Es bückte sich mal hier und mal da, dann nahm es vorsichtig eine Blumenblüte zwischen ihre kleinen Finger und sagte: »Na meine Liebe, ausgeschlafen? Geh auf, geh auf – es ist Zeit, den neuen Tag zu begrüßen. Hi, hi, hi.«
Alexander stand dicht bei ihm und fragte: »Sprichst du etwa mit den Blumen?«
»Natürlich, ich muss sie doch wecken, sonst verschlafen sie noch den ganzen Tag und das wäre nicht gut für sie«, antwortete sie, ohne ihn anzuschauen. »Ich weiß, was gut für meine Lieben ist. Piep, piep.«
›Die ist doch nicht normal im Kopf‹, dachte er und fragte etwas spöttisch: »Und? Antworten sie dir denn auch?«
»Du Naseweis, natürlich nicht. Blumen haben doch keinen Mund.«
»Aber sie haben auch keine Ohren, oder? Also können sie dich auch nicht hören.«
Sie winkte ab. »Ach, was weißt du denn schon von Blumen? Meine Lieblinge können auch ohne Ohren hören und sie verstehen mich sehr gut. Sie sind manchmal nur etwas … verträumt.«
Sie gingen weiter über die Wiese und Alexander achtete vorsichtshalber darauf, nicht auf die Blumen zu treten, obwohl er ihr nicht ein einziges Wort glaubte. »Und wenn das deine Lieblinge sind, warum hast du dann gestern welche abgepflückt? Davon gehen sie doch ein, wenn man sie nicht ins Wasser stellt.«
Das Mädchen blieb stehen, wandte sich ihm zu und sagte mit zitternder Stimme: »Abgepflückt? Ich, abgepflückt? Ich würde meinen Lieblingen niemals etwas antun. Blumen gehören auf die Wiese und nicht in die Vase.« Es senkte den Blick und schwieg einen Moment, dann flüsterte es: »Ich sammle lediglich die auf, die ihr Leben gelebt haben und dem Ende nahe sind. Ich biete ihnen noch eine letzte Stätte, bevor sie verwelken.«
›Also doch die Vase‹, dachte er. ›Jedenfalls hat die Kleine nicht alle Tassen im Schrank – so viel ist mal sicher.‹ Sie gingen nebeneinander her, das Mädchen hüpfte nun nicht mehr und Alexander fiel ein, was es vorhin zu ihm gesagt hatte. »Nun zurück zu den Prüfungen. Von welchen Prüfungen hast du gesprochen? Was für Prüfungen und wer hat mich nicht geholt?«
»Ich weiß nicht viel darüber, aber Prüfungen gehören zu unserem Schicksal. Unser Leben wird von davon bestimmt. Doch gibt es Zeiten zum Reden und Zeiten zum Frühstücken und jetzt ist genau die richtige Zeit, ein wohlschmeckendes Frühstück zu genießen«, erwiderte es, wandte sich ab und ging.
Alexander stützte beide Hände in die Hüfte um seinen Worten den nötigen Ausdruck zu geben und rief hinter ihm her: »Und damit wir uns richtig verstehen: Ich will keine Prüfungen machen. Ich will nur wissen, wie ich hier wieder verschwinden kann.«
Wenig später stellte Lilu sich unter einen Baum, der nah an der Lichtung stand und zeigte mit übertrieben ausladender Handbewegung auf etwas, das der Frühstückstisch hätte sein können. »Wir sind da. Ich habe schon einen Bärenhunger. Es gibt knusperfrische Brötchen mit Konfitüre und Honig – mhhh, lecker. Alles Weitere werde ich dir zu gegebener Zeit erläutern, so ich denn kann.«
Unter einem Schatten spendenden Baum lag ein grob geschlagenes Brett über zwei großen, moosbewachsenen Steinen. Vier aus Gras und Stroh kunstvoll geflochtene Kissen dienten als Hocker. Auf dem Brett standen kleine Teller, Becher und ein Korb gefüllt mit winzigen Brötchen. In der Mitte des Brettes standen Töpfchen mit der Aufschrift ›Honig‹ und ›Konfitüre‹ und es gab flache Holzstöckchen, die sie statt eines Brotmessers nutzen konnten.
Bisher hatte Alexander sich wenig Gedanken darüber gemacht, wo so ein Mädchen wohnen könnte, ob es Eltern hatte und warum es nicht zur Schule musste. Er schaute sich um, doch er sah weder ein Haus noch eine Hütte; nicht einmal ein Zelt und fragte: »Und hier wohnst du? Wo ist dein Haus und wo schläfst du?«
Lilu lächelte und antwortete: »Ich benötige kein Haus. Ich schlafe, wo ich will und frühstücke, wo mir der Duft leckerer Brötchen in die Nase steigt. Nun setz dich und lass es dir schmecken, piep, piep.«
Das war nicht die Antwort, die Alexander erhofft hatte, aber der Duft frisch gebackener Brötchen ließ ihn seine Fragen vorerst vergessen. Er setzte sich auf zwei der kleinen Graskissen und bediente sich, denn er hatte ebenfalls einen Bärenhunger. Da diese Brötchen augenscheinlich für sehr kleine Münder gebacken worden waren, war sein Hunger noch nicht gestillt, obwohl er mindestens ein Dutzend innerhalb der ersten drei Minuten verputzte.
»Die schmecken sehr lecker. Wer hat die gebacken?«, fragte er mit vollem Mund.
Lilu blickte auf, sah ihren Gast mit vorwurfsvollem Blick an und mahnte: »Meine Güte, lieber Alexander. Man spricht nicht mit vollem Munde. Das ist gefährlich. Dir kann ein Bissen im Halse stecken bleiben und dann wirst du hier vor meinen Augen liegen und nach Luft japsen. Du wirst einen roten Kopf bekommen und jämmerlich ersticken und ich werde nichts für dich tun können. Ich werde um dich weinen müssen und vor Gram elendig zugrunde gehen.« Gekonnt theatralisch griff sie sich mit beiden Händen an die Kehle, hechelte und würgte, bis ihr Gesicht rot anlief.
»Ist ja schon gut, ich hab’s verstanden.«
Sie lächelte, die Röte verschwand und ihr Gesicht wurde wieder so blass wie zuvor. »Diese leckeren Brötchen hat ein lieber Freund gebacken. Er ist der Brötchenmeister und keiner, landauf, landab, hat jemals solch köstliche Brötchen zaubern können.«
»Der kann Brötchen zaubern?«, fragte Alexander etwas ungläubig.
»Natürlich nicht. Das sagt man nur so.«
»Euer neuer Freund ist fürwahr ein Schmutzfink übelster Sorte. Habt nicht übertrieben, meine Liebe. Und zudem spricht er mit vollem Munde. Feine Gesellschaft habt Ihr Euch da ausgewählt, feine Gesellschaft.«
Alexander zuckte zusammen, drehte rasch seinen Kopf und suchte die Gestalt zu dieser krähenden Stimme. Hinter sich erblickte er ein sehr kleines Männchen. Vor lauter Schreck verschluckte er sich und begann zu husten, um dieses gemeine Stückchen aus seinem Hals zu bekommen, das nun vor seiner Speiseröhre steckte.
»Siehst du, da hast du es!«, sagte Lilu triumphierend, stand blitzschnell auf und klopfte ihm mehrfach kräftig auf den Rücken.
Nun war der Junge sich sicher, dass er träumte, denn das Männchen war lediglich halb so groß wie Lilu und es sah zudem noch sehr befremdlich aus. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einem riesigen Pilz mit einer hässlich schrumpeligen Visage war nicht zu leugnen.
Genau so hatte Alexander sich immer einen Gnom vorgestellt. Man muss wissen, dass Gnome deutlich kleiner als Zwerge, und meistens böse und hinterhältig sind. Der Wicht war annähernd weiß gekleidet, wie es sich für einen Bäcker gehörte, hatte einen, für seine Verhältnisse, großen Weidenkorb voll mit diesen winzigen, leckeren Brötchen auf seinem Hut oder seinem Kopf, denn Alexander konnte in seiner Überraschung nicht genau erkennen, wo der Hut aufhörte und der Kopf des Männchens anfing.
Lilu machte eine höfische Handbewegung und sagte mit festlicher Stimme: »Darf ich vorstellen? Das ist Brötchenmeister.«
Das Männchen verbeugte sich wortlos, so tief es eben ging, ohne dass der Korb von seinem Kopf rutschen würde.
»Brötchenmeister?«, stammelte der Junge. »Nur Brötchenmeister? Hat der nur diesen einen Namen?«
»Wie viele Namen sollte er denn sonst haben? Etwa sieben oder mehr?«, zischte der Wicht und er schien vergrämt darüber zu sein, dass über ihn gesprochen wurde, als sei er nicht anwesend.
»Es genügt ein Name«, sagte Lilu und setzte sich wieder auf das Graskissen.
Alexander war fassungslos. So ein seltsames Wesen hatte er noch nie zu Gesicht bekommen und da es sich nicht schickt, fremde Leute, und seien sie auch noch so sonderlich, auf ihr Aussehen anzusprechen, fragte er nur: »Macht er kein Brot oder vielleicht Kuchen?«
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