Der glotzt leicht verwirrt zwischen mir, Robert und Sirko, der auf der Bank steht und seinen Kopf mit den immer noch recht kurzen Haaren im Takt der Musik herumwirbelt, hin und her.
„Ich weiß, die Platten sind schon etwas in die Jahre gekommen. Aber so eine gute Aufnahme habe ich noch nie gehabt.“, rechtfertigt sich Robert für eine Kritik, die uns so gar nicht in den Sinn gekommen wäre.
Andächtig lauschen wir einigen Klängen. Ein leichtes Fiepen liegt unter der Tonspur.
„Gut Aufnahme?“, wundert sich Olaf.
„Hey, das ist schließlich live.“, regt sich Robert nun richtig auf. „Und was kann ich dafür, dass ich nur Eisenkassetten bekommen habe? Chrom waren ausverkauft. Die hat er auch nicht gehabt.“
„Wer?“, fragt Olaf, der immer noch auf der Leitung zu stehen scheint.
„Erich Honecker.“, ruft Robert, wirft die Arme in die Luft und rollt mit den Augen. „Der Typ beim Tapetrading, natürlich.“, fügt er dann mit etwas sanfterer Stimme hinzu.
„Robert war am Wochenende bei so einer Tauschaktion.“, erklärt Sirko, bevor Olaf weitere blöde Fragen stellen kann. „Jeder bringt mit, was er so hat und dann tauscht man Kassetten. So kommt man immer wieder zu was neuem.“
„Aha.“, entfährt es Olaf. „Und da hast du nichts besseres als eine olle DDR-Band gekriegt?“, mault er.
„Ha, hör sich einer den an.“, echauffiert sich Robert. „Denkst du, ich gehe da einfach so hin und frag nach AC/DC und dann krieg ich das einfach?“
„Ja, dachte ich.“, gibt Olaf ehrlich zu.
„Mann, Mann, Mann. Du hast eindeutig zu lange am Putzmittel geschnüffelt.“, meckert Robert und zeigt ihm einen Vogel. „Beim Tauschen geht es um Werte. Wenn ich AC/DC haben will, muss ich schon wenigsten was Ausgefallenes von Led Zeppelin bringen. Oder Black Sabbath. Da stehen die Leute drauf. Da ich das aber nicht habe, muss ich kleinere Brötchen backen.“
„Und wie kommt man dann an die guten Sachen?“, hakt Sirko interessiert nach.
Robert zuckt ergeben mit den Schultern. „Westverwandtschaft, die einem die neuen Tapes rüberschmuggelt. Oder auf Partys heimlich kopieren, wenn alle besoffen sind.“, fügt er grinsend hinzu. „So bin ich an eine Van Halen gekommen.“
„Cool.“, lautet Olafs ehrfürchtiger Kommentar.
„So langsam wird das was mit den Haaren.“, sage ich und schaue in die Runde. Robert hatte schon immer verzottelte Loden. Durch diesen Vorsprung stoßen die ersten Spitzen seiner Haare schon an die Schultern. Bei uns anderen sieht es noch nicht so rosig aus. Sirko und ich haben es geschafft, die Ohren überwuchern zu lassen, aber bei Olaf wächst das Haar eigenartigerweise vor allem hinten, kaum aber oben und an den Seiten.
„Wie siehst du eigentlich aus?“, greift Robert das neue Thema dankbar auf. Auch ihm ist der eigenartige Look von Olafs Frisur aufgefallen.
„Meine Mutter hat gemeint, ich sähe aus wie ein Hippie und hat dran herumgeschnippelt.“, windet er sich.
„Ach, Scheiße! Was mischt die sich denn da ein?“, jault Robert auf.
„Kein Grund zur Panik.“, versucht Sirko beschwichtigend einzuwenden.
„Kein Grund zur Panik?“, wendet sich Robert angriffslustig an ihn. „Sollen wir vielleicht mit einem Skinhead in einer Metalband spielen?“
„Skinhead ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben.“, versuche ich die Wogen zu glätten.
„Fokuhilas sind auch bei Metalbands gerade angesagt.“, wirft Sirko schnell ein, bevor Robert sich weiter aufregen kann. „Ich hab das schon auf ein paar Postern gesehen.“
Kritisch begutachten wir Olafs Mähne. „Ja, das könnte gehen.“, resümiere ich meinen ersten Eindruck. „Lass sie hinten gleichmäßig rauswachsen, dann sieht das ganz fesch aus.“
„Außerdem bist du Schlagzeuger, da sieht man dich nicht so sehr.“, fügt Sirko hinzu.
„Und erstmal müssen wir sowieso einen neuen Probenraum finden. Bis der Verstärker repariert ist, das wird noch dauern.“, ruft uns Olaf in Erinnerung.
„Dann üben wir eben erst einmal ohne Probenraum.“, rufe ich und deute mit leuchtenden Augen auf den Kassettenrekorder.
Die anderen legen die Köpfe schräg und schauen mich an, als hätte ich sie gerade aufgefordert, mit heruntergelassenen Hosen vor der Parteizentrale auf- und abzumarschieren.
„Luftgitarre!“, erkläre ich meine Idee in einem pragmatischen Wort und fordere Sirko auf: „Mach mal lauter!“
„Aber die Batterie.“, gibt er zu bedenken.
„Sind wir eine Metal-Band, oder nicht?“, kontere ich angriffslustig.
Robert gibt ein zustimmendes Grunzen von sich und dreht die Lautstärke höher.
Ich nehme Aufstellung und tue so, als würde ich mit meinen Fingern dem Gitarrenlauf folgen. Da ich den Text nicht kenne, schicke ich irgendwelche gutturalen Laute in den Nachmittagshimmel und wackle eifrig mit dem Kopf.
Mein Enthusiasmus springt auf die anderen über. Sirko stellt sich neben mich und mimt ebenfalls einen Gitarrenspieler, Olaf setzt sich auf die Bank und drischt mit zwei Stöcken auf die Plastesitzfläche ein. Robert lacht kurz auf, schüttelt den Kopf und stellt sich dann dazu. Als Bassist ist er naturgemäß eher der ruhende Pol, aber auch seine Haare wirbeln schon bald durch die Luft.
Plötzlich bricht die Musik ab. Mitten in der Bewegung erstarren wir und schauen erschrocken auf den Kassettenrekorder.
„Ach, Scheiße! Seite zu Ende.“, erklärt uns Robert, was passiert ist. Mit geübten Handgriffen dreht er die Kassette und drückt auf den Abspielhebel. „Das ist ihre erste Single, die gab‘s mit dazu.“, sagt er über das übliche Rauschen des anlaufenden Bandes hinweg. Dann setzt die Musik ein und wir lassen uns erneut vom Rhythmus mitreißen. Die Luftgitarren gehen die Melodiebögen wie automatisch mit, nur Olafs Trommelschläge fallen immer wieder aus dem Takt. Wir grinsen uns gegenseitig an und genießen das Gefühl absoluter Freiheit.
Das Lied ist fast zu Ende, als erneut die Musik aufhört. Wir drehen uns zum Kassettenrekorder um und blicken entgeistert in das streng blickende Gesicht des Abschnittsbevollmächtigten.
„Oberleutnant Wischmann?“, sagt Sirko halb ängstlich, halb neugierig.
„Was soll dieser Radau?“, fährt uns der ABV ohne Begrüßung an.
„Das ist Musik, Herr Oberleutnant.“, antwortet Robert mit unergründlicher Miene.
„Wenn das Musik ist, bin ich eine Waschfrau.“, knurrt Wischmann ihn an. „Dieser Krach ist eine Beleidigung für jedes musikalisch geschulte Ohr. Und dazu noch diese rebellischen Texte. Dass ihr so etwas in der Öffentlichkeit aufführt...“ Er schüttelt den Kopf und sein Gesicht spiegelt so viel Enttäuschung wider, dass mir beinahe die Tränen kommen.
„Was ist nur aus euch geworden?“, fährt der ABV mit seiner pädagogischen Ansprache fort. „Vor kurzem wart ihr noch fleißige, gepflegte Thälmannpioniere, und jetzt das.“ Mit angewiderte Miene deutet er auf uns. „Rocker und Tramps. Was sagen nur eure Eltern dazu?“
Mir liegt eine schlagfertige Antwort auf der Zunge, aber ich schaffe es, sie herunterzuschlucken. Sogar Robert gelingt es überraschenderweise, die Klappe zu halten und betreten auf den Boden zu schauen.
Mit einem lauten Klacken öffnet der ABV den Kassettenrekorder und entnimmt ihm das Corpus Delicti. „Konfisziert!“, sagt er mit festem Ton und wackelt mit der Kassette triumphierend in der Luft herum.
„Aber das ist erlaubte Musik.“, ruft Robert aufgebracht. „DDR-Rock. Von Amiga!“ Seine Stimme klingt flehend, fast weinerlich.
Oberleutnant Wischmann wirft einen prüfenden Blick auf die Kassette. „Hier steht nirgends Amiga drauf.“, stellt er mit Kennerblick fest. „Und selbst wenn es die Puhdys wären, die nach meinem Geschmack schon viel zu krawallig sind, würde ich die Kassette wegen Ruhestörung an mich nehmen. So einen Radau gibt es in meinem Revier nicht. Habe ich mich klar ausgedrückt?“ Seine stechenden stahlblauen Augen fixieren uns von oben herab.
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