Sohn Paul Gerhard wurde im April 1944 mit 18 Jahren und anderen Klassenkameraden nach bestandenem Kriegsabitur zur Wehrmacht an die Ostfront eingezogen. Beim Abschied auf dem Bahnhofsplatz hatten auch Vater und Sohn Tränen in den Augen. Luise Agnes hatte die meisten der in der Nacht gebackenen Plätzchen in eine Blechdose getan und in seinen Tornister gesteckt. “Hast Du genug Taschentücher mitgenommen?”, war die letzte Frage der Mutter. “Ihr werdet von mir hören!” Mit diesem Ruf aus dem offenen Abteilfenster und mit winkendem rechten Arm verließ Paul Gerhard mit dem Zug nach anfänglichem Anrucken der Waggons Breslau Richtung Osten, als Luise Agnes ihm mit rollenden Tränen noch zurief: “Pass gut auf dich auf!” Alle winkten dem nicht mehr Heimgekehrten mit tränennassen Taschentüchern solange nach, bis das Zugende zum Punkt zusammengeschrumpft war.
Die Kesselschlacht gegen die Kirche hatte sich dramatisch zugespitzt. Pastöre wurden in den Kellern der Gestapo verhört, und viele kehrten aus den Kellern nicht zurück, dass mehr und mehr Pfarrstellen verwaisten und die Gemeinden ohne Pastöre waren. Bischof Rothmann bat den Superintendenten, den Text zu einem Rundbrief an die schlesischen Pastöre zu verfassen, in dem zu großer Vorsicht in den Predigten ermahnt werden soll, damit nicht noch mehr Pastöre in den Gestapokellern verschwinden. Der Bischof teilte dabei mit, dass er bald in den Ruhestand treten werde, aber nicht wisse, wer sein Nachfolger werden wird.
Eckhard Hieronymus legte am nächsten Tag den Entwurf vor, und der Bischof las ihn sorgfältig durch. Er las den Entwurf dreimal und machte am Ende eine nachdenkliche Miene. Er setzte mit dem Bleistift einige Korrekturen und sagte, dass einige Passagen gestrichen werden müssen, weil sie Anlass zu Missverständnissen geben, wenn der Rundbrief in falsche Hände komme. Nachdem der Entwurf bischöflich gekürzt und die nötigen Korrekturen bekommen hatte, wurde der Text vom Sekretär mit Schreibmaschine geschrieben. Bischof Rothmann bat nun den Superintendenten, den Rundbrief in seiner Vertretung zu unterscheiben und begründete die Bitte damit, dass er kurz vor seiner Pensionierung nicht noch mit der Gestapo in Berührung kommen wolle. Eckhard Hieronymus folgte mit Bedenken der bischöflichen Bitte und unterschrieb den Rundbrief, worauf ihm Luise Agnes hellsichtig und folgerichtig den baldigen Besuch der Gestapo prophezeite mit den Konsequenzen für ihn und die Familie.
Eckhard Hieronymus stand zwischen zehn und elf vor der Haustür. Er klingelte dreimal, weil seine Hände zitterten, und er den richtigen Schüssel am Bund nicht fand, um die Tür aufzuschließen. Luise Agnes öffnete in Sekundenschnelle die Tür und empfing ihn mit blassem Gesicht. “Ach ist das eine Erlösung, dass du wieder hier bist”, sagte sie im Tränensturz der Erleichterung. “Dass wir uns wiedersehen, ist das größte Geschenk meines Lebens”, fuhr sie mit verweinter Stimme fort. Sie ging in die Küche, um frischen Tee aufzubrühen, als gegen halbzwölf Mitternacht das Telefon klingelte. Beim dritten Klingelzeichen nahm Eckhard Hieronymus den Hörer ab und meldete sich mit “Hallo”. Die Männerstimme am anderen Ende fragte, ob er der Superintendent Dorfbrunner sei, was Eckhard Hieronymus bejahte. “Hier ist Rauschenbach. Entschuldigen Sie die späte Störung. Doch es eilt sehr”, sagte die Stimme am anderen Ende und fuhr fort: “Wir haben uns heute am Tisch im Haus der SA gegenübergesessen, wo ich den Vorsitz bei dem Gespräch geführt habe. Können Sie sich an mich erinnern?” “Ja, Sie sind frisch in meiner Erinnerung.” “Nennen Sie zwei der spezifischen Merkmale an mir, damit ich sicher sein kann, dass Sie der Superintendent Dorfbrunner sind.”
“Sie haben eine schräg verlaufende Narbe über der rechten Stirn von etwa sieben Zentimetern, und an der rechten Ohrmuschel fehlt das obere Viertel.” “Das ist korrekt. Ich muss Sie treffen. Ich rufe von der Telefonzelle Wilhelmstraße, Ecke Waterloostraße, ganz in der Nähe ihres Hauses an. Ich hole Sie mit meinem Wagen ab. Warten Sie vor der Tür. Ihr Leben ist nicht in Gefahr.” Der Hörer am anderen Ende wurde mit dem Klicklaut in die Gabel gehängt. Eckhard Hieronymus küsste Anna Friederike auf die Stirn und Luise Agnes, die mit der Teekanne aus der Küche kam, zog sich die Schuhe an und verließ das Haus, ohne dass die beiden etwas vom ‘Gespräch’ im Haus der SA erfahren hatten.
Der Wagen wartete vor der Tür, und die rechte Beifahrertür wurde von innen geöffnet. Bei der Fahrt entschuldigte sich Herr Rauschenbach für die späte Störung und die Aufregung, die er ihm und seiner Familie verursachte. “Aber es eilt. Ihre Position steht auf dem Spiel und damit ihr Leben und das Leben ihrer Familie. Ich will ihnen helfen, Sie vor den Folgen zu bewahren, die das Regime für Leute wie Sie reserviert hat. Das Regime hat für Sie, wie für so viele ihrer Pastöre einen Platz in einem der Konzentrationslager reserviert.” Der Wagen fuhr in einen Hain außerhalb der Stadt und hielt auf einem schmalen Wegstück unter dichtem Baumbestand an, wo Herr Rauschenbach Licht und Motor abstellte. Er zündete sich eine Zigarette an und bot Eckhard Hieronymus eine an, was er dankend ablehnte.
“Fangen wir von vorne an”, sagte Herr Rauschenbach, der seinen richtigen Namen nicht nennen wollte: “Der Auftrag, der mir gegeben wurde, ist, Sie der Volksverhetzung und Staatsgefährdung zu überführen und Sie auf diese schweren Vergehen hin vor dem Volksgericht anzuklagen. Damit ist automatisch das Berufsverbot verbunden. Je nachdem, wie das Urteil ausfällt, meist sind es die Höchststrafen für Pastöre, katholische Geistliche und Andersdenker, werden die Verurteilten nach kurzen Gefängnisaufenthalten in ein Konzentrationslager deportiert, wo die Chancen, da lebend wieder rauszukommen, der mathematischen Formel mit dem Grenzwert ‘0’ entsprechen. Ich habe mich bei dem Gespräch, das wir heute im Haus der SA hatten, wo Sie intelligent und umfassend auf die ihnen gestellten Fragen eingegangen sind und diese beantwortet haben, davon überzeugt, dass Sie kein Volksverhetzer sind.”
Herr Rauschenbach verwies auf den Beisitzer mit dem großen Parteiabzeichen, der den Auftrag in der gewohnten Weise erledigen und Eckhard Hieronymus beim Volksgericht wegen der ‘Vergehen’ verklagen wollte. Der Beisitzer sei ein Hundertfünfzigprozentiger und von beachtlicher Intelligenz, der als ehemaliger Studienrat für Deutsch und Geschichte schon viele Menschen ins Unglück gestürzt hat. Herr Rauschenbach erklärte, dass der Superintendent in dieser kritischen Situation einen Beitrag zur Selbstrettung und Rettung seiner Familie leisten müsse, wo der kleinste Beitrag der Antrag auf Mitgliedschaft der Partei sei. “Es gibt keine Alternative, wenn Sie den Kopf aus der Schlinge ziehen wollen, bevor sie zugezogen wird”, sagte er glaubhaft, dass Eckhard Hieronymus aus Sorge um Luise Agnes und Anna Friederike mit starken Gewissensbissen zustimmte. Herr Rauschenbach füllte das Antragsformular im Licht der Taschenlampe auf der Aktenmappe im Auto aus, und Eckhard Hieronymus unterschrieb das ausgefüllte Formular. Darauf brachte ihn Herr Rauschenbach nach Hause, wo Luise Agnes und Anna Friederike in großer Aufregung auf ihn warteten.
“Das Unglaubliche ist, dass es in der Gestapo einen Menschen gibt, der mir und meiner Familie helfen will.” Das sagte Eckhard Hieronymus, als er Luise Agnes und Anna Friederike vom Verhör im Haus der SA in der Kesselstraße und vom Mitternachttreff mit Herrn Rauschenbach berichtet hatte. Luise Agnes drückte ihrem Mann fest die Hand. Sie war erschüttert über die Art des Verhörs, durch das Eckhard Hieronymus gegangen war. “Da hast Du den Gesandten des Teufels gegenübergesessen. Ich habe zum lieben Gott gebetet, dass er dir beistehe und dafür sorgen möchte, dass Du da lebend wieder rauskommst”, sagte sie.
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