»Doktor! Welcher glückliche Zufall führt Sie her?« rief Oblomow, streckte dem Gaste die eine Hand hin und zog mit der andern einen Stuhl heran.
»Es wurde mir langweilig, daß Sie immer gesund sind und mich nicht rufen lassen, und da bin ich von selbst hergekommen«, antwortete der Arzt scherzend. »Nein«, fügte er dann ernst hinzu, »ich war hier oben bei Ihrem Nachbar, und da wollte ich doch auch einmal zu Ihnen hereinschauen.«
»Sehr dankbar. Wie geht es denn dem Nachbar?«
»Wie soll es ihm gehen? Die Geschichte wird sich noch drei, vier Wochen, vielleicht auch bis zum Herbst hinziehen; aber dann . . . wird die Wassersucht in die Brust steigen: das bekannte Ende. Nun, und wie geht es Ihnen?«
Oblomow schüttelte traurig den Kopf
»Schlecht, Doktor. Ich habe selbst schon daran gedacht, Sie um Rat zu fragen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Mein Magen verdaut fast gar nicht; unter der Herzgrube fühle ich einen Druck; ich leide an quälendem Sodbrennen, das Atmen fällt mir schwer . . .« sagte Oblomow mit kläglicher Miene.
»Geben Sie Ihre Hand her!« sagte der Arzt, faßte den Puls und schloß eine Minute lang die Augen. »Husten Sie?« fragte er.
»Ja, des Nachts; besonders wenn ich zu Abend gegessen habe.«
»Hm! Haben Sie häufig Herzklopfen? Kopfschmerzen?«
Der Arzt stellte noch mehr Fragen ähnlicher Art; dann neigte er seine Glatze und dachte tief nach. Nach zwei Minuten hob er plötzlich den Kopf in die Höhe und sagte in entschiedenem Tone:
»Wenn Sie noch zwei, drei Jahre in diesem Klima leben, immer stilliegen und fette, schwere Sachen essen – so werden Sie am Schlagfluß sterben.«
Oblomow fuhr zusammen.
»Was soll ich denn tun? Belehren Sie mich, um Gotteswillen!« bat er.
»Dasselbe, was andere Leute tun: ins Ausland reisen.«
»Ins Ausland!« wiederholte Oblomow erstaunt.
»Ja; was ist dabei?«
»Aber ich bitte Sie, Doktor, ins Ausland! Wie wäre das möglich?«
»Warum soll es nicht möglich sein?«
Oblomow ließ schweigend seine Augen über seine eigene Gestalt, dann über sein Zimmer hingleiten und wiederholte mechanisch:
»Ins Ausland!«
»Was hindert Sie denn daran?«
»Welche Frage! Alles . . .«
»Wieso denn alles? Haben Sie kein Geld?«
»Ja, ja, ich habe wirklich kein Geld«, versetzte Oblomow lebhaft; er freute sich über dieses allernatürlichste Hindernis, hinter das er sich vollständig verschanzen konnte. »Sehen Sie nur einmal, was mir mein Dorfschulze schreibt . . . Wo ist der Brief nur? Wo habe ich ihn gelassen? Sachar!«
»Gut, gut«, sagte der Arzt. »Das ist nicht meine Sache; meine Pflicht ist, Ihnen zu sagen, daß Sie Ihre Lebensweise ändern müssen, Ihren Wohnort, die Luft, Ihre Beschäftigung – alles, alles.«
»Gut, ich werde es mir überlegen«, sagte Oblomow. »Wohin soll ich denn fahren, und was soll ich tun?« fragte er.
»Fahren Sie nach Kissingen oder nach Ems«, erwiderte der Arzt. »Verbringen Sie da den Juni und den Juli; trinken Sie Brunnen. Begeben Sie sich dann nach der Schweiz oder nach Tirol: machen Sie eine Traubenkur durch; verbringen Sie dort den September und Oktober . . .«
»Weiß der Teufel, wo ich überall hin soll; nach Tirol!« flüsterte Ilja Iljitsch kaum hörbar.
»Dann irgendwohin in eine trockene Gegend, zum Beispiel nach Ägypten . . .«
»Auch das noch!« dachte Oblomow.
»Verscheuchen Sie die Sorgen und Bekümmernisse . . .«
»Sie haben gut reden«, bemerkte Oblomow. »Sie bekommen keine solchen Briefe von einem Dorfschulzen . . .«
»Desgleichen müssen Sie das Denken vermeiden«, fuhr der Arzt fort.
»Das Denken?«
»Ja, geistige Anstrengung.«
»Und mein Plan für die Einrichtung des Gutes? Ich bitte Sie, bin ich denn ein gefühlloser Klotz?«
»Na, tun Sie, was Sie wollen! Meine Pflicht ist es nur, Sie zu warnen. Auch vor Leidenschaften müssen Sie sich hüten: sie schaden der Kur. Sie müssen sich zu zerstreuen suchen: durch Spazierritte, durch Tanzen, durch mäßige Bewegung in reiner Luft, durch angenehme Gespräche, namentlich mit Damen, damit das Herz leicht schlägt und nur infolge von angenehmen Empfindungen.«
Oblomow hörte ihm mit gesenktem Kopfe zu.
»Und ferner?« fragte er.
»Hüten Sie sich zu lesen oder zu schreiben: davor wolle Sie Gott bewahren! Mieten Sie sich eine Villa, deren Fenster nach Süden liegen: recht viel Blumen, Musik und Frauen müssen Sie um sich haben . . .«
»Und wie ist's mit der Nahrung?«
»Vermeiden Sie Fleischnahrung, überhaupt jede tierische Nahrung, auch mehlreiche und stark gewürzte Kost. Sie können leichte Bouillon und Gemüse genießen; nur nehmen Sie sich in acht: jetzt kommen fast überall Cholerafälle vor; also muß man recht vorsichtig sein . . . Gehen können Sie täglich acht Stunden. Schaffen Sie sich ein Gewehr an . . .«
»Herr Gott! . . .« stöhnte Oblomow.
»Und endlich im Winter«, schloß der Arzt, »fahren Sie nach Paris; zerstreuen Sie sich dort im Wirbel des Lebens, seien Sie nicht melancholisch: fahren Sie vom Theater auf einen Ball; besuchen Sie Maskeraden, machen Sie Landpartien und Visiten; Sie müssen Freunde und Lärm und Gelächter um sich haben . . .«
»Ist nicht sonst noch etwas nötig?« fragte Oblomow mit schlecht verhehltem Ärger.
Der Arzt dachte nach.
»Vielleicht würde Ihnen die Seeluft gut tun: setzen Sie sich in England auf einen Dampfer und fahren Sie nach Amerika hinüber . . .«
Er stand auf und schickte sich an, sich zu empfehlen.
»Wenn Sie das alles genau befolgen«, sagte er, »so . . .«
»Gut, gut, ich werde es unbedingt befolgen«, antwortete Oblomow bissig, während er ihn zur Tür begleitete.
Als der Arzt gegangen war, blieb Oblomow in einem ganz kläglichen Zustande zurück. Er schloß die Augen, legte beide Hände auf den Kopf, zog sich auf seinem Sessel zu einem Knäuel zusammen und saß so da, ohne nach etwas hinzublicken, und ohne etwas zu fühlen.
Hinter ihm ließ sich ein schüchterner Anruf vernehmen:
»Ilja Iljitsch!«
»Nun?« antwortete er.
»Was soll ich denn dem Hausverwalter sagen?«
»Worüber?«
»Nun, über das Umziehen.«
»Fängst du schon wieder damit an?« rief Oblomow erstaunt.
»Aber was soll ich denn tun, Väterchen Ilja Iljitsch? Sagen Sie selbst: mein Leben ist ja so schon ein recht trauriges; ich blicke in meinen Sarg hinein . . .«
»Nein, mich willst du offenbar in den Sarg bringen mit deinem Umzug«, sagte Oblomow. »Hör' mal, was der Arzt sagt!«
Sachar wußte nicht, was er noch sagen sollte; er seufzte nur so tief, daß die Enden seines Halstuches auf seiner Brust zitterten.
»Du hast wohl beschlossen, mich umzubringen, nicht wahr?« fragte Oblomow wieder. »Du bist meiner wohl überdrüssig geworden, he? Na, so rede doch!«
»Wie können Sie so etwas sagen? Möchten Sie lange und gesund leben! Wer wünscht Ihnen Übles?« brummte Sachar, den die tragische Wendung, die das Gespräch genommen hatte, ganz in Verwirrung brachte.
»Du!« antwortete Ilja Iljitsch. »Ich habe dir verboten, von dem Umzuge noch ein Wort zu sagen; aber es vergeht kein Tag, wo du mich nicht fünfmal daran erinnerst: das muß mir ja auf die Nerven fallen – begreife das doch! Mit meiner Gesundheit ist es so wie so schon nicht weit her!«
»Ich habe gedacht, gnädiger Herr, daß . . . warum sollten wir nicht umziehen? habe ich gedacht«, sagte Sachar mit einer Stimme, die vor innerer Aufregung zitterte.
»Warum sollten wir nicht umziehen! Du urteilst darüber so leichthin!« antwortete Oblomow und drehte sich mitsamt dem Lehnstuhl zu Sachar um. »Hast du das auch ordentlich überlegt, was das heißt: umziehen? He? Gewiß hast du das nicht überlegt?«
»Nein, so recht habe ich es nicht überlegt«, antwortete Sachar demütig, da er bereit war, seinem Herrn in allen Stücken beizustimmen, damit es nur nicht zu pathetischen Szenen käme, die ihm widerwärtiger waren als ein bitterer Rettich.
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