Eines Abends auf dem Rückweg von seiner Arbeitsstelle wurde er von drei merkwürdig gekleideten Personen aufgehalten. „Wir sind im Auftrag Deines Vaters hier, um Dich darauf hinzuweisen, dass Du eine Mission hast. Dein Vater hatte Dich über die Wichtigkeit dieser Aufgabe informiert. Jetzt ist es an der Zeit, dass Du auch von uns in Deine Bestimmung eingeweiht wirst. In spätestens zweihundert Jahren steht die Welt wie Du sie kennst am Abgrund. Hungersnöte und grausame Kriege werden die Menschheit dezimieren und die Armen immer ärmer werden lassen. Die Reichen werden dagegen aufgrund ihrer Habgier, Machtgelüsten und Korruption immer wohlhabender werden. Du alleine wirst dem nicht Einhalt gebieten können, aber Deine Kinder sind genau wie Du angehalten unsere Prophezeiungen unter die Menschen zu tragen.“ „Mein Vater ist tot, wie solltet Ihr von ihm eine Botschaft überbringen können“, erwiderte Maurice. „Egal ob tot oder lebendig, Du trägst sein Vermächtnis in Dir und musst die Wahrheit weitergeben. Inzwischen haben sich die Zukunftsaussichten verändert, und das nicht gerade zum Guten. Das heißt, dass das Buch, welches Du von Deinem Vater geerbt hast, nicht mehr brandaktuell ist. Du bist von uns angehalten die neuen Prophezeiungen zu notieren und eine Fortsetzung zu verfassen. Die genauen Informationen erfährst Du in Deinen Träumen.“ Als Maurice sich zum Gehen umdrehte, waren die Fremden verschwunden. Das glaubt mir doch keiner, dachte er sich, und als er seinen Söhnen von seiner Begegnung berichtete, hielten sie ihn für verrückt. Also begann er die Weissagungen in einem zweiten Tagebuchband aufzuschreiben, in der Hoffnung, dass es jemand lesen werde, der diese Visionen für glaubhaft halten wird.
Exkurs II
Bachiel: „Sollten wir nicht die gesamte Menschheit warnen? Immerhin steht die Existenz von Milliarden auf dem Spiel.“ Aariel: „Willst Du, dass wieder ein Märtyrer auf der Erde den Glauben der Menschheit durch sein Opfer stärkt? Das ist vor 1800 Jahren schiefgegangen und diejenigen, die heute noch am Glauben an eine höhere Gewalt festhalten, sind zum Teil ebenso verdorben wie der Rest der Gesellschaft. Wir sollten an unserem bisherigen Plan festhalten und weiterhin den Giffreys als Überbringern der unangenehmen Botschaften vertrauen.“ Dariel: „Was auch immer geschehen wird, der Mensch an sich ist das Problem. Er nimmt auf die Natur keine Rücksicht und die wenigen, welche für eine gute Sache eintreten, werden von der Geschichte geschluckt. Wo habt Ihr im Verlauf der Reise durch das Universum Vergleichbares gesehen? Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten niemanden auf die kommende Apokalypse hingewiesen.“ Bachiel: „Wenn wir den Einen in das Schicksal der Menschheit einweihen, so gehen wir nicht das Risiko ein, dass schon früh eine Panik ausbricht. Lasst die Menschen ihre verbleibende Zeit noch genießen. Sollten die Giffreys scheitern, hättet Ihr recht gehabt. Sollten sie Eins und Eins zusammenzählen, dann erkennen sie den Wahrheitsgehalt unserer Prophezeiungen.“ Aariel: „Also gut, geben wir der Menschheit noch eine Chance und verlassen uns auf den Einfluss dieser einen Familie. Auch wenn sie keine Prediger sind, könnten sie den großen Plan verändern und den Planeten retten.“
Maurice war von der Begegnung mit den eigenartigen Fremden überfordert und konnte deren Warnung lange Zeit nicht glauben. Das Tagebuch ließ er von niemandem lesen, auch nicht von seinem Bruder. Camille und ihren Brüdern kam die Geheimnistuerei ihres Vaters merkwürdig vor, aber er weihte keines seiner Kinder in sein Geheimnis ein. Im Jahr 1875 wurde Maurice im Alter von siebzig Jahren schwer krank. Er bestellte seine Kinder ein letztes Mal zu sich ein und bat sie, ihm zu vertrauen, auch wenn sie sich damit schwertun könnten. Er kam gleich zur Sache, indem er sprach: „Ich habe Euch damals von meiner Erfahrung mit den drei Fremden berichtet, und das war nicht die einzige Begegnung mit ihnen. Sie sind mir dutzende Male im Traum erschienen, mit dem Ziel, dass ihr Vermächtnis an Euch weitergeleitet wird. Denn in zweihundert Jahren droht die Menschheit auszusterben, und sie haben mich und meine Kinder, also Euch dafür auserkoren, diese Visionen zu verbreiten. Dazu war ich aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage.“ Maurice griff unter seine Matratze und holte die beiden Bücher hervor. „Dies sind zwei Tagebücher, eines von mir, das andere von Eurem Großvater, und da steht alles drin, was Ihr für diese Mission wissen müsst.“ Er reichte das Buch zunächst seiner Tochter, da sie ihm immer die Liebste war. Camille schwor am Bett ihres Vaters, dass Sie die Niederschrift lesen und verinnerlichen werde. Sein ältester Sohn Rene dagegen hielt seine gesamte Familie danach für unzurechnungsfähig und interessierte sich kein bisschen für die Niederschriften seines Vaters. Auch nicht, als Maurice am folgenden Morgen tot in seinem Bett lag.
V. Die Letzte im Stammbaum
Ausgerechnet Camille, die hübsche aber prüde Tochter wurde nun die Ehre zuteil, die spirituellen Weissagungen von Maurice anderen Menschen zu vermitteln. Da sie keiner Loge beitreten konnte, schloss sie sich der frühen Frauenbewegung an, um sich dort Gehör zu verschaffen. Doch die anderen Frauen interessierten sich nur für die Durchsetzung ihrer Rechte und sahen in den mysteriösen Prophezeiungen von Camille eher verrückte Tendenzen, welche den wahren Zielen der Frauen in keiner Weise förderlich erschienen. Camille gab sich aus Gram und Kummer dem Absinth hin und ruinierte damit ihre sowieso schon schlechte Gesundheit. So stand die inzwischen schon gealterte Jungfrau einsam und alleine da, bis auch sie ihre Erfahrung mit den drei merkwürdigen Gestalten machte. Im Traum sprachen sie zu ihr. „Da Du keine Kinder hast und der Stammbaum der Giffreys mit Deinem Tod enden wird, ist es wichtig, dass Du die Aufzeichnungen Deines Vaters versteckst, und zwar so, dass es von einem Menschen mit der nötigen Demut und einem reinen Gewissen entdeckt werden kann. Bald beginnt ein neues Jahrhundert, und die Erde wird von zwei fürchterlichen Kriegen heimgesucht werden. Armut und Tod werden sich über den ganzen Kontinent legen, und das ist nur der Anfang von einer ständigen Abfolge von menschgemachten Katastrophen.“ Am folgenden Morgen konnte sich Camille zunächst nicht an den Traum erinnern, doch am Abend kehrte die Erinnerung zurück. Sie fasste die Aufzeichnungen Ihres Großvaters und ihres Vaters in einer Lektüre zusammen und beschloss, zum Tagebuch ihres Vaters eine Fortsetzung zu verfassen, die auch das letzte Erscheinen der drei Fremden und deren Visionen beinhalten sollte. Außerdem nahm sie sich vor, Teile der Schilderungen zu verschlüsseln und die Tagebücher mit irreführenden Siegeln zu versehen, damit es der Leser nicht zu einfach hätte, die geheimen Visionen zuzuordnen. Nur ein wahrhaft berufener Mensch sollte Zugang zu den Büchern erhalten. Sie saß ganze vierundzwanzig Stunden an diesem Projekt, und war nach der Fertigstellung so erschöpft, dass sie zwei Tage durchschlief. Damit nicht irgendjemand X-Beliebiger die einzelnen Tagebücher finden konnte, entschied sie sich, die Aufzeichnungen ihres Vaters an einem sicheren Ort zu verstecken. Drei Tage später begab sich Camille in die Katakomben von Paris. Hinter einer Reihe von Totenschädeln, unter einem Symbol des Templerordens, legte sie das Tagebuch ab. Sie hoffte, dass später der Richtige das Versteck finden und die Aufzeichnungen öffentlich machen würde. Ihre eigenen Aufzeichnungen bewahrte sie bis zu ihrem Tod in einem Seitenfach ihrer Lieblingskommode auf.
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