»Ich bin etwas ganz anderes, wie? Warte, überlege mal, was du da sagst! Sieh einmal zu, wie der ›andere‹ lebt. Der ›andere‹ arbeitet, ohne müde zu werden, läuft umher, hastet sich ab«, fuhr Oblomow fort; »wenn er nicht arbeitet, ißt er auch nicht. Der ›andere‹ macht Bücklinge; der ›andere‹ bittet und erniedrigt sich . . . Aber ich? Na, sag' mal selbst: was meinst du: bin ich so ein ›anderer‹, ja?«
»Hören Sie doch auf, Väterchen, mich mit kläglichen Worten zu quälen!« flehte Sachar. »Ach, du mein Gott!«
»Ich soll ein ›anderer‹ sein! Renne ich etwa umher, arbeite ich etwa? Esse ich wenig, wie? Sehe ich mager oder jämmerlich aus? Habe ich etwa an irgend etwas Mangel? Ich meine, es ist jemand da, der mir alles zu reichen und alles für mich zu tun hat! Solange ich lebe, habe ich mir noch nie einen Strumpf auf das Bein gezogen, Gott sei Dank! Ich werde mir doch nicht damit Mühe machen; warum sollte ich das tun? Und wem sage ich das? Hast du mich nicht von meiner Kindheit an gepflegt? Du weißt das alles; du hast gesehen, daß ich zart und schonend erzogen bin, daß ich nie weder Kälte noch Hunger zu ertragen brauchte, keine Not gekannt, mir mein Brot nicht durch Arbeit erworben und mich überhaupt nicht mit grober Arbeit befaßt habe. Woher hast du also den Mut genommen, mich mit ›anderen Leuten‹ zu vergleichen? Besitze ich denn eine solche Gesundheit wie diese ›anderen‹? Kann ich etwa das alles tun und ertragen?«
Sachar hatte endgültig alle Fähigkeit verloren, Oblomows Rede zu verstehen; aber seine Lippen blähten sich vor innerer Erregung auf; die pathetische Szene donnerte wie ein Gewitter über seinem Haupte. Er schwieg.
»Sachar!« sagte Ilja Iljitsch noch einmal.
»Was befehlen Sie?« zischte Sachar kaum hörbar.
»Gib mir noch Kwaß!«
Sachar brachte den Kwaß und wollte, als Ilja Iljitsch getrunken und das Glas zurückgegeben hatte, flink wieder nach seiner Stube gehen.
»Nein, nein, bleib hier!« sagte Oblomow. »Ich frage dich: wie konntest du deinen Herrn so bitter kränken, den du, als er noch ein kleines Kind war, auf deinen Armen getragen hast, dem du dein Leben lang dienst, und der dir so viele Wohltaten erweist?«
Sachar konnte es nicht länger aushalten: die Worte »Wohltaten erweist« gaben ihm den letzten Stoß! Er begann immer häufiger zu zwinkern. Je weniger er verstand, was Ilja Iljitsch in so pathetischer Redeweise zu ihm sagte, um so trauriger wurde ihm zumute.
»Verzeihen Sie mir, Ilja Iljitsch«, begann er reuevoll mit seiner heiseren Stimme; »ich habe nur aus Dummheit, wirklich nur aus Dummheit . . .«
Aber da er nicht verstand, was er getan hatte, so wußte er nicht, welches Zeitwort er am Ende seines Satzes gebrauchen sollte.
»Ich aber«, fuhr Oblomow im Tone eines Menschen fort, der gekränkt und nicht nach Verdienst gewürdigt ist, »ich sorge mich Tag und Nacht und mühe mich ab; manchmal brennt mir ordentlich der Kopf und das Herz pocht mir nur so; ich schlafe nachts nicht, sondern wälze mich herum und denke immer darüber nach, wie es sich wohl am besten machen ließe . . . und worüber denke ich nach? Für wen mühe ich mich ab? Immer für euch, für die Bauern, also auch für dich. Wenn du manchmal siehst, wie ich mich mit dem Kopfe ganz unter die Bettdecke verkrieche, dann denkst du vielleicht, daß ich wie ein Klotz daliege und schlafe; nein, ich schlafe nicht; ich bin immer in diese Gedanken versunken, wie es einzurichten sei, daß die Bauern an nichts Not leiden, gegen Fremde keinen Neid empfinden, mich nicht am Jüngsten Tage mit Tränen bei Gott dem Herrn verklagen, sondern für mich beten und meiner im Guten gedenken!« schloß Oblomow mit bitterem Vorwurf.
Durch die letzten »kläglichen« Worte wurde Sachars Rührung eine endgültige. Er begann allmählich zu schluchzen; die zischenden, heiseren Laute flossen nun zu einem einzigen Tone zusammen, den es auf keinem Instrumente gibt, höchstens auf einem chinesischen Gong oder einem indischen Tamtam.
»Väterchen Ilja Iljitsch!« flehte er, »hören Sie auf! Was reden Sie da, um Gottes willen! Ach, du allerheiligste Muttergottes! Was für ein Unglück ist aus heiterem Himmel über uns hereingebrochen . . .«
»Du aber«, fuhr Oblomow, ohne auf ihn zu hören, fort, »du solltest dich schämen, so etwas zu sagen! Was habe ich da für eine Schlange an meinem Busen gewärmt!«
»Eine Schlange!« rief Sachar, schlug die Hände zusammen und brach in ein solches Geheul aus, als ob zwanzig Käfer ins Zimmer hereingeflogen wären und darin umhersummten. »Wann habe ich denn von einer Schlange gesprochen?« sagte er zwischen dem Schluchzen. »Nicht einmal geträumt habe ich jemals von einem so garstigen Tiere!«
Sie verstanden einander beide nicht mehr, und schließlich kam es dahin, daß keiner von beiden sich selbst mehr verstand.
»Wie hast du nur so etwas über deine Lippen bringen können?« fuhr Ilja Iljitsch fort. »Und ich habe noch in meinem Plane für ihn ein besonderes Haus bestimmt und einen Gemüsegarten und ein Getreidedeputat und habe ein Gehalt für ihn angesetzt! Du solltest mein Verwalter und mein Haushofmeister und mein Vertrauensmann in geschäftlichen Angelegenheiten sein! Die Bauern sollten sich tief vor dir verneigen und alle zu dir: ›Sachar Trosimowitsch‹ sagen, immer: ›Sachar Trosimowitsch!‹ Aber er ist immer noch nicht zufrieden und rechnet mich zu den ›anderen Leuten‹! Das ist der Lohn! In so schöner Weise ehrt er seinen Herrn!«
Sachar schluchzte immer noch, und auch Ilja Iljitsch selbst war gerührt. Während er Sachar Vorhaltungen machte, durchdrang ihn gleichzeitig das Bewußtsein der Wohltaten, die er den Bauern erwiesen hatte, und die letzten Vorwürfe brachte er mit zitternder Stimme und mit Tränen in den Augen heraus.
»Na, jetzt geh mit Gott!« sagte er in versöhnlichem Tone zu Sachar. »Warte, gib mir noch Kwaß! Die Kehle ist mir ganz trocken geworden: du hättest von selbst darauf kommen sollen, mir zu trinken zu geben; hörst du nicht, daß dein Herr heiser ist? Daran bist du schuld!«
»Ich hoffe, daß du dein Vergehen eingesehen hast«, sagte Ilja Iljitsch, als Sachar den Kwaß gebracht hatte, »und daß du in Zukunft deinen Herrn nicht wieder mit anderen Leuten auf eine Stufe stellen wirst. Um deine Schuld wieder gutzumachen, richte es irgendwie mit dem Hauswirt ein, daß ich nicht umzuziehen brauche. Da sieht man's, wie du dafür sorgst, daß dein Herr seine Ruhe hat: du hast mich ganz wirr gemacht und mich eines neuen nützlichen Gedankens beraubt. Und wem hast du damit geschadet? Dir selbst; denn euren Interessen habe ich mich vollständig gewidmet; um euretwillen habe ich den Abschied genommen und sitze hier eingeschlossen . . . Na, Gott verzeihe es dir! Da, es schlägt drei! Nur noch zwei Stunden bis zum Mittagessen; was kann man in zwei Stunden fertigbringen? Nichts. Und dabei habe ich eine Unmenge zu tun. In Gottes Namen, ich werde den Brief bis zur folgenden Post verschieben und den Plan morgen entwerfen. Na, jetzt aber werde ich mich ein bißchen hinlegen: ich bin ganz schwach geworden; laß die Rouleaus herunter und schließe mich fest ein, damit ich nicht gestört werde; vielleicht werde ich ein Stündchen schlafen; aber um halb fünf wecke mich . . .«
Sachar sperrte seinen Herrn im Wohnzimmer von der ganzen Welt ab; zuerst deckte er ihn selbst mit der Bettdecke zu und stopfte sie unter ihn herunter; dann ließ er die Rouleaus herab, schloß alle Türen fest zu und ging auf sein Zimmer. »Daß du verrecktest; so ein Waldteufel!« brummte er, während er sich die Tränenspuren abwischte und auf die Ofenbank hinaufstieg. »Der reine Waldteufel! Ein besonderes Haus, ein Gemüsegarten, ein Gehalt!« sagte Sachar, der nur die letzten Worte verstanden hatte. »Ja, klägliche Worte zu reden, das versteht er meisterlich: er schneidet einem ordentlich mit einem Messer ins Herz . . . Aber hier ist mein Haus und mein Gemüsegarten; hier werde ich mich auch einst zur letzten Ruhe ausstrecken!« sagte er und schlug grimmig auf die Ofenbank: »Ein Gehalt! Wenn ich mir nicht die Zehner und Fünfer aneignete, so hätte ich kein Geld, um mir Tabak zu kaufen und die Gevatterin zu traktieren! Hol' dich der Teufel! . . . Man möchte am liebsten tot sein!«
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