Des Weiteren gibt es Bilder, auf denen Barthel Bruyn und der später in Antwerpen berühmt gewordene Joos van der Beke, auch Joos van Cleve genannt, lachend als Freunde abgebildet sind. Unter anderem in der Menge versteckt auf dem Zentralgemälde des Hochaltars im Xantener Dom. Joos van Cleve, 1485 geboren, hat sich zudem, wohl als Gehilfe von Jan Joest, auf einer Bildtafel im Hochaltar der Nicolaikirche in Kalkar, selbst abgebildet. Es muss also eine enge Verbindung der Maler Jan Joest, Barthel Bruyn und Joos van Cleve gegeben haben.
Zur Person Derick Baegerts ergaben die Nachforschungen im Weseler Stadtarchiv weiter viel Neues und Interessantes. Er wurde 1439 geboren. Sein Vater Johan Baegert war Kaufmann, betrieb Handel auf dem Rhein und verkaufte auch Wein in Wesel. Er wurde zur Steuer zum vierten Teil der Kosten einer Kriegspferdehaltung herangezogen, entsprechend einem Vermögen von 400 - 600 Rheinischen Gulden. Damit war er ein vermögender Mann. Derick Baegerts Mutter war Agnes, genannt Neesken van Beert. 7 Ihr Vater wurde „literatus oppidorum“ genannt. Er war Aufzeichner des Wein- und Hopfenhandels in der Stadt sowie Kirchmeister von St. Willibrord. Die verzweigte Familie van Beert war vermögend und häufig im Weseler Stadtrat vertreten. Sie besaß auch je ein Haus an der Dimmerstraße und der Feldstraße, die beide Derick Baegerts Mutter erbte. Sie war Fassmalerin und arbeitete für St. Willibrord.
Die Fassmalerei übernahm ihre Tochter Katharina, genannt Trinneken. Diese ehelichte einen Heinrich Joest und wurde Mutter des Malers Jan Joest. Eine der beiden Töchter des Malers Jan Joest, Agnes Joest, heiratete später Barthel Bruyn d. Ä.. Bruyn hieß damals Wesels Nachbarort Brünen. Zahlreiche Bürger mit dem Namen Bruyn wohnten in Wesel, die meisten in der Niederstraße, nahe der Kirche St. Willibrord.
1464 ist Derick Baegert in Wesel mit einem eigenen Haushalt nachzuweisen. Er hatte eine Malerwerkstatt an der Nordseite des Großen Marktes gegenüber dem damals im Bau befindlichen Gotischen Rathauses. Er musste für die Stadt einen Harnisch vorhalten. Drei Jahre später lebte er an der Torfstraße gegenüber dem Augustinerkloster. Drei weitere Jahre später besaß er ein Haus an der Hohen Straße gegenüber der Mathenakirche, die an der Stelle stand, an der heute der Kaufhof steht.
Mehr ist dem Stadtarchiv nicht zu entnehmen. Wie sein Leben zwischen seiner Geburt 1439 und dem Jahr 1464 verlaufen ist, wissen wir nicht. Wir kennen nur das Ergebnis: Derick Baegert war 1464 ein hervorragend ausgebildeter Maler geworden. Eine solche Meisterschaft kann er wohl nur von Künstlern in Flandern gelernt haben, der Landschaft mit den bedeutendsten Malern der damaligen Zeit nördlich der Alpen. Zwei der größten, Robert und Jan van Eyck, waren bereits gestorben, als Derick ein Alter erreicht hatte, in dem er eine Malerlehre antreten konnte. Es lebte nur noch Rogier van der Weyden, neben den Brüdern van Eyck der bedeutendste Maler. Dafür, dass Rogier van der Weyden Derick Baegerts Lehrer war, sprechen auch viele Ähnlichkeiten im Malstil der beiden Maler. Überdeutlich wird das bei einem Vergleich ihrer Bilder mit dem Motiv „Der heilige Lukas zeichnet die Madonna“. Die beiden Bilder stehen sich in ihrer Meisterschaft in nichts nach.
Diese Gewinnung neuer Erkenntnisse wäre schon Grund genug, dass sich die Geschichtswissenschaft und die Literatur erneut dieses Teils der Geschichte annimmt.
Die Malkunst im damaligen Europa
Werfen wir einen Blick auf die Malkunst jener Zeit: Italien erlebt den Höhepunkt der Renaissance-Malerei mit den Malern Leonardo da Vinci, Michelangelo und Raffael an der Spitze. Ihr Vorbild wird die Kunst der folgenden Jahrhunderte bestimmen. Nördlich der Alpen hängt man noch der Gotik an. Die genialsten Maler dort finden wir in weit voneinander liegenden Städten, in Colmar, Aschaffenburg und Nürnberg, in Köln und Wesel, in s'Hertogenbosch, Tournai, Gent, Brügge und Brüssel. Der wichtigste Maler war Robert Campin. Er führte in Tournai eine Malerwerkstatt, in der die gotische Malkunst auf eine Höhe geführt wurde, die zum Vorbild aller gotischen Maler wurde. Betrachten wir die Städte und ihre Maler:
Tournai
Flämisch Doornik, Stadt in der belgischen Provinz Hennegau an der Schelde, 67.000 Einwohner, romanisch-gotische Kathedrale (12./13. Jahrhundert), Bischofssitz, Geburtsort des Frankenkönigs Chlodwig.
So lesen wir im Lexikon. Vom wichtigsten Maler der Gotik Robert Campin lesen wir nichts. Das hat seinen Grund: Robert Campin war selbst in Fachkreisen als wichtigster Maler der Gotik lange Zeit nicht erkannt, ja, man kannte seinen Namen nicht. Man bezeichnete ihn als „Meister von Flémalle“. Dabei handelt es sich um ein Altargemälde im Ort Flémalle, das zum Vorbild aller gotischen Maler wurde.
Brügge
Flämisch Brügge, französisch Bruges, Hauptstadt der belgischen Provinz Westflandern, 118.000 Einwohner, 12 Kilometer von der Küste entfernt, an der Grenze zwischen Marsch und Geest.
Zahlreiche alte Bauwerke, Liebfrauenkirche, 12./13. Jahrhundert, gotisches Rathaus. Im 11. Jahrhundert Residenz des Grafen von Flandern, 1384 an Burgund,1482 habsburgisch, bedeutend in der Hansezeit vom 13.-15. Jahrhundert, danach bedeutendster Handelshafen Nordeuropas, versandete im Mittelalter.
Die Brüder Hubert und Jan van Eyck unterhielten hier eine Malerwerkstatt. Sie haben bei Robert Campin in Tournai ihr Handwerk erlernt. Sie gelten als die bedeutendsten Maler der flämischen Gotik. Als ihr berühmtestes Kunstwerk gilt der Genter Altar in der St. Bavo Kathedrale in Gent. Aus ihrer Hand stammt auch der „Turiner Kalvarienberg“, eine Darstellung der Kreuzigung Christi mit „viel zuschauendem Volk“ 8 . Sie wurde Vorbild für die Malkunst, vor allem in Norddeutschland.
Brüssel
Hauptstadt des Königreiches Belgien und der Provinz Brabant. Ersterwähnung 966. Seit dem 12. Jahrhundert Sitz der Herzöge von Brabant. Seit der Heirat der Herzogin Maria von Burgund mit Kaiser Maximilian I. 1482 Residenz der Habsburger Kaiser. Hier hatte Rogier van der Weyden, auch ein Schüler von Robert Campin, seine Malerwerkstatt. Er zählt zu den Großen der flämischen Malkunst.
Antwerpen
Die Stadt wurde ab den 90er Jahren des 15. Jahrhunderts die „Kunstkampfstadt“ Flanderns. Die Bedeutung Brügges war erloschen; der Zugang der Stadt und ihr Hafen waren verlandet. In Antwerpen lebten alle großen Maler der späten Gotik. Werfen wir einen Blick von dieser Keimlandschaft großer gotischer Malerei in den Süden.
Colmar
Elsässische Stadt in der Oberrheinebene, links an der Lauch, Verwaltungssitz des französischen Departements, Haut-Rhin, 62.000 Einwohner, Mittelpunkt eines reichen Landwirtschaftsgebietes mit Wein- und Gemüseanbau, lebhafter Handel.
823 erstmals genannt, 1226 Reichsstadt, seit 1672 französisch, mittelalterlicher Stadtkern, Martinsmünster, im Innern „Madonna im Rosenhag“ von Martin Schongauer.
Martin Schongauer wurde um 1450 in Colmar geboren, wo er auch 1491 starb. Seine Bilder fallen auf, durch die bis dahin unbekannte perspektivische Raumdarstellung und die sensible Art der Naturwiedergabe. Man findet sie zu dieser Zeit nur bei den flämischen Malern Robert Campin, den Gebrüdern Hubert und Jan van Eyck und Rogier van der Weyden. Vielleicht hat Schongauer in seinen Lehr- und Wanderjahren in Flandern vorbeigeschaut, was wir nicht wissen. Vielleicht hat er auch schon vom Italiener Alberti gehört, der zu dieser Zeit die Gesetze der Perspektive entdeckt hat.
Aschaffenburg
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