Hinter der Schreinerei stand eine große Mostpresse. Wir hielten unsere Trinkgläser unter die Abflussröhre und tranken den trübgoldenen Most frisch ab der Trotte. Nur wenn die Bauern des Dorfes kamen, um ihr Mostobst zu pressen, durften wir nicht zugreifen. Aber im Speicher über der Werkstatt standen genug Korbflaschen voll süßen Mostes, und Tante Frieda stellte immer wieder volle Krüge auf den Tisch.
Noch später, als die Brune bereits gestorben oder den Weg zum Metzger gegangen war, baute mein Pate einen großen Stall gleich neben dem alten, kleinen, der nun noch viel keiner schien. Es war, als suche er unter dem riesigen Vordach des neuen Stalls Schutz und Halt.
Das Schreinern überließ mein Pate nun ganz seinem Sohn. Neben dem Stall errichtete er einen Futtersilo. Abends, wenn er nach Hause kam und sich mit seinen vom Silofutter säuerlich stinkenden Kleidern an den Tisch setzen wolle, schickte ihn Tante Frieda, die sonst die Liebe in Person war, ins Bad und ließ ihn nicht eher an den Esstisch, als bis er die übelriechenden Kleider ausgezogen hatte und gewaschen wieder herunterkam.
Dies war in all den Jahren jeweils der einzige Augenblick, in dem ich die beiden einen Ton sprechen hörte, der zwar kein Streit war, aber doch eine leise Uneinigkeit ausdrückte. Mein Pate versuchte offenbar immer wieder, sich am Küchentisch häuslich niederzulassen, um ein Glas Most zu trinken, sich ein Stück von dem selbstgebackenen Brot abzuschneiden und zumindest die Titel oder Schlagzeilen im „Echo vom Maiengrün“ zu lesen, ehe er sich ins obere Stockwerk ins Bad bequemte.
Ich muss zugeben, dass er einen saumäßigen Gestank verbreitete. Saumäßig ist genau das richtige Wort; denn das Silofutter stank tatsächlich wie jene Schweinemästerei, die etwas außerhalb unserer Stadt lag und an der wir oft auf unseren Spaziergängen mit den Eltern vorüberkamen. Mir tat er leid, wenn er dann etwas mürrisch von der Zeitung und vom Most ließ und folgsam die steile, knarrende Treppe hochstieg.
Mein Onkel hat seine Frau, die Tante Frieda, lange überlebt. Er wurde weit über neunzig Jahre alt. Meine Mutter, selber inzwischen Witfrau geworden, besuchte ihn oft für mehrere Tage oder Wochen, um seine Schwiegertochter zu entlasten, die neben ihrem eigenen Haushalt mit den Kindern und den Arbeitern der Schreinerei nun auch noch meinem Paten beim Ankleiden und Ausziehen helfen musste.
Noch in seinem hohen Alter war er ein großer, stattlicher Mann, ein Charakterkopf mit dichtem, wild wucherndem, schlohweißem Haar.
In der Nacht, als er starb, schlief sein Sohn im Bett neben ihm. Mein Cousin hatte gespürt, dass der mächtige Körper seines Vaters so schwach geworden war, dass er den Morgen kaum mehr erleben würde. Mitten in der Nacht erwachte er, hörte neben sich das gleichmäßige Atmen, das auf einmal aufhörte. Als er die Lampe anzündete, war das Licht eines friedvollen Lebens erloschen. Leise, wie er gelebt hatte, war der Mann, der für mich stets der größte war, aus diesem Leben hinübergegangen in die andere Welt.
Sie war die kleinste meiner Tanten. Aber sie hatte eine große Seele und ein großes Herz. Sie war die Frau meines Patenonkels. Neben seiner großen Gestalt wirkte sie noch kleiner, als sie an sich schon war. Sie hatte eine mollige, mütterliche Figur. Es schien fast unglaublich, dass ihrem Leib ein Sohn entsprossen war, der einmal die Größe seines Vaters überbieten würde.
Die Stimme von Tante Frieda war melodiös und süß wie Honig, aber nie süßlich. Sie klang bestimmt und ehrlich. Ich habe Tante Frieda selten ohne Arbeit gesehen. Vielleicht abends, wenn sie auf der Kaust, der Ofenbank, in der Stube saß und im „Echo vom Maiengrün“, im „Gelben Heftli“ oder im Eulenspiegelkalender las. Arbeit gab es ja genug. Sie hatte für eine große Familie zu sorgen. Nebst Gatte und Sohn war da noch ein Pflegekind, Arthur. Mein Cousin war zwölf Jahre älter als ich. Arthur, den sie als kleinen Jungen angenommen hatten und wie ein eigenes Kind liebten, war gleich alt wie ich. Zum Mittagessen kamen immer auch ein paar Arbeiter aus der Werkstatt herauf. Im Nachbarhaus, das durch die angebaute Werkstatt mit dem neueren Haus meines Paten verbunden war, lebte noch die Großmutter. Als diese gestorben war, versorgte Tante Frieda auch noch den Kolonialwarenladen, der nicht größer als ein kleines Zimmer und ursprünglich wohl auch nichts anderes als ein Schlafzimmer gewesen war. Mehrmals am Tag, wenn jemand an der Glocke zog, musste Tante Frieda von der Arbeit in der Küche oder im Garten weglaufen und hinüber, die steile, ausgetretene Treppe hoch, durch den dunklen Korridor. Dann schloss sie die Tür zum Laden auf mit dem schweren Schlüssel, den sie immer in der Schürzentasche bei sich trug.
Einmal im Jahr wurde ein Schwein gekauft und auf dem Hof gemetzgt. Dann schickte sie uns in die Stadt ein paar Blut- und Leberwürste, die mein Vater so gerne aß und in die er, zum Ärger meiner Mutter, aber zur Belustigung von meiner Schwester und mir voll Freude und Lust mit den spitzen Zinken der Gabel stach, so dass das flüssige Fett in hohem Bogen wie ein Springbrunnen herausspritzte.
Vor dem Haus und dem Hof stand das Wasch- und Backhäuschen, wo Tante Frieda jede Woche einmal große Wäsche machte und das Brot für die ganze Familie und die ganze Woche buk. Auch die Kuchen, je nach Jahreszeit Kirschen-, Apfel- oder Rhabarberkuchen und jedes Mal auch Käse-, Spinat und Kartoffelkuchen mit Speckwürfeln drauf gehörten zu den Leckerbissen.
Ich weiß nicht, wo die kleine Tante Frieda all die Kraft hernahm, um die große Familiengemeinschaft und den Haushalt zu versorgen. Es waren ja meist nicht nur der Gatte, die beiden Kinder und die Arbeiter. Da war über eine gewisse Zeit hinweg auch ein junges Mädchen, das vom eigenen Bruder geschwängert worden war und ein Kind bekommen hatte, das man ihm wegnahm und in ein Heim steckte. Das Mädchen aber, zu dessen Vormund mein Pater bestellt worden war, nahm Tante Frieda selbst in ihre Obhut. Und es war ihr wohl eher eine Last als eine Hilfe.
Und dann kamen immer wieder die vielen Besuche und Feriengäste. Wir waren oft nicht die einzigen. Einmal weilten zwei Cousinen meiner Mutter mit uns im Haus. Längere Zeit lebte auch ein Freund meines Cousins hier, und die Lehrerin des Dorfes hatte sich eingemietet und gehörte gleichfalls zur Familie. Oder dann traf man auch die Verwandten aus Rom oder gar Amerika, für die jederzeit ein eigenes Zimmer bereit und offen stand, in das sie oft unangemeldet sogar mitten in der Nacht Einzug hielten. Und als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, tauchten sie dann am Morgen zum Frühstück auf. Trotzdem gab es nie Platznot. Wer im Haus meines Paten keinen Unterschupf fand, wurde drüben bei der Großmutter einquartiert.
Es muss allerdings gesagt sein: Ohne eine Hilfe im Haushalt wäre dies alles nicht möglich gewesen. Wer hätte geschaut, dass die Milch oder die Suppe nicht überquoll und die Kartoffeln nicht anbrieten, wenn Tante Frieda durch das Glockengebimmel in den Laden hinübergerufen wurde? Wer hätte all die Schuhe und Kleider gereinigt, die Wäsche geglättet? Wer die Küchenkräuter aus dem Garten geholt?
Die Hilfe – ich erinnere mich an sie, seit ich gehen, reden und denken kann –, das war Lydia. Sie war schon immer da. Sie besaß kein Alter. Für mich war sie all meine Jugendjahre hindurch immer gleich alt oder gleich jung. Wir Kinder fürchteten sie. Sie war eine große, stämmige Frau. Wenn sie ihre Wutausbrüche hatte, stellten wir Kinder uns vor, dass sie ohne weiteres in der Lage gewesen wäre, Tante Frieda in die Höhe zu stemmen und sie zum Fenster hinaus oder in eine Ecke der Küche zu werfen. Lydia war stumm. Sie hatte eine krächzende Stimme, mit der sie nur ein paar Urlaute hervorbrachte. Aber sie war eine ausgezeichnete Köchin. Wenn wir sie in der Küche antrafen, durch die uns der Weg in die Schlafzimmer im oberen Stockwerk führte, schlichen wir möglichst schnell und unauffällig an ihr vorbei. Wenn sie mit dem scharfen Küchenmesser in der Hand über den Hof lief, um im Garten Petersilie oder Schnittlauch abzuschneiden, suchten wir das Weite. Nicht ohne Grund. Denn Lydia war nicht selten eine Furie. Wir hörten auf dem Hof ihr Geschrei, das aus der Küche durchs offene Fenster zu uns herunterdrang, wenn sie auf Tante Frieda losschimpfte. Oder dann schlug sie das hölzerne Fleischbrett auf die Tischplatte, dass es nur so knallte. Einmal sah ich sie am Küchentisch sitzen, den Kopf auf die Tischplatte schlagend und herzzerreißende Jammertöne von sich gebend. Ich weiß nicht, ob sie aus Wut oder Trauer weinte. Ein andermal sah ich, wie sie meine Tante zu irgendetwas erpressen wollte, indem sie drohte, sich die Finger mit dem Fleischermesser abzuhacken.
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