Er war glücklich verheiratet mit der schönen Beatrice, der jüngsten von vier Töchtern des obersten Baumeisters. Doch er war im Grunde für harte Arbeit nicht geschaffen. Stattdessen las er viel und besaß viele unterschiedliche Interessen. Er besuchte im Gegensatz zu den meisten seiner Vorfahren regelmäßig Messen und hatte einen festen und unverrückbaren Glauben an Gott. Da er sich im Handwerk eher nicht zuhause fühlte, begann er zu schreiben, besonders über Zusammenhänge von theologischen und weltlichen Themen. Er war als ehrlicher Calvinist gegen den Ablasshandel und vermied es daher öffentlich über seine Einstellung zur katholischen Kirche zu reden. Seit der finalen Verfolgung der Hugenotten zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts, lebten Protestanten wie er sehr gefährlich, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis er sich mit seiner Familie entschied auf das Land zu ziehen, wo er sich den nötigen Schutz vor den Schergen des Königs erhoffte. Als Ludwig der IV. 1715 starb, sah Matthieu für sich und seine Familie wieder eine Perspektive, doch der Hass zwischen den verfeindeten Lagern hatte sich noch nicht gelegt. So begab es sich, dass er eines Tages auf dem Weg nach Hause drei merkwürdig gekleideten Männern begegnete, die ihn anhielten und sogleich beim Namen nannten. „Woher wisst Ihr, wie ich heiße?“, wollte Matthieu wissen, und eine der Gestalten, deren lange schwarze Mäntel aufgrund des auffrischenden Windes klatschende Geräusche machten, begann intensiv auf den Gesellen einzureden. „Wir verfolgen Deinen Stammbaum schon seit über dreihundertfünfzig Jahren und haben Deine Ahnen immer beobachtet. Das liegt vor allem daran, dass Du genau wie Deine Vorfahren immer edle und ehrliche Absichten hattest. So mahnen wir Dich und Deine Familie, in den Norden zu ziehen, da in spätestens fünf Jahren die nächste schreckliche Pestwelle den Süden Frankreichs überziehen wird, und dass dafür höhere Mächte verantwortlich sind, denen die Menschen auf Erden nicht Einhalt gebieten können. Gleichzeitig ist die Seuche eine Strafe für all jene, die den Glauben verloren haben und falschen Tugenden frönen. Verkündige denen, welche Dir zuhören, dass es auch in Zukunft in regelmäßigen Abständen zu schlimmen Seuchen kommen wird, die vor allem diejenigen befallen werden, welche Maßlosigkeit der Demut vorziehen. Natürlich wird es auch Opfer geben unter den Armen und den Gläubigen, es muss immer wieder eine natürliche Auslese stattfinden, da der Mensch ansonsten die Erde zerstören wird. Das wird zwangsläufig in einer Zukunft, welche Du nicht mehr erleben wirst zum Untergang der gesamten Menschheit führen. Gestalte Dein Leben im Glauben an die Existenz höherer Mächte, ehrfurchtsvoll und gütig, so wird es Dir und Deiner Familie viele Jahre lang an nichts mangeln.“ Matthieu glaubte an für sich nicht an Geister, doch diese Begegnung ließ ihn an seinen bisherigen Überzeugungen zweifeln. Als er nach Hause kam, teilte er Beatrice sofort seine überirdische Erfahrung mit, wagte es aber nicht, seinen Kollegen auf der Baustelle von dem besonderen und mysteriösen Vorkommnis zu berichten.
Exkurs I
Bachiel: „Wenn wir den Menschen die Wahrheit über das Ende ihrer Art und ihrer Welt erzählen, wird es eine Panik unter ihnen geben, und unsere Mission wird noch schwieriger, da Kriege um Macht und die letzten Ressourcen folgen werden. Wir dürfen in keinem Fall weitere Märtyrer schaffen, welche für unsere Sache sterben.“ Aariel: „Wenn niemand von dem großen Plan erfährt, wird auch in der Zukunft große Ungerechtigkeit zwischen den Menschen vorherrschen. Die Reichen werden versuchen sich als erste in Sicherheit zu bringen und die Ärmsten werden leiden und auf die übelste Art krepieren.“ Dariel: „Es wird neue Strömungen unter den Menschen geben und Giffrey könnte einer von ihnen sein, der sein Wissen und seine Spiritualität weitergibt. Ich habe die Hoffnung, dass letzten Endes die Menschheit zur Vernunft kommt und die Prophezeiung abgewendet werden kann. Da das Ende der Menschheit erst in etwa vierhundertfünfzig Jahren angekündigt ist, kann noch vieles passieren.“ Bachiel: „Wir werden seine Familie und seine Nachkommen weiter beobachten und dafür sorgen, dass unsere Prophezeiungen weitergegeben werden. Mehr können wir für den Augenblick nicht tun. Die nächste Epidemie steht bevor, und er muss beweisen, dass er seine Mitmenschen erreichen kann und seiner Verantwortung bewusst werden.“ Aariel: „Er wird einer Gruppierung beitreten, welche sich, für Humanität, Hilfsbereitschaft und Toleranz einsetzt, und er wird die Prüfungen, die er ableisten muss, letztendlich erfolgreich bestehen.“
Matthieu indessen war sich seiner Aufgabe nicht sicher. Sollte ausgerechnet er, ein relativ unbedeutender Handwerker für Frieden und Demut unter den Menschen sorgen? Wieso wurde gerade er ausgewählt, oder wussten noch andere von der bevorstehenden Apokalypse?“ Sein Plan war, wie von den drei Männern empfohlen, mit seiner Familie in die Normandie zu ziehen, um der nächsten Epidemie zu entkommen. Als er Marseille verließ, waren die Menschen in seiner Umgebung von Armut betroffen, die meisten waren aber noch von guter Gesundheit. Es war das Jahr 1720, als Matthieu erfuhr, dass der ganze Süden des Landes von einer neuerlichen Pestwelle erfasst wurde. Zehntausende wurden dahingerafft, aber dank einer Mauer, 1721 als Schutzwall gegen die Pest errichtet, erreichte die Seuche den Norden Frankreichs nicht. Matthieu begann in der Bauhütte seinen Arbeitskollegen während der Mittagspausen die Thesen, welche ihm von den drei Gestalten gepredigt wurden, weiterzugeben und zu diskutieren. Doch stießen die Prophezeiungen bezüglich des Weltuntergangs auf wenig Begeisterung bei den Handwerkern, und so gab er es irgendwann auf, seine Mitmenschen bekehren zu wollen. Nach acht weiteren Jahren, Matthieu war inzwischen zum Meister berufen worden, es war das Jahr 1730, erfuhr er durch einen Freund, dass es in Paris eine Bauhütte gebe, wo Menschen in Gemeinschaft spirituelle und mystische Gedanken austauschten, welche seinen nicht unähnlich wären. Erfreut, dass es anscheinend mehr aufgeklärte Leute wie ihn gebe, beschloss er in die Großstadt zu reisen und diese Menschen kennenzulernen. Nach drei Tagesritten erreichte er Paris und suchte das besagte Gasthaus in der Rue des Boucheries auf, in der diese Loge, wie diese Gemeinschaft sich nannte, tagte. Als er in den von der Schänke separierten Gastraum eintrat, wurde er ermahnt wieder zu gehen, da dies eine geschlossene Veranstaltung nur für Mitglieder sei. Doch Matthieu blieb hartnäckig, erklärte, wer er sei, und dass er die große Entfernung nur zurückgelegt habe, damit er mit dem Gedankengut dieser Gemeinschaft vertraut gemacht werde. Da erhob sich plötzlich der Mann an der Stirnseite der Tafel und sprach zu Matthieu: „Ich bin Andre-Lebreton, der Vorsitzende dieser Runde aus ehrenwerten Mitgliedern. Ihr seht nicht so aus, als stammt ihr aus einer angesehen Familie, was für Euch automatisch eine mögliche Eintrittskarte in unseren Kreis hätte bedeuten können. „Ich stamme aus dem Norden Frankreichs“, antwortete Matthieu, „und bin in meiner Innung ein angesehener Handwerksmeister. Ich würde mich gerne mit Euch austauschen, und wäre bereit alle dafür maßgeblichen Regeln zu beachten. Ich habe nämlich gehört, dass es in einer Loge wie Eurer klare Bestimmungen gibt, die eingehalten werden müssen.“ „Wenn Du wahrhaftig ein Baumeister bist, so stehen Deine Chancen nicht schlecht, in unseren Kreis aufgenommen zu werden. Maitre Laverne und Maitre Bonsaque sind ebenfalls Handwerksmeister. Die ersten Freimaurer wurden so genannt, weil sie Baumeister und Maurergesellen waren. Sie bilden den Ursprung unserer Vereinigung. Du musst allerdings zunächst eine Initiation durchlaufen“, erklärt Lebreton. „Und davor musst Du Dich mit unseren Werten und Riten auseinandersetzen. Wenn Du alle Prüfungen bestehen solltest, wären wir bereit Dich in unseren illustren Zirkel aufzunehmen. Am besten stimmen wir kurz ab, wer dafür oder dagegen ist.“ Die Abstimmung verlief günstig für Matthieu, und so mietete er sich ein Zimmer in der Stadt, um am folgenden Tag wieder das Gasthaus aufzusuchen.
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