„Simon!“ ruft Paul und stellt sich ihm in den Weg.
„Was?“, schießt es aus Simon hervor.
„Ich bin es!“, erwidert Paul freudig.
„Wer?“, fragt Simon, immer noch gedankenverloren.
„Ich!“, sagt Paul nochmal.
„Ach du!“ Endlich erkennt er Paul wieder.
Paul mustert seinen alten Freund von oben bis unten. Seine Hosen, die Simon früher beim Skaten immer so weit nach unten rutschen ließ, dass seine halbe Calvin Klein Unterhose herausschaute, ist nun mit einem altmodischen Gürtel nach oben gezogen, wodurch man seine weißen Socken sieht. Sein Haar ist nicht mehr kurz sondern schulterlang, gleichmäßig gescheitelt und sorgfältig gebürstet.
Paul dagegen trägt jetzt einen Schnauzbart, enge Hosen und hat in drei Jahren Berlin deutlich an Selbstsicherheit gewonnen.
Sie gehen einen Kaffee trinken, wobei Paul von Simon erfährt, dass er sich entschlossen hat, Priester zu werden.
In den nächsten Tagen treffen sich die beiden fast jeden Abend und schon zwei Wochen später fahren sie kurzentschlossen zusammen mit Simons Auto in den Urlaub. Ihr Ziel ist der Campingplatz in Toscolano-Maderno, am westlichen Ufer des Gardasees.
Im Auto grübelt Paul schon seit Minuten über die neue Geheimzahl seiner Bankkarte. Sie ist ihm vor zwei Tagen per Post zugegangen.
„Mein neuer Pin von der Bank ist viermal die Fünf“, meint Paul an Simon gewandt.
Simon antwortet, nach dem er kurz nachgedacht hat: „Das können die von der Bank doch nicht machen.“
„Warum?“ fragt Paul erstaunt.
„Na, das errät doch jeder.“
Paul stutzt. „Ja aber wieso? Da kommt doch keiner drauf.“
Er schaut jetzt unsicher. Sein Blick huscht skeptisch zu Simon.
„Was ist zum Beispiel,“ fährt Simon fort „wenn ein Betrüger hinter dir am Automaten steht und du drückst viermal auf die gleiche Taste?“
Paul atmet auf und spürt, dass jetzt alles wieder wie früher ist. Er ist glücklich, dass sie zusammen in den Urlaub zu fahren. Gleichzeitig ist er wieder zu Hause angekommen.
Kurz vor Garmisch fragt Simon freundlich, um Pauls Raserei zu unterbinden: „Soll ich dann auch mal fahren?“
„Nee, du fährst wie ne Oma, wenn ich fahre, sind wir gleich am See.“
Als sie das Ortsschild Garmisch passieren, beginnt Paul unruhig auf seinem Sitz herumzurutschen.
Simon bemerkt es. „Was ist los? Juckt dich was? Soll ich kratzen?“
„Nö, gerade nicht“, meint Paul.
„Was hast du dann?“. Simon ist irritiert.
„Können wir einen kleinen Umweg machen?“, fragt Paul und biegt in eine kleine, von Bäumen gesäumte Nebenstraße ab.
„Was sollen wir hier?“
Paul fährt immer langsamer, als sich der Wagen einem rustikalen Bauernhaus nähert.
„Scheiße“, meint Paul
„Was ist los?“
„In dem Haus wohnt Astrid“, fährt Paul fort.
„Ach die, mit der du vor zehn Jahren fast zusammen gekommen wärst?“
Paul scheint in Gedanken versunken. „Sie wohnt da jetzt mit einem viel jüngeren Mann.“
Er hält den Wagen abrupt an, öffnet die Tür und schleicht sich hinter die Hecke.
Simon seufzt und steckt sich eine Zigarette an. Er beobachtet im Rückspiegel, wie Paul verzweifelt mit einem Gebüsch kämpft, sich aber letztendlich durchsetzt und verschwindet. Nach zehn Minuten kommt Paul zurück in den Wagen. Sachte schließt er die Tür und fährt los.
Simon sitzt breitbeinig auf dem Beifahrersitz und unterbricht irgendwann Pauls Gedanken: „Jetzt sag endlich! Was hast du in der Hecke gesehen?“
Paul ist verärgert. „Ich habe genug gesehen, um zu wissen, dass ich damals besser bei ihr geblieben wäre.“
„Soll ich fahren?“, fragt Simon abermals.
„Du darfst am See fahren.“
„Warum am See?“
„Da kann man keine Zeit gutmachen.“
Paul denkt an seinen Brenner-Highscore: In zwei Stunden von Innsbruck bis Rovereto.
„Wir brauchen noch ein Pickerl“ meint Simon.
„Das weiß ich.“
„Schau mal!“ entfährt es Simon. „Das Nummernschild vor uns: M-AB 5555! Nochmal ein Münchner mit deiner Geheimnummer.“ Simon lacht dreckig.
Paul grummelt in sich hinein: „Viermal die Fünf, das gibt’s doch nicht!“
„Zeichen sind immer was Komisches“, fügt Simon hinzu.
„Wieso Zeichen?!“, Paul blickt Simon an, der überlegt und sichtlich etwas in Worte zu fassen versucht.
„Es scheint manchmal, als wollten sie auf etwas aufmerksam machen.“
Paul muss an die Zeit denken, als Simon vor dreizehn Jahren zum ersten Mal einen Psychiater aufsuchte. Er hatte sich damals eingebildet, überall versteckte Dreiecke erkennen zu können.
Paul fährt in einen Tunnel.
Als das Licht am Ende des Tunnels erscheint, fragt Simon: „Sind dir noch nie die Wiederholungen aufgefallen?“
„Nö. Was für Wiederholungen?“
„Na es gibt Dinge oder Erlebnisse im Leben, die wiederholen sich so lange, bis man sich verändert hat.“
„Ist mir Wurst!“, nuschelt Paul und beginnt in der Nase zu bohren.
„Es ist fast so, als würde man für etwas trainiert“, fährt Simon fort.
Paul meint, so was wären Zufälle.
„Ist ja auch egal, erzähl lieber, was du in Astrids Hecke gesehen hast!“
„Ich will da nicht drüber reden“, entgegnet Paul.
„Komm, ich kenn dich! Du erzählst es mir sowieso spätestens am See.“
Paul überholt lebensgefährlich. Simon greift sich mit beiden Händen an die Brust.
Er hat das Gefühl, sein Herz würde stehenbleiben und gleichzeitig schneller schlagen.
Paul atmet durch. „Also. Ich hab da so eine richtig kitschige Familienkiste gesehen. Sie saßen zusammen an der Bierbank und aßen zu Mittag.“
Nachdem sich Simon von Pauls Fahrmanöver erholt hat, beginnt er zu grübeln und fragt: „Warum hat das dann so lange gedauert? Du warst zehn Minuten in der Hecke. Was oder wen hast du da gesehen?“
„Sie hat zwei kleine Kinder!“, schreit Paul zornig. „Das hätten meine sein können!“
Simon wird nachdenklich. Seiner Ansicht nach, hat Paul niemals wirklich Verantwortung übernommen, oder hatte es jemals vor.“
Weltformel und neue Energie
Messy besteht an der Rezeption darauf, ein Doppelzimmer zu nehmen. „Ich will dich unter vier Augen in bestimmte Dinge einweihen.“ Während dessen wackelt er bedeutungsvoll mit seinem kleinen Zeigefinger.
Johannes überkommt eine seltsame Vorahnung.
Sie gehen vorbei an ein paar Leuten, die im Vorraum hinter ihren Laptops sitzen, ins Zimmer im ersten Stock, wo sie sogar einen eigenen Balkon haben. Messy streckt sich auf dem Bett aus. Johannes will sich lieber die Stadt anschauen und fragt Messy, ob er mitkommt. Messy ist einverstanden.
Sie gehen gut eine Stunde durch Amsterdam. Johannes gefällt die Stadt mit ihren Grachten und er verspürt den Drang, in einen Coffeeshop zu gehen.
Messy meint, dass er nicht kifft. „Ich vertrage das nicht so gut.“
„Aha“, meint Johannes gleichgültig, als er vor Messy im nächsten Coffeeshop verschwindet.
Johannes bestellt sich Northern Lights und Messy Dr. Pepper.
Da es keine Dr. Pepper gibt, trinkt Messy Cola.
Johannes baut sich einen Joint und nimmt ein paar Züge.
„Was machst du zu Hause so?“, fragt er Messy.
„Ich habe kein Zuhause mehr. Ich musste abhauen.“
„Ich bin auch abgehauen. Es ist Schluss mit meiner Freundin und gleichzeitig habe ich mein Physikstudium abgeschlossen. Es war jetzt irgendwie genau das Richtige, sich eine Auszeit zu nehmen. Warum bist du abgehauen?“
Messy mustert Johannes und wirkt, als würde er überlegen. Er senkt die Stimme, als er nach einiger Zeit antwortet:
„Ich bin gerade dabei, eine Weltformel aufzustellen und eine Energiequelle zu erfinden, die die Zukunft verändern wird.“
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