Iwan Gontscharow - Oblomow

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Ilja Iljitsch Oblomow verkörpert mit Leib und Seele den Typus des faulen russischen Adligen und Müßiggängers. Durch seinen materiellen Stand in die Lage versetzt, Introvertiertheit und Untätigkeit zu pflegen, verbringt er seine Tage mit Nichtstun. Er liegt die meiste Zeit Mittagsschlaf haltend im Bett. Vorhaben, das väterliche Gut zu pflegen, schiebt er unablässig vor sich her, so dass dieses immer mehr verfällt. Als sein Freund Stolz, ein Deutschrusse, ihn mit der jungen Olga bekannt macht, holen ihr Intellekt und ihre Anziehung Oblomow kurzzeitig aus seiner Lethargie. Doch auch das ist nicht von Dauer. Gontscharows erfolgreichster Roman und bedeutendes Werk der russischen Literatur.

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Jetzt nahm ihn sein Lieblingsgedanke vollständig in Anspruch: er dachte an eine kleine Kolonie von Freunden, die sich in kleinen Dörfern und Farmen, in einer Entfernung von fünfzehn bis zwanzig Werst um sein Gut herum, ansiedeln werden. Dann werden sie täglich beieinander die Reihe herum zusammenkommen, Mittagbrot und Abendbrot essen und tanzen; ihm stehen lauter heitere Tage vor Augen, lauter heitere Gesichter, ohne Sorgen und Runzeln, lachende, runde Gesichter mit roter, gesunder Hautfarbe, mit Doppelkinn und mit nie versagendem Appetit; es wird ein ewiger Sommer, eine ewige Freude, ein wonniges Schmausen, ein süßes Nichtstun sein . . .

»O Gott, o Gott!« sagte er aus der Fülle der Seligkeit heraus und kam zur Besinnung.

Von draußen erscholl es fünfstimmig: »Kartoffeln!« – »Sand! Brauchen Sie keinen Sand?« – »Kohlen! Kohlen!« – »Barmherzige Herrschaften, spenden Sie etwas zum Bau eines Gotteshauses!« Und aus der Nachbarschaft, wo ein Haus neu gebaut wurde, hörte man das Pochen der Äxte und die Rufe der Arbeiter.

»Ach!« seufzte Ilja Iljitsch laut und schmerzlich. Und dann dachte er: »Was ist das für ein Leben! Wie gräßlich ist dieser großstädtische Lärm! Wann wird das ersehnte paradiesische Leben beginnen? Wann werde ich zu meinen heimatlichen Feldern und Wäldern zurückkehren? Könnte ich doch jetzt unter einem Baume im Grase liegen und durch die Zweige nach der Sonne blicken und zählen, wieviel Vögelchen auf den Zweigen umherspringen! Und da bringt einem eine rotbackige Magd mit nackten, runden, weichen Armen und sonnengebräuntem Halse bald das Frühstück und bald das Mittagessen auf den Grasplatz heraus; sie schlägt die Augen nieder, die Schelmin, und lächelt . . . Wann wird diese Zeit nur endlich anbrechen? . . .«

»Aber der Plan! Aber der Dorfschulze! Aber die Wohnung!« sagte eine Stimme in seinem Gedächtnisse.

»Ja, ja!« antwortete Ilja Iljitsch eilig; »gleich, diesen Augenblick!«

Oblomow richtete sich schnell auf und setzte sich auf dem Sofa aufrecht hin; dann ließ er die Beine auf den Fußboden hinab, fuhr in beide Pantoffeln gleichzeitig hinein und blieb so eine Weile sitzen; dann stand er ganz auf und blieb so etwa zwei Minuten lang nachdenklich stehen.

»Sachar, Sachar!« rief er laut, indem er nach dem Tische und dem Tintenfass hinblickte.

»Was ist denn da noch los?« hörte man mit dem Geräusche des Sprunges zugleich. »Meine Beine können mich kaum noch tragen«, fügte Sachar, heiser flüsternd, hinzu.

»Sachar!« wiederholte Ilja Iljitsch nachdenklich, ohne die Augen von dem Tische abzuwenden. »Sieh mal, Bruder . . .« begann er und zeigte dabei auf das Tintenfaß; aber ohne den Satz zu beenden, versank er wieder in seine Gedanken. Nun begannen sich seine Arme nach oben zu strecken; die Knie knickten ein; er fing an, sich zu recken und zu gähnen . . .

»Es war doch noch«, sagte er, sich immer noch reckend, in einzelnen Absätzen, »Käse übriggeblieben . . . und . . . gib mir Madeira; bis zum Mittagessen ist noch lange hin . . . da will ich jetzt ein bißchen frühstücken . . .«

»Wo soll welcher übriggeblieben sein?« antwortete Sachar. »Es ist nichts übriggeblieben . . .«

»Wie kannst du sagen, es sei nichts übriggeblieben?« unterbrach ihn Ilja Iljitsch. »Ich erinnere mich ganz genau: es war noch ein Stück von der Größe . . .«

»Nein, bewahre! Es ist kein Stück übriggeblieben!« wiederholte Sachar hartnäckig.

»Doch!« sagte Ilja Iljitsch.

»Nein!« antwortete Sachar.

»Na, dann kaufe welchen!«

»Geben Sie mir, bitte, Geld!«

»Da liegt kleines Geld; das nimm!«

»Hier ist nur ein Rubel und vierzig Kopeken; ich brauche aber einen Rubel und sechzig.«

»Da war auch noch Kupfer.«

»Ich habe keins gesehen«, sagte Sachar, von einem Bein auf das andere tretend. »Silber war da, und das liegt auch noch da; aber Kupfer war nicht da.«

»Doch, es war welches da; der Hausierer hat es mir selbst gestern in die Hand gegeben.«

»Ich bin dabei gewesen, als er Ihnen das Geld gab«, erwiderte Sachar. »Ich habe gesehen, daß er Ihnen Silber gab; aber Kupfer habe ich keins gesehen . . .«

»Hat es auch nicht am Ende Tarantjew weggenommen?« dachte Ilja Iljitsch zweifelnd. »Aber nein; der hätte auch das Silber genommen.«

»Also was ist denn noch zu essen da?« fragte er.

»Es ist nichts übriggeblieben. Höchstens vielleicht von dem gestrigen Schinken; ich muß mal Anisja fragen«, antwortete Sachar. »Soll ich den bringen?«

»Ja, bringe, was da ist. Aber wie geht es nur zu, daß nichts übriggeblieben ist?«

»Es ist eben nichts übriggeblieben«, versetzte Sachar und ging hinaus. Ilja Iljitsch aber ging langsam und nachdenklich im Zimmer auf und ab.

»Ja, ich habe viel Sorge und Mühe«, sagte er leise. »Zum Beispiel schon mit dem Plane – was werde ich mit dem noch für eine Unmenge von Arbeit haben! . . . Aber Käse war doch übriggeblieben«, fügte er nachdenklich hinzu; »den hat dieser Sachar aufgegessen, und nun sagt er, es sei keiner übriggeblieben! – Und wo sind nur die Kupfermünzen geblieben?« sagte er und fuhr mit der Hand auf dem Tische umher.

Nach einer Viertelstunde öffnete Sachar die Tür mit dem Präsentierbrett, das er in beiden Händen hielt, und wollte, nachdem er ins Zimmer hereingetreten war, die Tür mit dem Fuße wieder zumachen; aber er verfehlte sie und stieß in die leere Luft: es fiel ein Glas herunter und mit ihm zugleich noch der Stöpsel der Karaffe und eine Semmel.

»Du kannst doch nicht einen Schritt tun, ohne daß so etwas passiert!« sagte Ilja Iljitsch. »Na, dann hebe wenigstens auf, was du hingeworfen hast; aber er steht noch da und sieht es verwundert an!«

Mit dem Präsentierbrett in den Händen bückte sich Sachar, um die Semmel aufzuheben; aber als er sich niedergekauert hatte, bemerkte er plötzlich, daß er beide Hände voll hatte und die Semmel nicht aufheben konnte.

»Na, so hebe sie doch auf!« sagte Ilja Iljitsch spöttisch. »Was machst du denn? Woran liegt es?«

»Oh, hol' euch der Teufel, ihr verfluchten Dinger!« wandte sich Sachar wütend an die hingefallenen Gegenstände. »Wo hat man das aber auch jemals gehört, daß einer kurz vor dem Mittagessen noch frühstückt?«

Dann stellte er das Präsentierbrett hin und hob die heruntergefallenen Gegenstände vom Fußboden auf. Die Semmel bepustete er erst, ehe er sie auf den Tisch legte.

Ilja Iljitsch machte sich an sein Frühstück; Sachar aber stellte sich in einiger Entfernung von ihm hin, sah ihn von der Seite an und beabsichtigte anscheinend, etwas zu sagen.

Aber Oblomow frühstückte, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Sachar hustete ein paarmal.

Oblomow kümmerte sich auch darum nicht.

»Der Hausverwalter hat soeben wieder hergeschickt«, begann Sachar endlich zaghaft: »Der Baumeister ist bei ihm gewesen und hat gefragt, ob er nicht unsere Wohnung einmal ansehen könne. Es ist wegen des Umbaues . . .«

Ilja Iljitsch aß weiter, ohne ein Wort zu erwidern.

»Ilja Iljitsch!« sagte Sachar nach einem kurzen Stillschweigen noch leiser.

Ilja Iljitsch tat, als hörte er nicht.

»Er verlangt, daß wir in der nächsten Woche ausziehen«, fuhr Sachar heiser fort.

Oblomow trank ein Glas Wein und schwieg.

»Was sollen wir denn tun, Ilja Iljitsch?« fragte Sachar beinah flüsternd.

»Ich habe dir doch verboten, mit mir davon zu reden«, erwiderte Ilja Iljitsch in strengem Tone, stand auf und ging auf Sachar zu. Dieser wich vor ihm zurück.

»Was du für ein giftiger Mensch bist, Sachar!« fügte Oblomow empört hinzu.

Sachar fühlte sich beleidigt.

»Nun sehe einer an«, sagte er: »›Giftig!‹ Wieso soll ich giftig sein? Ich habe keinen Menschen gemordet.«

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