Aber Gott hatte sie verlassen, weil sie ihm nicht vertraut hatten - so, wie sie dann ihre Heimat verlassen mußten. Durch die trockene Steppe, durch Schluchten und über Berghänge hinweg, den Wüstensand zwischen den Zähnen, so waren sie damals Woche um Woche dahingezogen auf der Straße bis ins ferne Land Babylon, wo sie auf die Dörfer verteilt wurden. Fremde waren sie seitdem in einem fremden Land; Fremde waren sie hier geblieben mit ihrem Glauben an den einen wahren Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde - den Gott, der sich von ihnen abgewandt hatte, weil sie ihn mit ihren Herzen verlassen hatten.
Jahr um Jahr ist nun schon vergangen. Sie haben sich eingerichtet dort, haben Häuser gebaut und Gärten gepflanzt. Eine neue Generation wächst heran. Das Volk ist müde geworden. Von der eigenen Schuld spricht kaum noch jemand - das war so lange her.
Der Älteste der kleinen Gemeinde zieht eine Schriftrolle aus dem Gewand und beginnt, langsam vorzulesen. Es ist die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten - jene uralte Geschichte, wie Gott einst sein Volk herausgeführt hatte aus der Sklaverei. Da kommt plötzlich Bewegung in den Kreis der Männer: Einer tritt vor. Er ist aus einem anderen Dorf, aber er war schon manchmal zu ihnen gekommen, um den Gottesdienst mit ihnen zu feiern.
Plötzlich erhebt der Fremde beide Hände, er schaut in eine Ferne jenseits des Horizonts - so, als ob er Erstaunliches sehen kann. Dann ruft er plötzlich: "Hört! Eine Stimme!" Er lauscht. Alle haben sich ihm zugewandt. "Macht eine ebene Bahn, einen Weg für unseren Gott! Seht: Sie schütten Schluchten zu, sie ebnen Hügel ein: eine glatte Straße, gut zu gehen, mitten durch die Wüste. Alle Völker werden es sehen. Sie werden staunen, erschrecken: Gottes Herrlichkeit wird sie blenden. Er kommt! Er wird uns heimführen!" Der Fremde schweigt erschöpft.
Der junge Mann hat zugehört, immer stärker gepackt von den Worten dieses Fremden. "Aber was heißt das," ruft er aus, "was heißt das für uns, für sein Volk? Glaubst du, daß Gott es noch einmal versuchen will mit uns? Können wir ungeschehen machen, was geschehen ist?" Der Fremde blickt ihn an: "Wir nicht, mein Freund, wir nicht," sagte er leise, "aber Gott. Er kann einen neuen Anfang machen; er allein. Weil Gott kommt, können wir hoffen, können wir aufbrechen und Neues wagen."
Ja, der Tempel Jahwes war schon einmal zerstört worden – damals, als Nebukadnezar, der Großkönig von Babylon, Jerusalem erobert hatte. Das war im Jahre 586 vor Christi Geburt. Jahrhundertelang war das Gebiet von Palästina und Syrien ein Spielball der Großmächte gewesen: Die mesopotamischen Reiche im Norden, Ägypten im Süden stritten um seinen Besitz. Die Stämme Israels, geteilt in zwei Staaten, hatten vergeblich um ihre Unabhängigkeit gekämpft. Das Nordreich war längst untergegangen, Judäa im Süden kaum größer und stärker als die anderen Stadtstaaten ringsum. Dennoch wollte sich Jerusalem aus der Abhängigkeit Babyloniens lösen, vertraute auf einen Pakt mit dem Pharao, obwohl die Propheten Jahwes warnten und mahnten. Ungehört verhallte ihre Stimme, und so kam es, daß Babylons Truppen endlich die Mauern der Stadt erstürmten, sie mit ihrem Tempel niederbrannten und die Oberschicht Judäas an den Euphrat verschleppten.
Verloren war die Lade, Jahwes Thron, zerstört der Altar, erschlagen die Priester, die dem Gott Israels dort einst Opfer brachten und die Schuld des Volkes sühnen konnten. Was die Propheten damals schauten, es war geschehen: Gott hatte sein ungetreues Volk verlassen, der Zion war leer. Stumpf und ohne Hoffnung lebten die Zurückgebliebenen im Land ihrer Väter, und auch die Verschleppten weinten um den Zion. Aber sie hielten fest im Glauben an ihren Gott, und sie hörten auf jene Stimme des Trostes, der Hoffnung.
Sechzig Jahre sollte es dauern, ein neues Großreich sollte erst Babylon ablösen, da wurde den Juden die Rückkehr erlaubt, da durften sie auch ihren Tempel wieder aufbauen, da konnten sie ihrem Gott wieder opfern. Und sie erkannten: Nicht die fremden Götter hatten damals Jahwe besiegt, nein, es war ihr Gott, der Israels Feinde benutzte, um sein Volk zu strafen. Er selbst vollzog das Gericht an Israel: „Jahwe hat seinen Grimm austoben lassen, er hat seinen grimmigen Zorn ausgeschüttet; er hat in Zion ein Feuer angesteckt, das auch ihre Grundfesten verzehrt hat.“ (Klagelieder 4,11). Denn er allein war in Wahrheit König des Himmels, dort steht sein Thron, er ist der einzige Gott, Schöpfer der Welt, Herr der Geschichte. Es gab sie gar nicht, diese anderen Götter.
Doch nun war Jahwe zurückgekehrt in seine Wohnung. Vom Zion her lenkt er das Geschick aller Völker, und den Zion wird er einst zum Mittelpunkt der Welt machen, ihn zum höchsten Berg erheben. Zum Zion würden dann alle Völker wallfahren, um seine Weisung zu suchen. Israel aber war und bleibt sein Eigentum, sein auserwähltes Volk – trotz aller Schuld, und die Völker werden ihm ihre Gaben bringen.
ALLEIN JERUSALEM, ALLEIN DER ZION!
Jahwe war der Gott Israels, der Staatsgott Judäas. Ihn verehrte man im Tempel auf dem Zion. Doch das bedeutet nicht – bedeutete jedenfalls viele Jahrhunderte nicht – daß es keine anderen Götter gab neben ihm. Man kannte die Baalim der Phönizier, die El-Gottheiten der Kanaanäer, und man zollte ihnen auch Respekt. Viele Altäre und Kultsäulen waren ihnen und all den anderen Göttern ihres Pantheons gewidmet, auch im Land der israelitischen Stämme. Selbst im Tempel auf dem Zion fanden sich immer wieder einmal Bilder dieser fremden Götter. Und es fand sich dort ein Kultbild der Aschera, denn sie galt lange Zeit als die Gemahlin Jahwes.
Nur nach und nach setzte sich der Anspruch Jahwes durch: Du sollst keine anderen Götter neben mir verehren und sie nicht anbeten. Daß es sie dennoch gab, wurde damit nicht bestritten. So wurde an vielen Orten eine Gottheit verehrt, die vielleicht einmal kanaanäisch war, nun aber den Namen Jahwes trug. Warum sollte man nicht überall Jahwe Opfer bringen können, seine Feste feiern, seine Orakelsprüche erbeten? Mochte der König in seiner Hauptstadt Gott einen Tempel unterhalten – der Gott Israels ließ sich an vielen heiligen Stätten anbeten. Und nebenher – sicherheitshalber – auch die eine oder andere Gottheit, die dort seit alters her zu Hause war.
Es geschah im achtzehnten Jahr seiner Herrschaft über Juda, da hatte König Josia einen Entschluß gefaßt: Der Tempel auf dem Zionsberg war marode, er sollte dringend renoviert werden, schließlich war der Tempelschatz gut gefüllt. Also gab er den Befehl, diesen Schatz zu beschlagnahmen, und erteilte der Bauhütte den Auftrag, damit alle notwendigen Arbeiten auszuführen. Das war nach unserer Zeitrechnung im Jahr 621 vor Christus. Doch diese Baumaßnahme hatte ungeahnte Folgen, so jedenfalls berichtet das Buch der Könige:
Der Sklave hatte die Reste des abendlichen Mahles fortgeräumt und dem König den Becher wieder mit einer Mischung aus klarem Quellwasser und Wein gefüllt. Josia streckte sich auf der Liege aus, die Linke auf die Lehne aus Zedernholz gestützt. Es war ein angenehmer Tag gewesen: Die Gesandtschaft aus Asdod hatte den Judäer der unverbrüchlichen Freundschaft des Stadtkönigs versichert und kostbare Geschenke übergeben, die drei Kläger aus dem Volk waren, zufrieden mit dem königlichen Urteil, in ihre Dörfer zurückgeeilt. Josia schaute den beiden jungen Männern zu, die eben die Fackeln in die bronzenen Halter neben dem kleinen Hausaltar steckten. Er würde Jahwe ein Trankopfer darbringen und sich dann ins Schlafgemach zurückziehen, beschloß er, als man ihm Schafan meldete, den Leiter der königlichen Kanzlei.
Ein wenig unwirsch ließ er den Beamten eintreten: „Es muß schon etwas Wichtiges sein, daß du meinen Abendfrieden störst,“ sagte er. Es sollte ironisch klingen. „Sind etwa die Arbeiten am Tempel schon zum Abschluß gekommen?“ Doch Schafan schien etwas anderes wichtiger zu sein. Nur kurz berichtete er vom Fortgang der Renovierung, um dann eine Schriftrolle aus dem Übergewand zu holen: „Herr, der Grund für mein ungehöriges Erscheinen liegt hier auf meiner Hand.“ Neugierig blickte Josia auf: „Ein Schriftstück? Diplomatenpost?“ „Nein, königlicher Herr. Aber es scheint mir von noch größerer Bedeutung zu sein.“ „Du machst mich neugierig, Schafan. Berichte! Aber fasse dich kurz. Ich bin müde.“
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