Anfang 1958 hielt mein Papa das Zusammenleben mit meiner Mama kaum noch aus.
Mama widersetzte sich vehement einer psychotherapeutischen Begleitung. Als ausgebildete Psychiatrieschwester war sie davon überzeugt, dass nur psychisch kranke und labile Menschen in Therapie gingen.
Dass der kaum verarbeitete Schmerz über das verlorene Kind wachsende emotionale Kälte auslöste und ihre schneidenden Bemerkungen sowie die ständige Forderung nach Mitleid das Familienklima vergifteten, war ihr eher nicht bewusst. Für sie war ganz klar Papa an ihrer Unzufriedenheit Schuld, weil er sich zu wenig um sie kümmerte.
Papa tat sein Bestes um seiner Frau aus ihren trüben Stimmungen herauszuhelfen und bemühte all seine Kreativität um Mama zu erreichen nur um sich dann doch eingestehen zu müssen, dass er mit seinem Latein am Ende war. Egal wie er es anging, Alles was er versuchte schien falsch zu sein oder provozierte nur neue Wutausbrüche und ein noch tieferes Absinken in dunkle Stimmungen.
So kam es wie es kommen musste. Papa sah keinen andern Ausweg, als die Scheidung. Seinen Sohn wollte er zu sich nehmen und da es seiner Frau sowieso zunehmend schwerfiel sich angemessen um das Kind zu kümmern, war er sich recht sicher, dass sie über diese Lösung froh sein würde.
Doch weit gefehlt. Beim Gespräch über Papas Scheidungspläne entwickelte meine Mutter ungeahnte Kräfte zur Rettung der Ehe. Einerseits drohte sie Papa damit, ihm Stéphane nie und nimmer zu überlassen. Andererseits bemühte sie sich sehr engagiert um ihren Noch-Ehemann, mit dem Ziel, ihn umzustimmen. Mama kochte seine Lieblingsspeisen zog sich adrett an und nahm auf einmal wieder Anteil an seinem Alltag. Papa ergriff diesen Strohhalm mit gemischten Gefühlen und im Sommer 1958 war Mama erneut schwanger. Statt sich freudig auf den neuen Erdenbürger einzustellen, fiel sie sogleich wieder in die so belastende trübsinnige Stimmung. Es war als sei ein Schalter umgestellt worden und die alten Ängste mit neuer Wucht über sie hereingebrochen.
Papa war am Boden zerstört. Das erneute Absinken seiner Frau in die Welt der negativen Gefühle, die aus der Luft gegriffenen Vorwürfe, Unterstellungen und das absolute Desinteresse am Befinden von Sohn und Ehemann, liessen ihn seine Scheidungspläne wieder aufnehmen, wohlwissend, dass er mit diesem Schritt bei der gesamten Familie in Ungnade fallen würde.
Nach einem heftigen Streit verliess er die eheliche Wohnung und mietete für sich vorerst ein Zimmer. Erst wenn er das Sorgerecht für Stéphane erhielt, würde er sich eine kleine Wohnung nehmen. Selbstverständlich versorgte er Sohn und Ehefrau finanziell ausreichend, was ihm einigermassen leichtfiel, da er gut verdiente.
Im März 1959 erblickte ich nach knapp acht Monaten Schwangerschaft das Licht der Welt. Ich war untergewichtig, schwächlich und schrie nie, es schien als ob mir die Kraft zu Leben fehlte. Obwohl es eine leichte Entbindung gewesen war, fühlte sich meine Mutter kraftlos und erholte sich nur langsam.
Mama hatte so sehr gehofft, dass Papa nach meiner Geburt in die eheliche Wohnung zurückkehren würde, doch zeigte er keine Reaktion und liess weder von sich hören noch sehen, was Mama in Schmerz und Verzweiflung erstarren liess. Ihr Plan war nicht aufgegangen.
Angesichts ihres Zustandes verbrachte sie die nächsten Wochen noch mir zusammen im Berner Frauenspital, so war unser beider Pflege gewährleistet. Mein vierjähriger Bruder verbrachte diese Zeit in einem Kinderheim, dem ersten in einer langen Reihe von Einrichtungen.
Wieder Zuhause brauchte Mama weiterhin Hilfe bei der Betreuung von uns Kindern und nahm sich erneut für einige Monate eine Kinderfrau, die bei uns wohnte. Während dieser Zeit ging dann auch die Scheidung über die Bühne. Mama hatte schlussendlich eingewilligt, denn Papa hatte alle Schuld auf sich genommen und für Frau und Kinder grosszügige Unterhaltszahlungen angeboten.
Mein Bruder und ich waren oft krank. Unsere Mama war unglücklich und oft nicht in der Lage sich um uns zu kümmern, so dass wir mehr Zeit mit der Kinderfrau, bei Verwandten, später in Kinderheimen oder Pflegefamilien verbrachten als mit ihr. Als ich etwa drei Jahre alt war wurde beim nun 7-jährigen Stéphane, die Diagnose „Mucoviscidose“ gestellt, was Anfang der 1960iger-Jahre einem sich rasch vollziehenden Todesurteil gleich kam. Diese Nachricht zog Mama endgültig den Boden unter den Füssen weg. Ihre sorgsam und wohlüberlegt aufgebaute Welt war eins ums andere wie ein Kartenhaus in sich zusammen gefallen und es schien kein Ende zu nehmen. Die verzweifelte Frage nach dem Warum blieb unbeantwortet. Ein Nervenzusammenbruch folgte dem nächsten. Den frühen Tod ihres Erstgeborenen konnte sie, von Gott und der Welt verlassen, nachwievor nicht verarbeiten und die unheilbare Krankheit ihres zweiten Sohnes liess sie wiederum ihre ganze Hilflosigkeit und Ohnmacht dem Schicksal gegenüber spüren. Die Zusammenbrüche wurden häufiger, Mama hatte immer weniger Kraft, sich um uns zu kümmern. Stéphane und ich wurden jeweils von einer Mitarbeiterin der Fürsorge getrennt bei einer Pflegefamilie oder in einem Heim untergebracht. Da ich ein pflegeleichtes Kind war, durfte ich aber im Gegensatz zu Stéphane auch oft zu meiner Oma oder zu einer Tante. Mein Bruder reagierte auf die aus heiterem Himmel erfolgenden Fremdplatzierungen mit auffällig zerstörerischem Verhalten. Er begann, sich selbst zu verletzen, plagte andere Kinder und legte wiederholt Feuer.
Wenn Mama sich besser fühlte, gab sie sich intensiv mit uns ab. Manchmal ging es ihr so gut, dass ihr intelligenter Humor und Wortwitz zum Vorschein kam. Diese kurzen Momente gehören zu den glücklichsten in meiner Erinnerung. Während den Phasen zuhause bekamen Stéphane und ich Klavier- und Gitarrenunterricht und lehrte uns schon sehr früh das Alphabet und die Grundrechenarten. So begann ich bereits mit 4 Jahren zu lesen, zu schreiben und einfache Rechnungen zu lösen. Leider kam mir dies später in der Schule nicht zu gute. Ich langweilte mich und hatte während den ersten beiden Schuljahren schlechte Noten, weil ich während des Unterrichts oft in meiner eigenen Gedankenwelt versank statt aufzupassen.
Auch wenn ich Mama nicht gerne alleine liess, genoss ich die Aufenthalte bei meiner Oma in vollen Zügen. Manchmal besuchten wir für einige Tage meine Tanten, die ganz unterschiedlich lebten. Vreni, meine Lieblingstante wohnte mit ihrem Mann immer noch in Lausanne, nur wenige Minuten von den Ufern des Genfersees entfernt. Bei Tante Vreni und Onkel Marcel war immer etwas los. Sie besassen neben der schönen Stadtwohnung auch einen riesigen Wohnwagen mitten in den Rebbergen in der Nähe von Lausanne. Hier machten Oma und ich wie zuhause auch lange Spaziergänge und sie lehrte mich unterwegs die verschiedenen Vogel-, Insekten- und Pflanzenarten unterscheiden und benennen. Später besuchte ich Tante Vreni auch alleine. Mama brachte mich in Bern zum Zug und Tante Vreni holte mich in Lausanne ab.
Von da an musste ich sehr auf der Hut sein vor Onkel Marcel. Er nahm jede Gelegenheit wahr um mich zu betatschen. Das ging soweit, dass er sich zu mir ins Bett legte, wenn ich schon schlief und seine Hand in meine Unterhose schieben wollte. Ich schrie ihn dann jeweils an und sprang aus dem Bett. Natürlich erzählte ich meiner Tante und Mama alles. Aber die beiden glaubten mir nicht. Onkel Marcel erklärte seiner Frau, ich hätte schlecht geträumt und deshalb geschrien.
Fast dasselbe Szenario erlebte ich in den Ferien bei meiner Gotte ab. Ihre Familie war sehr religiös und ihr Mann drohte mir mit dem Teufel, falls ich etwas erzählen würde. Doch das beeindruckte mich wenig. Ich fühlte so genau, dass das was er tat nicht richtig war und erzählte Mama von seinen ekelhaften Annäherungen. Sie ging zwar nicht direkt darauf ein, doch musste ich von nun an nicht mehr ohne Oma dorthin in die Ferien.
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