Im Osten war das dumpfe Grollen des nächtlichen Kanonendonners zu hören. Der Empfang beim Gauleiter in seiner hell erleuchteten Prunkvilla mit dem üppigen Abendessen, der reichen Auswahl deutscher und französischer Weine und anderer alkoholischer Getränke und den stets gefüllten Zigarettenständern endete mit dem Ruf: “Auf auf, Kameraden, auf geht’s auf den Endsieg zu!” Eckhard Hieronymus begleitete den neuen Bischof zu seiner Residenz. An der Haustür sagte Dr. theol. Horchheimer, dass der Krieg entschieden und sein Ende nahe sei. Nun komme es darauf an, die eigene Haut zu retten. Er sprach den Satz: “Auch wir müssen Breslau verlassen, bevor es zu spät ist, solange noch ein Zug in den Westen fährt. Wir werden ernten, was wir gesät haben.”
Luise Agnes und Anna Friederike waren sehr aufgeregt, als er zu Hause ankam. Die Domglocke schlug drei Uhr morgens, als es an der Tür klopfte. Ein Mann überreichte einen zusammengefalteten Zettel und sagte, dass Ludwig und Martha Lorch auf der Flucht seien und am Tage zuvor Breslau mit der versteckten Elisabeth Hartmann, geborene Sara Elisa Kornblum, der Mutter von Luise Agnes, passiert hätten. Der Mann war in Eile und lehnte die Tasse Tee ab. Er verließ die Haustür mit den Worten: “Wir werden uns wohl nicht wiedersehen. Ich wünsche ihnen für ihre Flucht alles Gute. Mögen Sie den Weg in die Zukunft, die wir nicht kennen, aber fürchten, heil überstehen.”
Der Exodus der Schlesier war in vollem Gange. Mutter Dorfbrunner und der kriegsversehrte Bruder Friedrich Joachim hatten mit Freunden vor einer Woche Breslau verlassen. Die Nachricht der Mutter war, dass sie auf dem Wege nach Dresden seien, um bei Onkel Alfred, dem Bruder der Mutter, in der Münchner Straße Unterkunft zu finden. Eduard Hartmann, der Vater von Luise Agnes und Pfarrer im Ruhestand war gestorben, ohne dass er sich von seiner Frau Elisabeth verabschiedet hatte, und Elisabeth ihm für die Himmelfahrt die Augen schließen, ihm den Abschiedskuss auf die Stirn geben und die Hände falten konnte. Sie war mit den tapferen Bauersleuten Ludwig und Martha Lorch, die sie neun Jahre lang auf ihrem Bauernhof versteckt hatten, auf dem Pferdewagen Richtung Halle an der Saale auf der Flucht, wie auf dem entfalteten Zettel zu entziffern war.
Eduard Hartmann wurde noch ein Notbegräbnis auf dem Hauptfriedhof seiner Heimatstadt zuteil, bevor die Russen die Stadtmauer erreichten. Kolonnen beladener Wehrmachtfahrzeuge, die von Kübelwagen und Krädern mit Beiwagen begleitet wurden, kamen verdreckt und verbeult aus dem Osten in die betriebsame Stadt. Hitlerjungen mit Kindergesichtern wurden eingezogen und leisteten vor der gehissten Hakenkreuzfahne auf dem Bahnhofsplatz den ‘Führer’-Eid. Ein Major der Luftwaffe mit dem umgehängten Ritterkreuz nahm den Eid ab. Dann bestiegen die Vereidigten, von denen die meisten Schuljungen waren, die offene Ladefläche eines Militärfahrzeugs und wurden zur Kaserne gefahren, die außerhalb der Stadt lag. Beim Abtransport für den Kampf in den bereits verlorenen Krieg winkten die Jungen mit dem Lächeln der hilflosen Verzweiflung den Eltern, Geschwistern und Freunden auf dem Bahnhofsplatz zurück. Jeder Quadratmeter Heimatboden sollte laut ‘Führer’-Befehl bis zum Letzten gegen den bolschewistischen Ansturm verteidigt werden. Glatzköpfige Menschen in gestreiften Jacken und Hosen wurden von SS-Männern bewacht durch die Stadt gefahren. Schützengräben wurden ausgehoben, Panzersperren errichtet und die einstige Perle an der Oder zur Schlachtfestung verschandelt. Russische Tiefflieger kurvten über der Stadt, und die fliegenden Maschinengewehre schossen wahllos in die hektische Betriebsamkeit der verzweifelten und zur Flucht aufbrechenden Menschen.
Den Dorfbrunners verblieben noch wenige Stunden. Luise Agnes und Anna Friederike packten die Koffer, während Eckhard Hieronymus sich noch von ein paar lieben Menschen verabschiedete, so von Herrn Kehrer, einem treuen Gemeindemitglied, der an einem Lungenkrebs litt. Als Eckhard Hieronymus an seinem Bett im zweiten Stock stand und sagte, dass er sich von ihm verabschieden möchte, machte Herr Kehrer große Augen und sagte: “Jetzt schon. Es ist doch noch nicht so weit.” Wenige Minuten später verstarb Herr Kehrer. Eckhard Hieronymus sprach mit der Tochter von Herrn Kehrer das Vaterunser und strich dem Verschiedenen mit der rechten Hand den Segen für eine gute Himmelfahrt über die Stirn. Dann suchte Eckhard Hieronymus Frau Kreutzer im kleinen Obergeschoss eines kleinen Hauses in der Schindelgasse auf. Ihr Mann, Adolf Kreutzer, läutete in den letzten Jahren die Glocken und half als Küster dem alten Peter Meyer aus, der an der Parkinsonschen Krankheit und unter Schwindelanfällen litt. Herr Kreutzer war Anfang dreißig, als er vor fünf Monaten, statt die Glocken zu läuten, an einem Wochenende eingezogen und an die Front geschickt wurde. Er war bei den heftigen Weichselkämpfen vor drei Wochen gefallen und hinterließ seine junge Frau mit drei kleinen Kindern. Frau Kreutzer sagte, dass sie ein kleines Zubrot zur schmalen Kriegerwitwenrente durch Putzarbeit im Hause eines hochgestellten Parteimenschen verdiene, diese Stelle aber wieder verlieren werde, weil sich der Mann mit seiner Familie im Westen in Sicherheit bringen wolle. Sie warte auf ihren Neffen, der mit einem Leiterwagen komme, um sie und ihre Kinder mit der wenigen Habe auf einen Bauernhof außerhalb der Stadt zu bringen, wo sie durch Feldarbeit das Essen und die Schlafplätze in der Scheune verdienen wolle. Eckhard Hieronymus dankte Frau Kreutzer für ihre Mitarbeit im Winterhilfswerk mit dem Sammeln von Mänteln und Schuhen für die frierenden Soldaten an der Front und für ihre stete Hilfsbereitschaft beim Putzen in der Kirche. Er wünschte ihr und ihren Kindern Gottes Schutz und Gottes Segen.
Wenig Zeit war verblieben, die Eckhard Hieronymus nutzte, um sich vom jungen Pfarrer Rudolf Kannengießer zu verabschieden, der durch seine gerade und mutige Persönlichkeit weit über die anderen Kirchenmänner Breslaus hinausragte. Er wurde einige Male von der Gestapo verhört und verwarnt und beim letzten Mal fürchterlich zugerichtet. Dennoch war er in der Festigkeit des Glaubens unerschütterlich. Es war ein Wunder, dass Pfarrer Kannengießer nicht inhaftiert oder in ein Konzentrationslager geschafft wurde. Es mögen die Tapferkeitsauszeichnungen gewesen sein, die er sich im Afrikafeldzug erworben hatte, bevor er als Verwundeter mit einer Kopfverletzung, die ihm einen Hörschaden beschert hatte, als wehruntauglich aus der Wehrmacht entlassen wurde. Eckhard Hieronymus klingelte in der Deutschstraße 25 auf den Klingelknopf für das Dachgeschoss des dreistöckigen Hauses. Beim dritten Mal Klingeln schaute Pfarrer Kannengießer aus dem kleinen Fenster und kam die Treppe herunter, um den Abschiednehmenden zu empfangen. Sie stiegen die schmale Treppe hinauf, wobei Eckhard Hieronymus dem jungen Pfarrer folgte.
Im letzten Treppenteil hörten sie das Brummen und Röhren von Flugzeugmotoren, dass sie zum kleinen Fenster des kleinen Arbeitszimmers mit dem vollgepackten Schreibtisch und den vollen Bücherregalen unter der schrägen Zimmerdecke mit der vergilbten Tapete eilten und die russischen Tiefflieger beobachteten, wie sie die Stadt anflogen, über der Stadt die MG-Magazine leer schossen und in einer Rechtskurve über dem anderen Stadtende davonflogen. Von deutscher Seite wurden Geschosssalven aus Handfeuerwaffen verpulvert, die sich jedoch als untauglich erwiesen. “Das ist nun das Ende. Dann werden auch bald die Großmäuler schweigen. Sie werden irgendwo untertauchen und die Verantwortung für das klägliche Ende mit der unglaublich großen Katastrophe auf die Menschen abwälzen, die dafür nicht ganz schuldlos sind, weil sie den Anfängen nicht wehrten und dem Teufel zur Macht verhalfen, und weil sie zum Teufelswerk schwiegen und noch mitmachten, anstatt dagegen zu protestieren”, sagte Pfarrer Kannengießer. Er sagte weiter, dass es für ihn unfassbar sei, wie die braunen und anderen Horden das Volk so rücksichtslos gequält und geschunden haben. Die Arroganz käme nun zwar vor den Fall, aber die unzählbaren Toten kehrten deshalb nicht ins Leben zurück. “Was hinter den Fronten an Menschen geschändet und getötet wurde, das werde als Schmach in die Geschichte eingehen und über vielen deutschen Generationen hängenbleiben, wenn von den Schlachten an den Fronten längst nicht mehr die Rede ist.
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