Iwan Gontscharow - Oblomow

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Ilja Iljitsch Oblomow verkörpert mit Leib und Seele den Typus des faulen russischen Adligen und Müßiggängers. Durch seinen materiellen Stand in die Lage versetzt, Introvertiertheit und Untätigkeit zu pflegen, verbringt er seine Tage mit Nichtstun. Er liegt die meiste Zeit Mittagsschlaf haltend im Bett. Vorhaben, das väterliche Gut zu pflegen, schiebt er unablässig vor sich her, so dass dieses immer mehr verfällt. Als sein Freund Stolz, ein Deutschrusse, ihn mit der jungen Olga bekannt macht, holen ihr Intellekt und ihre Anziehung Oblomow kurzzeitig aus seiner Lethargie. Doch auch das ist nicht von Dauer. Gontscharows erfolgreichster Roman und bedeutendes Werk der russischen Literatur.

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»Natürlich bist du giftig!« wiederholte Ilja Iljitsch. »Du vergiftest mir mein Leben!«

»Ich bin nicht giftig«, entgegnete Sachar hartnäckig.

»Warum setzt du mir denn mit der Wohnung zu?«

»Was soll ich denn machen?«

»Aber ich , was soll ich denn machen?«

»Sie wollten ja an den Hauswirt schreiben.«

»Na, ich werde auch an ihn schreiben; warte nur; so plötzlich geht das nicht!«

»Sie sollten jetzt gleich schreiben.«

»Jetzt gleich, jetzt gleich! Ich habe noch Wichtigeres zu tun. Du denkst wohl, das ist so wie Holzhacken? Eins, zwei, drei, und die Geschichte ist fertig? Da«, sagte Oblomow, indem er die trockene Feder im Tintenfaß umdrehte; »Tinte ist auch nicht da! Wie soll ich denn schreiben?«

»Ich werde sie sofort mit Kwaß anrühren«, sagte Sachar, nahm das Tintenfaß und lief hurtig ins Vorzimmer. Oblomow machte sich daran, Papier zu suchen.

»Auch Papier ist nicht da«, sagte er zu sich selbst, während er im Tischkasten herumwühlte und auf dem Tische herumtastete. »Nein, so geht das nicht! Ach, dieser Sachar: er verdirbt einem das ganze Leben!«

»Na, und du willst kein giftiger Mensch sein?« sagte Ilja Iljitsch zu dem wieder eintretenden Sachar. »Um nichts kümmerst du dich! Wie kommt es denn, daß wir kein Papier im Hause haben?«

»Was verhängen Sie da für eine Strafe über mich, Ilja Iljitsch? Ich bin ein Christ: warum schimpfen Sie mich: ›giftig‹? Da haben Sie ja einen schönen Ausdruck gefunden: ›giftig‹! Ich bin unter dem alten Herrn geboren und aufgewachsen; er hat mich manchmal ›Hund‹ geschimpft und an den Ohren gezogen; aber so ein Wort habe ich von ihm nicht zu hören bekommen; so etwas ist ihm nicht eingefallen! Das ist ja geradezu eine Sünde! Hier ist Papier, bitte!« Er nahm von einer Etage einen halben Bogen graues Papier und reichte ihn ihm hin.

»Kann man denn darauf schreiben?« fragte Oblomow und warf das Papier hin. »Damit decke ich mir immer zur Nacht mein Wasserglas zu, damit mir nicht etwas Giftiges hineinfällt.«

Sachar wandte sich ab und sah nach der Wand hin.

»Na, aber es tut nichts; gib es nur her; ich werde das Konzept darauf schreiben, und Alexejew kann es nachher ins Reine schreiben.«

Ilja Iljitsch setzte sich an den Tisch und schrieb schnell hin: »Sehr geehrter Herr!«

»Was für schauderhafte Tinte!« sagte er. »Pass' ein andermal besser auf, Sachar, und verrichte deine Obliegenheiten, wie es sich gehört!«

Er dachte ein wenig nach und begann zu schreiben.

»Die Wohnung, welche ich im zweiten Stock des Hauses innehabe, in welchem Sie einige bauliche Veränderungen vorzunehmen beabsichtigen, entspricht völlig meiner Lebensweise und den Gewohnheiten, welche ich mir infolge des langen Wohnens in diesem Hause angeeignet habe. Da ich durch meinen leibeigenen Diener Sachar Trosimow erfahre, daß Sie mir haben mitteilen lassen, daß die von mir gemietete Wohnung . . .«

Oblomow hielt inne und las das Geschriebene durch.

»Das ist ungeschickt«, sagte er. »Da steht zweimal hintereinander ›daß‹ und dort zweimal ›welcher‹.

Er flüsterte etwas vor sich hin und stellte die Worte um: nun kam es so heraus, daß sich »welcher« auf »Stock« bezog – was wieder unbeholfen war. Er korrigierte das, so gut es ging, und begann darüber nachzudenken, wie er das doppelte »daß« vermeiden könne. Bald strich er das Wort aus, bald schrieb er es wieder hin. Wohl dreimal stellte er das »daß« um; aber es kam entweder ein Unsinn heraus oder eine zu nahe Nachbarschaft mit dem andern »daß«.

»Daß ich dieses andere ›daß‹ auch gar nicht loswerden kann!« sagte er ungeduldig. »Ach was! Hol' der Teufel diesen ganzen Brief! Soll ich mir hier den Kopf über solche Lappalien zerbrechen? Ich bin es nicht mehr gewohnt, Geschäftsbriefe zu schreiben. Und jetzt ist es schon bald drei Uhr.«

»Sachar, da hast du es!« Er zerriß den Brief in vier Stücke und warf sie auf den Fußboden.

»Siehst du es?« fragte er.

»Ja, ich sehe es«, antwortete Sachar und sammelte die Papierfetzen auf.

»Also setze mir nicht mehr mit der Wohnung zu. Aber was hast du denn da?«

»Die Rechnungen.«

»Ach, du großer Gott! Du zermarterst mich ganz! Na, wieviel ist es denn? Sag' schnell!«

»Der Fleischer hat 84 Rubel 54 Kopeken zu bekommen.«

Ilja Iljitsch schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.

»Hast du den Verstand verloren? Schon allein der Fleischer einen solchen Haufen Geld?«

»Sie haben drei Monate lang nicht bezahlt; da wird es eben ein Haufen! Hier steht es alles aufgeschrieben; Betrug ist nicht dabei!«

»Na, und Du willst kein giftiger Mensch sein?« sagte Oblomow. »Für eine Million Rindfleisch hat er gekauft! Ist denn dein Bauch eine Scheune, daß so viel hineingeht? Wenn ich nur wenigstens etwas davon gehabt hätte!«

»Ich habe es nicht aufgegessen«, antwortete Sachar grob.

»Nein, du hast es nicht gegessen!«

»Warum machen Sie mir mein bißchen tägliches Brot zum Vorwurf? Da, sehen Sie weiter!«

Und er hielt ihm die Rechnungen hin.

»Nun, wer hat denn noch etwas zu bekommen?« fragte Ilja Iljitsch und stieß die unsauberen Büchelchen ärgerlich von sich.

»Der Bäcker und der Gemüsehändler zusammen 121 Rubel 18 Kopeken.«

»Das ist ja mein Ruin! Das ist ja unerhört!« rief Oblomow ganz außer sich. »Bist du denn eine Kuh, daß du soviel Grünzeug zusammenfaßt?«

»Nein, ich bin ein giftiger Mensch!« bemerkte Sachar bitter und drehte sich so herum, daß er seinem Herrn nur die Seite zuwandte. »Wenn Sie Michei Andrejewitsch nicht so oft zu sich gelassen hätten, würde weniger herauskommen«, fügte er hinzu.

»Na, wieviel macht das alles zusammen? Rechne es mal aus!« sagte Ilja Iljitsch und fing selbst an zu rechnen.

Sachar stellte dieselbe Berechnung an den Fingern an.

»Weiß der Teufel, was da für ein Unsinn herauskommt: jedesmal etwas anderes!« sagte Oblomow. »Na. wieviel hast du denn heraus? Zweihundert, wie?«

»Warten Sie nur, lassen Sie mir Zeit!« antwortete Sachar brummend mit zusammengekniffenen Augen. »Acht Zehner und zehn Zehner sind achtzehn Zehner, und noch zwei Zehner . . .«

»Na, auf die Art wirst du im Leben nicht fertig«, sagte Ilja Iljitsch. »Geh auf dein Zimmer; die Rechnungen gib mir morgen und sorge für Papier und Tinte . . . So ein Haufen Geld! Ich habe doch gesagt, es soll in kleinen Posten bezahlt werden – aber nein, er will durchaus, daß alles auf einmal bezahlt wird . . . so ein Volk!«

»Zweihundertfünf Rubel zweiundsiebzig Kopeken«, sagte Sachar, der mit der Addition fertig geworden war. »Bitte, geben Sie mir das Geld!«

»Na, so was! Will er das Geld sofort haben! Warte noch: ich will die Rechnungen morgen prüfen . . .«

»Wie Sie wollen, Ilja Iljitsch; aber die Leute möchten ihr Geld haben . . .«

»Nun, nun, hör' nur auf! Ich habe gesagt: morgen; also wirst du es morgen bekommen. Geh auf dein Zimmer; ich werde arbeiten; ich habe wichtigere Sorgen.«

Ilja Iljitsch setzte sich auf einen Lehnstuhl, zog die Beine unter den Leib und wollte sich gerade seinen Gedanken überlassen, als die Klingel ertönte.

Es erschien ein Mann von kleiner Statur, mit einem mäßigen Bäuchlein, weißem Gesichte, roten Backen und einer Glatze, die im Nacken von dichten schwarzen Haaren wie von Fransen umgeben war. Diese Glatze war rund, rein und glänzte so, als wäre sie aus Elfenbein gedrechselt. Charakteristisch für das Gesicht des Besuchers war ein besorgter, prüfender Ausdruck allem gegenüber, was er ansah, ein zurückhaltender Blick, ein maßvolles Lächeln und ein diskreter, berufsmäßiger Anstand.

Er trug einen bequemen Frack, der sich fast schon bei einer bloßen Berührung weit und gemächlich wie ein Tor öffnete. Seine Wäsche war von einer so blendenden Weiße, als ob sie mit der Glatze harmonieren sollte. Am Zeigefinger der rechten Hand steckte ein dicker goldener Ring mit einem dunklen Stein.

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