Joanna glitt zurück in ihre Träume. Von ihrem Vater Bertrand wusste sie, dass das Ansehen, das die Katharer – insbesondere an den Höfen in Okzitanien – genossen, in den Augen der römisch-katholischen Kirche eine gefährliche und völlig neue Bedrohung darstellte. Das Ansehen gründete sich darauf, weil in diesem Landstrich außer kleineren Fürsten keine übergeordnete Autorität regierte und die katharische Kirche mit ihrer authentischen Sittlichkeit und materiellen Bescheidenheit positiven Einfluss ausübte. Überdies brauchte die Bevölkerung in den von den Katharern kontrollierten Gebieten keine Kirchensteuer entrichten. In den letzten Monaten hatte Bertrand mehrmals mit ihr über die drohende Gefahr gesprochen. Denn zu Beginn des Jahres war ein 30 000 Mann starkes Heer aus Nordfrankreich, gleich einem Sturm, im Languedoc eingefallen. In den folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen war die gesamte Region verwüstet, die Ernten vernichtet, Dörfer und Städte dem Erdboden gleichgemacht und ein Großteil der Bevölkerung umgebracht worden.
Schließlich fielen die Soldaten nach kurzer Belagerungszeit in Béziers ein und die Vernichtung allen Lebens nahm ein entsetzliches Ausmaß an.
„Bitte trink etwas Wasser“, drang eine männliche Stimme durch die Schichten des Schmerzes in Joannas Bewusstsein. Plötzlich war sie wieder in der Gegenwart und eine Wolke des Schmerzes und der Trauer hüllte sie ein. Sie wandte sich dem Mann zu, der sie anlächelte und ihr einen Wasserbeutel reichte. Zunächst zögerte sie und streckte langsam den Arm aus. Sie trank, ihre Lippen waren aufgesprungen und geschwollen, der dumpfe Schmerz in ihrem Kopf verstärkte sich.
„Danke, Fremder. Du bist sehr freundlich. Wo bin ich?“
„Wir sind auf dem Weg nach Les Baux. Im Schutz der Dunkelheit sind wir in Béziers aufgebrochen, als wir dich blutend am Straßenrand fanden. Wir haben die Blutung deiner Kopfwunde behandelt, dich auf den Karren gelegt und zugesehen, dass wir die Stadt schnell verlassen, bevor die Soldaten uns entdecken. Wir fliehen ins Tal von Les Baux. Dort habe ich Freunde, die uns aufnehmen. Dort sind wir sicher. Ich bin Gui D’Ussel, Troubadour und war an einigen provenzialischen Höfen, auch in Les Baux, wo mir großzügige Gastfreundschaft zuteil wurde. In den letzten Monaten wurden viele meiner Dichter-Freunde von päpstlichen Legaten verhört, einige in die Verbannung geschickt. Mir wurde empfohlen, das Dichten einzustellen. So brach ich mit meinem Freund Hugo nach Les Baux auf.“
Wieder entfuhr Joanna ein Stöhnen, doch als Gui sie ansah, hielt irgendetwas in ihrem Gesicht ihn vom Weitersprechen ab. Er wollte sich nicht aufdrängen. Sie schien ihm jenseits allen Trostes zu sein. Sie hatte eine Grenze der Qual überschritten, hinter der niemand sie erreichen konnte.
Nachdem sie einige Wochen lang unterwegs gewesen waren und die Schatten im Tal von Les Baux länger wurden, erreichten sie ihr Ziel.
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