Jozi Salzberg - 99,9 %.

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Wohin führen all die (realen) Krisen diese Welt? Das Buch eröffnet ein unschönes Szenario, aber nichtsdestotrotz ein realistisches. Immer dabei: Liebe und Tod, Abenteuer, ganz neue Art von KämpferInnen und Technologien, eine Neuordnung der Gemeinschaft in der Unterwelt von Wien.

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Da liegt sie nun auf dem staubigen Boden und träumt mit offenen Augen von einem seiner zahlreichen Besuche. Sie zwingt sich, an etwas anderes zu denken. „Zwingt sich“? Wie? Sie zwingt sich, in seiner berückenden Gegenwart, ihre Hand nicht an die typische Rundung der stoppeligen Wange zu legen. Er tut es bei ihr ohne Scheu, umfasst die linke Seite ihres Halses - sie schließt die Augen, sobald sie seine Berührung, seine Wärme spürt, neigt sich ein wenig dieser Hand zu. Er streicht mit dem Daumen sanft über ihr Kinn, zieht die Kontur ihrer Unterlippe sehr langsam und federzart nach. Das aufkeimende „Was auch immer“ velangt, dieser Spur zu folgen. Sie wendet ihm ihre Lippen willig zu. Als hielte er einen Sekt-Kelch, so hebt er ihr Gesicht ein wenig an, mit sanftem Druck presst er seine Lippen auf ihre, verharrt in dieser Position ein gefühltes halbes Jahr – all ihr Blut scheint an diesen Ort zu strömen, pulsierend und erhitzt vom Verlangen nach ihm. Sieben hält still, wartet womöglich auf mehr davon, weiß aber nicht, woher sie das Recht zu solchen Wünschen nimmt. Er scheint Siebens Zwiespalt zu spüren, oder warum sonst springt er wie von einer Tarantel gestochen auf?

Sieben ist eine erfahrene Frau, aber bei ihm wird sie vollkommen stumm und dumm. Und schwach. Eigentlich würde sie gerne mit ihm eine ganz normale Unterhaltung führen – so wie in den ersten Jahren im Untergrund, bringt aber nur ein Krächzen heraus. Sie erkennt plötzlich, dass er sie durchschaut. Das lässt sie, die harte Kriegerin, peinlicherweise erröten. Er entfernt sich eilig, ohne ein weiteres Wort – und weil sie ahnt, warum er so rasch verschwindet, flattern ihre Nerven. Sie fühlt noch seine Wärme, seinen Atem an ihrem Mundwinkel, wenn er längst weg ist. Jetzt zum Beispiel ist ihr, als wäre er gerade gegangen.

Siebens Freundinnen tadelten sie schon häufig wegen ihrer Zurückhaltung und warfen ihr vor, “ganz schön blöd“ zu sein. Vielleicht ist sie es tatsächlich. „Krude Moralvorstellungen“ schleppe sie unnötigerweise mit sich herum, warfen sie ihr vor. „Ach ja?“, bockte sie. „Ach jaaa!“, riefen drei von ihnen zur gleichen Zeit. Das war ein abergläubischer Anlass, sich „etwas wünschen zu dürfen“. „Rate mal, was wir uns jetzt wünschen!“, nervten sie die frustrierte Sieben. Sie wollte schon fragen: „Für Euch oder für mich?“, ließ es dann aber wohlweislich bleiben. Das Thema wollte sie nicht vertiefen. Das will sie jetzt ebensowenig tun. Fieberhaft sucht sie nach einem nüchternen Thema. Ach, das passt:

Wie konnte sie in ihr Tagebuch schreiben, dass manche die Verträge lieben? Noch etwas verwirrt schlägt sie die Seite beim Lesezeichen auf, setzt die Lektüre fort - und könnte nach den ersten Sätzen nicht wiederholen, was sie da eben gelesen hat:

„Die Wirtschaft, die Justiz und die Politik kann man nicht voneinander losgekoppelt sehen, wenn es um die Ausdehnung der gesellschaftlichen Ungleichheiten geht. Ein begleitender Aspekt dabei ist die Korruption. „Ohne“ ließen diese Drei es höchstens aus Dummheit zu. Das wäre eher verzeihlich als das, was seit Jahren passiert.

Die Regierung bringt Gesetze auf den Weg. Abgeordnete derselben politischen Partei(en) beschließen sie im Parlament – überall sitzen die Leute aus demselben korrupten Nest (namens Partei). In den meisten Parteien ist es vollkommen undurchsichtig, wie Entscheidungen zustande kommen. Basisdemokratie findet man vielleicht in einer von sechs Parteien – demokratische Parteistrukturen sind wenig verbreitet. Wo es keine Durchsichtigkeit gibt, dort wird gemauschelt, dort ist man leichter korrumpierbar.

Tja. So sind die Leute jener Parteien, die wir in das Parlament wählen, damit sie gerechte Gesetze für uns machen. Wen wundert es: Die Gesetzgebung liefert der Justiz nicht ausreichend Handhabe zum Durchgreifen gegen die Korruption und nicht für Gerechtigkeit bei der Verteilung der Güter.

Lange Zeit haben die Menschen Mitteleuropas der Justiz mehr vertraut. Doch verschiedene Skandale zeigen uns heute: Die österreichische Justiz könnte mittlerweile von Leuten unterwandert sein, welche sich gegenseitig decken auf dem Weg zu „Dagobert Ducks“ Swimming-Pool (als Beispiel herausgegriffen: Maria Sterkl schrieb am 30.5.2012 „Die Klage der alten Dame“ im Standard über involvierte Burschenschaftler; der KURIER schrieb am Mittwoch, dem 25.7.2012 über die „Stiftungsaffäre. Gericht versetzt FPÖ weiteren Dämpfer“). Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung für alle noch nicht Verurteilten. Ihre Ausreden verbrämen diese Leute mit diversen Ideologien, um ihre Gier zu kaschieren: innerhalb ihrer Kreise verbreiten neuerdings manche das Credo, den ungeliebten demokratischen Staat, der ihnen erstens Schranken setzt oder den sie zweitens von Anfang an ablehnten (wie dies zum Beispiel die Alt- und Neo-Nazis und radikale Islamisten zweifellos tun), mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: mit seinem Rechtssystem. Darin wurde der „Vertrag“ als probates Mittel entdeckt. Der erweckt den Anschein, dass alles rechtens sei, anders als beim bloßen „Schmieren“ - ist wohl ordinär aus dieser Perspektive. Aus der Sicht der „einfachen“ Leute ist es zum Verzweifeln.“

Sieben ist gewissermaßen auch verzweifelt, wenn auch diesmal aus einem anderen Grund - weil nämlich „er“ ständig in ihren Gedanken herumgeistert. Sie versucht, an Cello zu denken. Das wirkt. Warum nur hat das Schicksal in den ersten Kriegsjahren die Ehegatten immer öfter räumlich getrennt? Wenn man sich so selten sieht, führt das unweigerlich zur Entfremdung.

„Er“ hingegen ist fast immer für sie da. Es kommt ihr schon wieder so vor, als schiebe jemand (Amor vielleicht? Shakespears Puck?) ein durchscheinendes Foto „seines“ Antlitzes zwischen sie und ihr altes Tagebuch. Das hält sie nicht ab, weiter zu lesen, denkt sie trotzig. Was sonst sollte sie auch gegen die gedankliche und gefühlsmäßige Infiltrierung durch „ihn“ unternehmen?

„Das Volk ist Politiker-verdrossen. Trotzdem begehrt es nicht vehement auf. Warum nicht, obwohl die Zukunft düster scheint, nachdem nachhaltige Konzepte fehlen? Ich denke, die Leute geben auf. Vermutlich stehen viele Menschen fassungslos vor der schamlos gezeigten Gier. Andere überlassen es (vorerst) ihren gewählten VertreterInnen, alles ins Lot zu bringen und Zukunfts-Visionen vorzustellen. Dank der Errungenschaften der kämpferischen VorfahrInnen, geht es den meisten noch so gut, dass sie vielleicht denken, es renne ihnen ja doch nichts davon. Daher bevorzugen sie es, abzuwarten und Tee zu trinken. In meinem Fall ist es Fair-Trade-Kaffee (der auch nicht so fair ist, wie es sein Name verspricht), was am Grundproblem leider auch nichts ändert.“

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