„Es ist dein Köter“, sagte Benny bestätigend, „ich rieche ihren Gestank, bis hierher!“
„Komm doch mal her, Kleiner“, sagte da Brac, hob Amanoue hoch, als wäre er nicht mehr als ein Kind und setzte ihn auf seinen breiten Schultern ab. „Und, besser?“
Amanoue nickte begeistert und blickte gespannt über die Köpfe aller hinweg. Er sah, wie Henry und Richard miteinander sprachen, wobei sie sich noch immer gegenseitig an ihren Unterarmen festhielten und beide schienen gleichermaßen gerührt über ihr Wiedersehen, zu sein. Dicht neben dem Herzog stand ein falben-farbiger Hund, der nicht gerade vertrauenswürdig aussah und Henry äußerst misstrauisch beobachtete.
„Ist sie das?“, fragte Amanoue aufgeregt, doch dann schüttelte er gleich wieder den Kopf. „Nein, das kann sie nischd sein! Diese `und, ist viel su groß und sieht auch gans anders aus, als meine Sirrah“, meinte er skeptisch.
„Doch, Mann, das ist sie, ich erkenne sie wieder“, sagte Finn zu ihm hoch. „Während du nicht da warst, ist sie schon ein ganzes Stück gewachsen und jetzt ist sie ja immerhin schon ein dreiviertel Jahr alt“, meinte er überzeugt.
„Aber sie sieht gans anders aus, ihre Farbe und ihre Ohren auch! Sie `ängen gar nischt mehr, sondern ste`en aufrescht, wie bei eine Wolf“, widersprach Amanoue erneut.
„Das hatte sie schon, als der Herzog noch auf der Burg von Averna war, erst hat sich das linke Ohr aufgestellt und dann auch das andere, sie sah so putzig aus, mit dem einen Kippohr“, erwiderte Finn grinsend. „Bin gespannt, ob sie uns und vor allem dich, wiedererkennt?!“
„Isch glaube kaum“, meinte Amanoue ein wenig enttäuscht. „Lässt du misch bitte runter?“, bat er Brac und der setzte ihn federleicht wieder ab.
„Das kann man nicht sagen, Kleiner, Hunde haben ein gutes Gedächtnis“, sprach der Riese ihm aufmunternd zu und tätschelte ihm sanft die Schulter.
„Aber sie war doch noch viel su klein“, seufzte Amanoue traurig, „und erinnert sisch bestimmt nischd mehr, an misch.“
„He, Manou“, rief eine Stimme, von weiter vorn, „du sollst zu seiner Majestät kommen!“
Amanoue verzog etwas eingeschüchtert seinen hübschen Mund und blickte hilfesuchend zu Brac auf. „Kommst du mit?“, fragte er fast ängstlich.
„Nee, Kleiner, das geht nicht! Nach mir, hat keiner gerufen und nun geh schon, seine Gnaden mochte dich doch, hm?“, antwortete der und stieß ihn aufmunternd an.
Amanoue bahnte sich seufzend einen Weg durch die Soldaten und trat verlegen vor die Reihen. Der Herzog lächelte ihm zu und Henry winkte ihn freundlich zu ihnen heran. „Da bist du ja“, sagte er und hielt ihn am Ellenbogen fest, als er niederknien wollte. „Du darfst ruhig stehenbleiben“, meinte Henry lächelnd.
„Danke, `err“, erwiderte Amanoue mit demütig gesenktem Blick. Er verbeugte sich artig vor Henry und dann auch vor dem Herzog. „Eure Gnaden“, begrüßte er den Onkel des Königs schüchtern und der zog ihn spontan in seine Arme.
„Amanoue! Ich freue mich, dich gesund wieder zu sehen! Retter von Austrien“, raunte er augenzwinkernd und mit einem ehrlichen Lächeln im Gesicht.
„Eure Gnaden?“, erwiderte Amanoue etwas überfordert und ohne den Blick zu heben, „isch freue misch auch, Eusch wieder su se`en. Wie geht es Eusch?“
„Danke, gut“, antwortete der Herzog schmunzelnd. „Wie habe ich deinen erfrischenden Akzent vermisst“, sagte er überaus freundlich und drückte ihn nochmals kurz. „Sieh mal, wen ich dir mitgebracht habe“, raunte er leise, ließ ihn los und stieß einen leisen Pfiff aus. Der Hund, der sich argwöhnisch wieder einige Meter von ihnen entfernt hatte, näherte sich vorsichtig und blieb neben dem Herzog stehen.
„Ist sie das?“, fragte Amanoue beklommen und sofort schossen ihm die Tränen in die schönen Augen. „Ist das Sirrah?“
Der Herzog nickte bestätigend. „Jawohl, das ist sie! Groß geworden, hm?“, meinte er und tätschelte beruhigend den Hund, der schon wieder im Begriff war, sich zurückzuziehen.
Amanoue schluckte einige Male und streckte langsam seine Hand aus. „`allo `und, erkennst du misch noch?“, sagte er voller Hoffnung, doch der Hund wich sofort zurück.
„Sie ist ziemlich scheu und zurückhaltend geworden, in letzter Zeit, seit sie etwa ein halbes Jahr alt war. Liegt wohl am Wolfsblut, das in ihr fließt“, entschuldigte sich der Herzog für das Verhalten der Hündin. „He, meine Gute, schau doch mal, wer da ist! Dein Herrchen“, versuchte er es erneut. Er ging sogar in die Hocke und streichelte sie wieder besänftigend. „Komm ruhig näher, sie tut nichts“, sagte er dabei zu Amanoue hoch und Henry trat unwillkürlich, Amanoue mit sich ziehend, einen Schritt zurück.
„Lieber nicht“, meinte der König besorgt, „sie sieht ziemlich gefährlich aus! Und, sie ist riesig geworden!“, sagte er mit einem mulmigen Blick auf den wolfsähnlichen Hund.
Richard lachte auf und erhob sich wieder. „Eure Majestät brauchen sich wirklich nicht zu sorgen, sie ist lammfromm und sehr lieb, genau wie früher! Und so groß, ist sie doch noch gar nicht! Na komm, Amanoue“, winkte er den erneut zu sich.
„Sie erkennt misch nischd“, erwiderte Amanoue traurig. „Ist ja auch schon lange `er, seit sie misch sum lesden Mal gese`en `at“, sagte er enttäuscht und Henry drückte ihm tröstend die Hand, als Sirrah plötzlich leicht mit dem Schwanz zu wedeln begann. Sie sah Amanoue misstrauisch an, reckte den Kopf vorsichtig vor und schnupperte leise winselnd, in die Luft. Eine Träne lief Amanoue über die Wange und er biss sich verzweifelt auf die Unterlippe, um nicht gänzlich die Fassung zu verlieren.
„Sirrah?“, kam es leise über seine Lippen. Er legte den Kopf leicht schräg, so, wie er es oft machte und die Hündin winselte erbärmlich auf. Sie duckte sich nieder und ihr Schwanz begann so heftig zu wedeln, dass ihr ganzes Hinterteil hin und her wackelte. War es der Klang seiner Stimme oder die Weise, wie er das Wort ausgesprochen hatte, der Hund sprang urplötzlich laut jaulend auf ihn zu und versuchte, immer wieder an ihm hochspringend, an sein Gesicht zu kommen.
„Amanoue!“, kreischte Henry regelrecht auf und wich erschrocken zurück, doch Amanoue ließ sich auf die Knie fallen und umarmte die Hündin. Er streichelte sie überschwänglich und nun schien es kein Halten mehr für Sirrah zu geben. Laut jaulend und wie ein Welpe fiepend, sprang und hüpfte sie um ihn herum und warf ihn letztendlich sogar ganz um. „Meine Süße“, stammelte Amanoue völlig aufgelöst weinend, mit dem Hund auf sich draufliegend und nicht nur der Herzog lachte amüsiert auf. Auch durch die Reihen der Soldaten ging ein freudiges Raunen und selbst auf Henrys Gesicht, zeigte sich ein kleines, wenn auch noch immer ein etwas verhaltenes, Lächeln.
„Na also“, brummte Brac seinen Jungs zu, „freut mich echt riesig für unseren Kleinen, dass er auch mal ein Erfolgserlebnis hat! Hm?“, machte er und stieß Finn in die Rippen.
„Mich auch, ehrlich Mann“, raunte der sichtlich gerührt zurück und die anderen nickten dazu.
„Heulst du etwa?“, fragte Benny beinahe angewidert und sah den schlaksigen jungen Mann verständnislos an.
„Quatsch!“, antwortete Finn und wischte sich schnell verstohlen über die Augen. Allerdings zerriss es ihn innerlich fast, als er zwangsläufig an seine Erlebnisse mit Amanoue und Sirrah zurückdachte. Er schnaufte tief durch und grinste unwillkürlich breit, bei der Erinnerung an ihren gemeinsamen Tag in Baijans Zelt. Wie sie beide betrunken von den Zwillingen geträumt und geschwärmt hatten und, an Amanoues Kuss. Seufzend lächelte er in sich hinein und dachte voller Zärtlichkeit an die Zeit zurück, die er mit seinem einstmals besten Freund, verbracht hatte. Mit einem Male, schämte er sich und bereute es zugleich auch zutiefst, dass er sich in letzter Zeit so von Amanoue zurückgezogen hatte, als er erneut Bennys keifende Stimme neben sich vernahm.
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