Iwan Gontscharow - Oblomow

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Ilja Iljitsch Oblomow verkörpert mit Leib und Seele den Typus des faulen russischen Adligen und Müßiggängers. Durch seinen materiellen Stand in die Lage versetzt, Introvertiertheit und Untätigkeit zu pflegen, verbringt er seine Tage mit Nichtstun. Er liegt die meiste Zeit Mittagsschlaf haltend im Bett. Vorhaben, das väterliche Gut zu pflegen, schiebt er unablässig vor sich her, so dass dieses immer mehr verfällt. Als sein Freund Stolz, ein Deutschrusse, ihn mit der jungen Olga bekannt macht, holen ihr Intellekt und ihre Anziehung Oblomow kurzzeitig aus seiner Lethargie. Doch auch das ist nicht von Dauer. Gontscharows erfolgreichster Roman und bedeutendes Werk der russischen Literatur.

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»Sachar!« rief er in gedehntem, feierlichem Tone.

Als Sachar diesen Ruf hörte, sprang er nicht wie gewöhnlich mit Gepolter von der Ofenbank herunter und brummte nicht; er kroch langsam vom Ofen herab und ging, mit den Armen und den Seiten an alles anstoßend, nach dem Wohnzimmer hin, sachte und widerwillig wie ein Hund, der an der Stimme seines Herrn merkt, daß ein von ihm verübter Streich entdeckt ist und er vor Gericht gerufen wird.

Sachar öffnete die Tür halb, entschloß sich aber nicht dazu, einzutreten.

»Komm herein!« sagte Ilja Iljitsch.

Obwohl sich die Tür mit Leichtigkeit öffnen ließ, machte Sachar sie doch so auf, als könne er sich gar nicht hindurchquetschen, und blieb infolgedessen in der Tür eingeklemmt stehen, ohne hereinzukommen.

Oblomow saß auf dem Rande des Bettes.

»Komm hierher!« sagte er energisch.

Sachar machte sich mühsam aus der Tür frei, schloß sie aber sogleich hinter sich und lehnte sich mit dem Rücken eng gegen sie. »Hierher!« sagte Ilja Iljitsch und wies mit dem Finger auf eine Stelle neben sich. Sachar machte einen halben Schritt vorwärts und blieb ungefähr sechs Schritte von dem ihm angewiesenen Orte entfernt stehen.

»Noch näher!« sagte Oblomow.

Sachar tat, als ginge er, schaukelte aber nur hin und her, stampfte mit den Beinen und blieb an derselben Stelle.

Da Ilja Iljitsch sah, daß es ihm diesmal schlechterdings nicht gelingen werde, Sachar näher heranzulocken, so ließ er ihn dort, wo er stand, und sah ihn eine Weile schweigend und vorwurfsvoll an.

Sachar, der sich bei dieser schweigenden Musterung seiner Person unbehaglich fühlte, tat, als bemerke er seinen Herrn gar nicht, wandte ihm, während er so dastand, mehr als sonst je die Seite zu und warf in diesem Augenblick nicht einmal den sonst bei ihm üblichen schrägen Blick nach Ilja Iljitsch hin.

Er blickte hartnäckig nach der anderen Seite, nach links; dort sah er etwas, was er schon längst kannte: die fransenartigen Spinnweben an den Bildern, und in der Spinne sah er einen lebenden Vorwurf für seine Nachlässigkeit.

»Sachar!« sagte Ilja Iljitsch leise und würdevoll.

Sachar antwortete nicht: er schien zu denken: »Na, was willst du? Etwa einen anderen Sachar? Ich stehe ja hier!« und ließ seinen Blick, an dem Herrn vorbei, von links nach rechts wandern; dort erinnerte ihn der von dichtem Staube wie mit Musselin bedeckte Spiegel ebenfalls an seine eigene Person: durch den Staub hindurch blickte ihn wild und mürrisch wie aus einem Nebel sein eigenes finsteres, unschönes Gesicht an.

Unzufrieden wandte er seinen Blick von diesem traurigen, ihm nur zu wohlbekannten Gegenstande ab und entschloß sich, ihn für einen Augenblick auf Ilja Iljitsch zu richten. Ihre Blicke begegneten einander.

Sachar ertrug den Vorwurf nicht, der in den Augen seines Herrn lag, und schlug die seinigen nieder, so daß er nach seinen Füßen blickte: dort las er wieder auf dem von Staub und Flecken bedeckten Teppich ein trauriges Zeugnis über seinen Eifer im herrschaftlichen Dienste.

»Sachar!« wiederholte Ilja Iljitsch im Tone tiefer Empfindung.

»Was befehlen Sie?« flüsterte Sachar kaum hörbar und fuhr beinah zusammen, da er eine pathetische Rede ahnte.

»Gib mir Kwaß!« sagte Ilja Iljitsch.

Sachar fiel ein Stein vom Herzen; vor Freuden stürzte er flink wie ein Knabe nach dem Büfett hin und brachte den Kwaß.

»Nun, wie ist dir zumute?« fragte Ilja Iljitsch sanft, als er aus dem Glase getrunken hatte und es in der Hand hielt. »Doch wohl nicht gut?«

Der Ausdruck von Wildheit auf Sachars Gesicht milderte sich sofort durch einen in seinen Zügen aufleuchtenden Strahl von Reue. Sachar fühlte die ersten Symptome eines in seiner Brust erwachenden und an sein Herz heranrückenden Gefühles der Ehrfurcht vor seinem Herrn, und er begann plötzlich, ihm gerade in die Augen zu sehen.

»Bist du dir deines Vergehens bewußt?« fragte Ilja Iljitsch.

»Was soll das für ein ›Vergehen‹ sein?« dachte Sachar betrübt. »Wohl irgend etwas Klägliches; man fängt ja unwillkürlich an zu weinen, wenn er einen so vornimmt.«

»Aber, Ilja Iljitsch«, begann Sachar im tiefsten Tone seines Stimmregisters, »ich habe ja nichts gesagt, als daß . . .«

»Nein, warte noch!« unterbrach ihn Oblomow. »Verstehst du, was du getan hast? Hier, stelle das Glas auf den Tisch und antworte!«

Sachar antwortete nicht und verstand absolut nicht, was er getan haben sollte; aber das hinderte ihn nicht, voll Ehrfurcht auf seinen Herrn zu blicken; er senkte sogar schuldbewußt ein wenig den Kopf.

»Und du willst kein giftiger Mensch sein?« sagte Oblomow.

Sachar schwieg immer noch und zwinkerte nur dreimal heftig mit den Augen.

»Du hast deinen Herrn gekränkt!« sagte Ilja Iljitsch; er sprach jedes Wort einzeln aus, sah Sachar unverwandt an und weidete sich an dessen Verwirrung.

Sachar wußte nicht, wo er vor Verlegenheit bleiben sollte.

»Du hast mich ja doch gekränkt?« fragte Ilja Iljitsch.

»Ja, ich habe Sie gekränkt«, flüsterte Sachar, der bei diesem neuen »kläglichen« Worte alle Fassung verloren hatte. Er ließ seine Blicke nach rechts, nach links und geradeaus schweifen, indem er bei irgend etwas Rettung suchte, und wieder kamen ihm die Spinnweben und der Staub und sein eigenes Spiegelbild und das Gesicht des Herrn flüchtig vor Augen.

»Wenn mich doch die Erde verschlänge! Ach, daß der Tod für mich nicht kommen will!« dachte er, als er sah, daß, wie er sich auch drehen und wenden mochte, er einer pathetischen Szene doch nicht entgehen konnte. Und er fühlte, daß er immer häufiger mit den Augen zwinkern mußte und ihm jeden Augenblick die Tränen kommen konnten.

Endlich antwortete er dem Herrn mit einem bekannten Verse, nur in Prosa:

»Wodurch habe ich Sie denn gekränkt, Ilja Iljitsch?« sagte er beinah weinend.

»Wodurch du mich gekränkt hast?« erwiderte Oblomow. »Hast du wohl bedacht, was das bedeutet: ›ein anderer‹?« Er hielt inne und fuhr fort, Sachar anzusehen.

»Soll ich dir sagen, was das bedeutet?«

Sachar drehte sich hin und her wie ein Bär in seinem Lager und seufzte so, daß es durch das ganze Zimmer schallte.

»Der ›andere‹, den du meinst, ist ein elender, unglücklicher, grober, ungebildeter Mensch; er wohnt in einer schmutzigen, ärmlichen Dachkammer; oder er schläft auch auf einer Filzdecke im Freien. Was kann einem solchen Menschen Schlimmes widerfahren? Nichts. Er frißt Kartoffeln und Hering. Die Not treibt ihn von einem Winkel in den andern, und er läuft den ganzen Tag umher. Der zieht, wenn's nötig ist, auch nach einer andern Wohnung um. Zum Beispiel dieser Ljagajew, der nimmt sein Lineal unter den Arm, bindet seine zwei Hemden in ein Taschentuch und geht davon. Wenn man ihn fragt: ›Wo gehst du hin?‹ so antwortet er: ›Ich ziehe um.‹« Siehst du, so macht es der ›andere‹! Und ich bin deiner Ansicht nach so ein ›anderer‹, was?«

Sachar sah seinen Herrn an, trat von einem Beine auf das andere und schwieg.

»Was für ein Mensch ist der ›andere‹?« fuhr Oblomow fort. »Der ›andere‹, das ist ein Mensch, der sich selbst die Stiefel putzt und sich selbst ankleidet, wenn er auch manchmal wie ein Herr aussieht; aber das ist nur Schwindelei; er weiß nicht einmal, was überhaupt Dienerschaft ist; er hat niemand, den er schicken könnte; er läuft selbst, um das Nötige einzuholen; auch das Holz im Ofen rührt er selbst um; manchmal wischt er auch Staub . . .«

»Unter den Deutschen gibt es viele solche«, sagte Sachar finster.

»Ganz richtig! Aber ich? Was meinst du, bin auch ich so ein ›anderer‹?«

»Nein, Sie sind etwas ganz anderes!« sagte Sachar kläglich; er begriff immer noch nicht, was sein Herr eigentlich sagen wollte. »Gott weiß, was über Sie gekommen ist . . .«

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