Dharja besuchte zudem das Kind im Krankenhaus. Erst stob ihr blanker Hass entgegen. Der Vater wäre fast gewalttätig geworden. Schlussendlich setzte sie sich doch durch und sie spielte mit dem Jungen und seiner Schwester sogar eine Runde Mensch Ärger dich nicht – seine eigenen Eltern waren zu sehr damit beschäftigt, sich über den Rassismus aufzuregen, um ihm derartige Aufmerksamkeit zu schenken. Dennoch legte man ihr nahe, sie sollte nicht wiederkommen.
Dieser Abend war aber anders. Ein Bekannter bei der Metro spielte ihr per E-Mail eine Videoaufnahme zu, die er wohl auch schon der Polizei geschickt hatte, die diese aber in ihrer üblichen Schlamperei noch nicht bearbeitet hatte. Sie zeigten einen Mann, der mitten auf der Rolltreppe einer blonden Frau unter den Rock griff und offenbar sehr intim berührte. Die Frau war geflüchtet und zwei Passanten hatten versucht den Grabscher zur Rede zu stellen. Es war zu keiner Anzeige gekommen und die Aufnahmen waren von schlechter Qualität, aber sie war sich ganz sicher wen sie da in Aktion gesehen hatte. Carl Decker. Und die Haltestelle befand sich nur wenige Meilen von ihrer Wohnung entfernt. Dharja wohnte relativ zentral und so war auch das kein Wunder. Es gab viele Haltestellen in ihrer Nähe, aber es war dennoch bezeichnend. Carl Decker war hier, und wenn man die Uhrzeit bedachte, war es gut möglich, dass sich der Typ in ihrem Umfeld aufhielt oder gar hier lebte.
Heute fuhr Dharja mit einem Streifenpolizisten nach Hause. Tony hatte heute einen längeren Einsatz geschoben und war daher vom Chef früher zum Schlafen nach Hause geschickt worden. Besagter Streifenpolizist wartete nicht ab, bis sie die Haustüre aufgeschlossen hatte… einfach ärgerlich. Die blonde Frau war jedoch eher bestürzt über ihre eigenen Gefühle dazu. Nun war es schon so weit, dass sie sich bereits vor ihrem Wohnhaus nicht mehr sicher fühlte.
Erst als Dharja ihre Wohnung erreicht hatte und Jess ihr um die Beine streichelte, atmete sie wieder auf. Einen Moment lang. Irritiert machte sie eine Runde. Sie hatte eine feine Nase. Ihr war als würde sie etwas riechen. Sie ging sogar so weit in alle Schränke und unter das Bett zu sehen, aber da war niemand. Wurde sie jetzt schon verrückt? Und dann machte sie etwas, das sie schon viele Jahre nicht mehr gemacht hatte. Sie ging zu ihrem Wäschekorb und sah hinein. Sie wusste, dass Decker immer an der benutzten Wäsche seiner Opfer schnüffelte…, dass er daraus Erregung zog und sich Trophäen seiner Opfer stahl. Da lag ihre Wäsche, ein paar Teile ganz oben in dem Korb, aber es sah so aus, wie es immer aussah. Sie schüttelte den Kopf. Eine ganze Armee von Carl Deckers konnten an ihren Sachen geschnüffelt haben und sie würde es nicht wissen.
Dharja war einfach müde und fertig. Sie hatte auf der Arbeit ein Gericht vom Chinesen gegessen, welches ihr jetzt schwer im Magen lag. Die 28-Jährige litt definitiv nicht unter Essstörungen, aber die Sache mit dem angeschossenen Kind, dem Druck, der auf ihr lastete und vor allem Carl Decker machten ihr massiv zu schaffen und so erbrach sie das fettige Essen im Klo, bevor sie sich etwas später fürs Bett fertig machte. Schlaf fand sie aber dennoch nicht gleich. Dharja ärgerte sich. Ein Lokalblatt hatte einen Artikel über sie veröffentlicht, das ihre Erfolge als Zufälle darstellte und das Bild einer faulen, eingebildeten, egozentrischen Schlampe zeichnete, die angeblich offenkundigen Spuren nicht nachging und die Schuld an der aktuellen Misere trug. Wer kam bitte auf so was? Das Ganze hatte eine Welle der Entrüstung und Empörung unter ihren Freunden und Kollegen ausgelöst, dennoch fühlte sie sich an diesem Abend so einsam und alleine, wie schon lange nicht mehr. Sie stand sogar nochmal auf und prüfte ob auch ja alle Fenster geschlossen waren und das Haupt und Nebenschloss der Türe verriegelt waren, sowie das Sicherheitsschloss. Dann erst konnte sie Ruhe finden.
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Oh Dharja... Nic hatte sie selten so rastlos erlebt... Es war als würde sie etwas spüren, doch sie brauchte keine Angst zu haben. Er würde den Kerl abfangen und nicht einmal in ihre Nähe kommen lassen. Dennoch plante Nic dem FBI Beweise zu hinterlassen, die dessen geplante Tat aufdecken würden. Auch musste er sich den Schuh anziehen, dass Dharja spätestens dann mitbekommen würde, dass sich beide Psychopaten in ihrem Haus und in ihrer Wohnung aufgehalten hatten... Er wollte schon gerne als ihr Held dastehen, doch machte sich der blonde Hüne darüber keine Hoffnungen. Beweisen das er besser war, musste er noch nicht einmal der Presse. Diese schrieben sogar, ob er, der ICR, nicht sogar schon längst den anderen Killer zur Strecke gebracht hatte. Es war nicht okay, das man über Dharja herzog, aber besser so, als dass sie wirklich erst beweisen müsste wie ernst ihr diese Angelegenheit war, indem sich die zarte Frau einen tödlichen Kampf mit dem Sextgangster lieferte…
Nic hatte seinen Wagen im Hinterhof ihres Hauses abgestellt und war dabei leise vorgegangen. Er wollte nicht im Auto bleiben, sondern nahm den Laptop mit, auf den er alle Kameras geschaltet hatte. Dick bepackt war er mit einer Tasche und Decken, die alle gebraucht werden würden.
Der Mann richtete sich nun in der Hausmeisterwohnung des Hauses für heute Nacht häuslich ein. Den Mann, der die Angelegenheiten des Hauses sonst regelte und auch alle Schlüssel hatte, war von ihm nach dem Öffnen seiner Tür direkt betäubt worden. Nic hatte den älteren schwarzen Mann so sanft es ging in das eigene Bett gelegt, nahm dort das Telefon mit und stellte dann einen Stuhl unter die Klinke des Schlafzimmers, damit der Mann, sollte er mitten in der Nacht oder Morgens wieder erwachen, nicht direkt die Polizei holen konnte. Man würde ihn schon finden…
Gesehen hatte der Mann auch nur seine Maske, die des mindestens 55-Jährigen weißen Grauhaarigen, der so garnicht nett zu ihm gewesen war. Die Größe von Nic würde vermuten lassen, dass etwas an den Fakten nicht ganz stimmte, doch zum Verwischen der Spuren reichte es aus. Nic schwitzte unter der Maske und der Perücke, doch sein eigenes Haar war so fest mit Haarspray an den Kopf gepresst, dass unmöglich eines davon würde rausfallen können. Nur wer mittdachte, konnte solche Fehler vermeiden. Wenn dann würden sie nur graues Kunsthaar finden und wissen, dass er verkleidet gewesen war.
Von dieser Wohnung aus, beobachtete er nun Dharja wie sie alles durchsuchte und sich wirklich schlecht fühlte.
Das wird ab morgen Geschichte sein, dachte sich Nic dazu, der abwartete bis Dharja sich endlich hingelegt hatte.
Er selbst würde nur ein paar Minuten oder vielleicht eine Stunde Zeit haben, ehe sich auch der andere Mörder sicher sein würde, dass sein Opfer schlief. Nic war diese Sache hier unheimlich wichtig, daher schwitzte er kalt und es ging ihm nicht so gut wie sonst. Hier könnten sich eine Menge Fehler einschleichen. Und das was er garnicht mochte würde jetzt kommen...
Er wartete ab, bis sich Dharja wirklich nicht mehr bewegte und endlich die Fänge des Schlafes zugelassen hatte. Dann betrat er so leise wie möglich ihre Wohnung. Das Drehen eines jeden Schlosses war minimal, doch es war dann ihr Tier, welches aufmauzte und zu Dharja auf das Bett sprang. Nic hatte gerade alle Schlösser geöffnet und blickte auf den Laptop am Boden.
Da hier sonst nur Familien und Rentner wohnten, schliefen diese alle um diese Zeit und das war auch gut für sie, denn diese könnten genau an diesem Tag sein Tun stören. Aber er hatte Glück und als Dharja nur ein wenig nach der Katze langte, sich dann aber umdrehte, kam er leise hinein. Der Mann lehnte die Tür an und nahm nicht die Lichtquelle Laptop mit hinein. Nur einen Lappen hielt er in der Hand... die Katze wischte an seinem Hosenbein vorbei und versteckte sich wieder einmal.
Nic war nun an Dharjas Bett, doch er hatte eine Entschuldigung. Diese sprach er nicht aus, doch sein Gesicht sprach Bände als er der Schlafenden die Betäubung an Mund und Nase hielt, so dass sie aus dem Schlaf heraus direkt ohnmächtig wurde.
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