Was soll ich tun? , überlegte sie. Ihr fiel die Hand auf ihrem Schenkel wieder ein. Nein, ich muss hier raus , flüsterten ihre Gedanken.
Der Fahrer ging in den Verkaufsraum, um zu bezahlen. Als er außer Sichtweite war, schnappte Marie sich ihre Sachen, öffnete die Tür und sprang auf den Boden. Als sie sich umsah, bemerkte sie, dass kein weiteres Auto in der Nähe zu sehen war. Wohin?
Am Ausgang der Tankstelle sah sie links ein paar Mülltonnen stehen, dahinter versteckte sie sich. Ihr Herz pochte, als sie ihn aus dem Verkaufsraum kommen sah und auf den LKW zusteuerte. Er stieg ein und ließ den Motor an, kurbelte sein Seitenfenster herunter. Das Licht im Führerhaus ließ ihn deutlich sichtbar werden. Der Mann schaute sich um, aber konnte sie nicht entdecken. Er zuckte mit den Schultern und fuhr los.
Marie war erleichtert, verfolgte die Rückleuchten sie mit ihrem Blick bis auf die Autobahnausfahrt.
»Er ist weg«, flüsterte sie erleichtert.
Doch was sollte sie jetzt tun? In die Tankstelle gehen? Dort war es wahrscheinlich warm und sie war vor dem Regen geschützt, der wieder einsetzte. Oder doch eher auf ein Auto warten und hoffen, dass sie jemand mitnahm? Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie lange würde warten müssen.
»Was machst du da?«
Ein Junge stand plötzlich vor ihr. Groß, braune längere Haare. Seine blasse Haut konnte sie trotz der Dunkelheit erkennen, in der Hand hielt er einen Müllbeutel.
»Du Idiot, hast du mich erschreckt!«
Marie pustete, strich sich dabei eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Ich dich? Was soll ich denn bitte sagen? Du lungerst hier hinten zwischen den Mülltonnen rum!« Er sah sie vorwurfsvoll an, dann schmiss er den Müll in die Tonne. »Also, was machst du hier?«, fragte er neugierig.
»Hast du den LKW-Fahrer gesehen, mit dem bin ich mitgefahren. Er hat mich angegrabscht, ich dachte, hier wäre die beste Gelegenheit zum Abhauen.«
Der Junge sah sie an.
»Oh, aber du gehörst nicht hierhin.«
Was sollte das denn? Natürlich gehörte sie nicht hierhin. Marie wusste noch nicht mal, welcher Ort das hier war.
»Nein, ich bin auf der Durchreise. Ich bin auf der Flucht. Sozusagen. Hier ist ja nicht viel los. Wie hoch, meinst du, sind die Chancen, dass jemand hier anhält, und tankt?«
»Schau dir doch die Tankstelle mal an, hier halten kaum Leute, vor allem kommt keiner um die Zeit.«
Die Tankstelle sah in der Tat alt und etwas heruntergekommen aus.
Toll , dachte Marie.
»Du brauchst eine Schlafgelegenheit. Bei uns kannst du nicht bleiben, du musst hier weg, bevor mein Alter dich hier erwischt …«
Eine Tür ging auf. Er drückte sie gegen die Tonne.
»Tim, was treibst du da? Komm rein!«
Der Mann, der dort sprach, hatte eine kratzige Stimme, hustete heftig. Das hörte sich nicht gesund an.
»Paps, ich komme gleich. Geh wieder rein.«
Tim drehte sich zu Marie und kam etwas näher.
»Hinter der Tankstelle ist ein Wald, geh dort hinein, du musst dich geradeaus halten, dann kommst du zu einem verlassenden Haus. Da sieht dich keiner. Es liegt zu weit ab von der Autobahn.«
»Tim, los rein«, der Mann hustete wieder.
Tim drehte sich um, lies sie alleine zurück. ›Wie unheimlich‹, dachte Marie. Was war das denn? Nur Verrückte. Wieso sollte sie sich in einem verlassenden Haus verstecken? Wie kam er darauf? Sie sah zu dem Wald links von ihr hinter der Tankstelle, dann auf die Autobahn.
Weit und breit waren keine Lichter von irgendwelchen Fahrzeugen zu sehen, was Marie sehr seltsam vorkam. Eine so verlassene Autobahn hatte sie noch nie gesehen.
Marie seufzte, griff in ihren Rucksack, holte ihre Taschenlampe raus und lief in den Wald hinein.
Der Wald war unheimlich und still. Der Wind trieb die Wolken über den Himmel, raschelte in den Baumkronen. Marie spürte die Kälte auf ihrer Haut. Am liebsten hätte sie ihre Jeans aus dem Rucksack geholt und angezogen, doch sie hatte Angst. Sie wollte nur schnell durch den Wald hindurch und das Haus finden.
Den Schein der Taschenlampe richtete sie vor sich auf den Waldboden. Zügig ging sie weiter, an zahllosen Bäumen vorbei, deren Äste gespenstisch ins Dunkel ragten. Irgendwo musste doch ein Ausgang sein!
Endlich erreichte sie eine Lichtung, eine große Wiese, an deren Ende ein Haus stand. Marie blieb stehen, ihr stockte der Atem. Das musste es sein. Leider war es zu dunkel und zu weit entfernt, um Einzelheiten zu erkennen. Allem Anschein nach schien es die Rückseite zu sein, der Eingang musste sich demnach auf der anderen Seite befinden. Es war unheimlich, doch wie von einer unsichtbaren Kraft angezogen ging Marie über die Wiese auf das Haus zu. Das hohe Gras kitzelte sie dabei an den Knöcheln.
Ihre Mutter und sie hatten in einer Dreizimmerwohnung gelebt, die schon ohne Oliver zu klein gewesen war, dafür aber äußerst günstig. Der Vermieter, Herr Mensen, war ein äußerst freundlicher Mann, der Reparaturen sofort erledigte und auch schon mal einen Aufschub gewährte, wenn das Geld knapp war und die Miete später gezahlt werden musste. Doch so ein Haus, wie Marie es vor sich sah, hätte ihr sicherlich eine schöne Kindheit beschert. Viele Zimmer, ein Garten und ein Wald dazu. Als sie näher an das Haus kam, leuchtete sie es mit der Taschenlampe an und blieb stehen.
Es war wirklich gigantisch. Sie zählte vier, mit altmodischen Holzläden verschlossene Fenster. Ein großes, altes Hirschgeweih hing an der Hauswand.
Marie ging um das Haus und suchte den Eingang. Die Vorderfassade war mit graubraunen Holzbrettern verkleidet. Im Obergeschoss verschlossen die gleichen, altertümlichen Läden die drei Fenster. Zur Eingangstür, die scheinbar aus Eichenholz gefertigt war, führten drei Stufen einer morschen Holztreppe.
Mit dem Strahl der Taschenlampe leuchtet sie die Tür an. Am Türrahmen befand sich mit Kreide 20*C+M+B+13 geschrieben. Komisch , dachte Marie. Wie lange steht das schon hier? Wieso schreiben die Sternsinger es an die Tür eines verlassenden Hauses?
Marie hatte in der Schule zu dem Thema gut aufgepasst und wusste, manche Menschen denken ›C+M+B‹ steht für die Heiligen Drei Könige: Casper, Melchior und Balthasar, was jedoch nicht stimmt. Die Buchstaben sind eine Abkürzung für ›Christus Mansionem Benedicat‹, was hieß: Christus segne dieses Haus. Sie hoffte, dass es auch wirklich gesegnet war.
Marie griff nach der Klinke. Zu ihrer Verwunderung ließ sich die Tür öffnen, laut quietschend drehte sie sich in ihren Angeln. Sie stand im Flur, mit der Taschenlampe erkundete sie die Umgebung. Die anfängliche Angst war gewichen, stattdessen konzentrierte sie sich auf die Umgebung. Sie stellte ihre Tasche und den Rucksack ab.
Direkt vor ihr befand sich die Treppe zum Obergeschoss. Die Stufen sahen stabil aus, das Geländer ebenfalls. An sämtlichen Wänden hingen Geweihe, augenscheinlich war der Besitzer Jäger gewesen.
Die armen Tiere , dachte Marie.
Sie versuchte, den Lichtschalter zu betätigen, doch es blieb finster. Wäre auch wirklich zu schön gewesen. Tim hatte ja gemeint, es wäre verlassen, dann war wohl der Strom auch abgestellt worden, aber einen Versuch war es wert gewesen. In ihrem Kopf machte sie sich einen Plan.
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