über ein Thema der theoretischen Physik. Lebt in einem baufälligen Haus im Kabutzenhof.
Nach dem Abitur wollten die Schulfreunde noch eine Fahrt in den Harz machen. Aber nur Holm und Georg fahren. Auf dem Brocken übernachten sie im Wetterhäuschen. Der Wind heult, und es ist kalt. Am Morgen besichtigen sie die Grenzbunker. Sie wandern nach Wernigerode, dort übernachten sie auf der Schlossmauer. Über eine kleine Anlage hören sie Howard Fine und Laurie Anderson.
Während der Bausoldatenzeit findet Georg viele neue Freunde und kommt oft zum Verlängerten Kurzurlaub, wie das im Armeedeutsch heißt, nach Woltersdorf zu seiner Mutter. Der Vater ist inzwischen ausgezogen zu seiner neuen Freundin und Kati, Georgs Halbschwester. Einmal geht Georg zu einer Disco nach Rahnsdorf. Es ist nicht viel los. Auf dem Rückweg durch den Wald zieht er seinen weißen Pullover aus, es ist eine warme Nacht. Den Pullover hatte ihm seine Mutter im Intershop gekauft, wie vorher schon einen Jeansanzug.
Er holt zwei Mädchen ein, die auch in Rahnsdorf waren. Sie unterhalten sich angeregt und beschließen, gemeinsam im Flakensee baden zu gehen. Dort angekommen, ziehen sich die drei aus. Georg favorisiert die kräftigere von beiden. Er nähert sich ihr. Sie umarmt und küsst ihn. Dann geht er zu der anderen und umarmt auch sie. Georg geht mit der ersten ins laue Wasser. Sie kommen sich sehr nahe, und er dringt in sie ein. Später erfährt er, dass sie in seinem Geburtskrankenhaus als Krankenschwester arbeitet. Es kommt noch zu zwei Treffen. Eines im Krankenhaus, das andere in einem mückenreichen Wald. Dann gesteht sie ihm, dass sie schon einen Freund hat und ihn nicht mehr treffen kann. Er ist traurig. Bald wird er aus der Nationalen Volksarmee entlassen. Er arbeitet bis zum Beginn des Sommerurlaubs als Hilfslaborant an der Akademie der Wissenschaften in Adlershof. Dort untersucht Georg unter Anleitung von Dr. Weber, einem Freund der Familie, dünne Tensidfilme.
Die Sommerreise soll nach Rumänien gehen. Es kommen mit: Seine Schwester Anita, ihr Freund Mats, dessen Schwester Inge, die beiden Schwestern Maren und Anne aus Woltersdorf und Georg. Bausoldatenfreund Ed steigt in Budapest zu. In Rumänien treffen sie auf Edwin, einen Rumänen, der im Gebirge zu hause ist. Edwin soll sie bis ins Donaudelta bringen, wo er ein Boot organisieren will. Georg hat sich auf die Reise vorbereitet. Er weiß, dass in Rumänien Zigaretten der Marke Kent eine zweite Währung sind. Er trägt eine Packung davon aus dem Intershop bei sich. Auch eine Taschenuhr, die als Tauschobjekt mit der Landbevölkerung gedacht ist. In Tulcea angekommen, besteigt die Gruppe einen Flussdampfer. Sie verkosten alles, was auf der Speisekarte steht. Es schmeckt schlecht, und die Verkoster sehen sich erbittert an. Im Donaudelta angekommen, werden die Zelte an einem Flussarm aufgebaut. Den nennen sie Schweinearm, weil ein dickes schlammbedecktes Schwein an seinem Ufer liegt. Edwin geht los wegen des Bootes. Er kommt unverrichteter Dinge zurück. Sein Freund mit dem Boot hat ihn versetzt. Jetzt schlägt Georgs Stunde. Mit den Zigaretten bewaffnet geht er in ein nahe gelegenes Hotel. Den englischsprachigen Rezeptionistinnen bietet er an und fragt nach einem Boot. Sie rauchen und beraten sich. Er gibt ihnen je noch zwei. Sie telefonieren. Es gibt ein Boot für den nächsten Tag. Mit der guten Nachricht kehrt er ins Zeltlager zurück. Die Freunde helfen gerade aus Langeweile, einen Lastkahn mit Melonen abzuladen. Am nächsten Morgen liegt das Boot an der Donau. Es ist lang, sodass alle hineinpassen, hat aber nur drei Ruder. Sie legen ab, eine Karte vom Donaudelta haben sie nicht. Auf dem Fluss kommt ihnen ein großes rostrotes Frachtschiff entgegen. Als es sie passiert, schießt das Wasser Richtung Flussmitte. Dann kommt die Gegenwelle. Schwarz und schaumgekrönt wälzt sie sich auf das Boot zu.
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