So hatte der Legat seine Männer – und davon gab es schließlich tausende - Tag um Tag mit Schaufeln und Karren an die Arbeit geschickt, bis eine riesige Rampe nur wenige Ellen unter der Felskante endete und ihm erlaubte, Rammen und einen Belagerungsturm vor die feste Steinmauer zu schaffen, die die Bergfestung umgab. Tagelang hatten die Widderköpfe gegen das Hindernis gewütet, bis es endlich in Trümmer sank und eine Bresche freigab.
Doch der Feind hatte rasch einen zweiten Wall errichtet, aus Holz und Erde aufgeschichtet, gegen den die Rammen machtlos schienen. Aber Brand auf Brand wurde gelegt, bis endlich die Balken Feuer fingen und der Wall zusammensank. Dennoch hatte Flavius die Truppen abgezogen, die Sonne stand schon tief im Westen, und der Kampf mit diesem Gegner mochte hart und langwierig werden. Während Wachen dort oben jeden Ausfall verhindern würden, sollten seine Männer ausgeruht in den Angriff gehen. Nur Flavius selbst fand keine rechte Ruhe, wie stets vor einem Kampf. Er hatte Jupiter und Mars und dem Genius des Kaisers geopfert und danach die Legionäre eingeschworen auf den nahen Sieg.
Noch hat der Sonnenball die Höhen jenseits des Salzmeeres nicht überschritten, da läßt der Feldherr die Männer antreten. Zwei Kohorten sollen den ersten Angriff übernehmen. In geschlossener Formation marschieren sie die steinerne Rampe hinauf. Flavius hat sich an die Spitze gesetzt, der Legionsadler wird ihm nachgetragen. Alle schweigen. Je dichter sie der zerborstenen Mauer kommen, desto mehr wächst die Anspannung. Die Männer wissen, mit welcher Verbissenheit diese jüdischen Aufständischen kämpfen. Jetzt übersteigt die Vorhut die Trümmer des verbrannten Walles, die Schilde bilden vorn und über ihren Köpfen einen festen Schutz. Doch noch ist vom Feind nichts zu sehen, kein Kampfgeschrei, kein Pfeilhagel empfängt sie.
Flavius zögert einen Augenblick: Welchen Hinterhalt mögen diese Juden gelegt haben, welch abgefeimte List haben sie geplant? Diese furchtbare Stille macht ihn unsicher. Er lässt die Nachfolgenden aufrücken, eine breite Linie bilden. Vorsichtig bewegt sich die römische Militärmaschine über das leere Plateau, auf den Gebäudekomplex zu, der einst der Palast des Königs Herodes war. Haben sich die Dolchmänner dort verschanzt? Der Legat winkt einen Centurio heran: „Durchsuchen!“ Er deutet auf den Vorhof des Palastes. Der Offizier grüßt, ein Dutzend seiner Männer durchschreitet das Tor, das Pilum vorgestreckt. Noch immer Schweigen.
Und dann ein Schrei. Kein Kampfruf, sondern ein erschrockener, entsetzter Schrei eines Mannes, der doch sonst keinen Schrecken, kein Entsetzen kennt. Der Centurio erscheint im Tor, winkt den Legaten heran. Und dann sieht Flavius Silva, was geschehen sein muß: Zu Hunderten liegen sie auf dem weiten Hof: Leichen. Blutüberströmt, Männer, Frauen, Greise, Kinder. Die Frauen und Kinder zuunterst, ordentlich hingebettet wie zum Schlaf. Darüber, mit ausgebreiteten Armen, die Männer, die Väter, durchbohrt von jenen Dolchen, die einst ihre gefürchtete Waffe war, aus dem Hinterhalt geführt. Und abseits die Leichen einiger junger Kämpfer, auch sie getötet. Und daneben der eine, der noch den Dolch in der Hand trägt, mit dem er sich selbst das Leben nahm. Der letzte. Und über allem das grelle Sonnenlicht. Und über allem diese Stille. Totenstille.
Stumm stehen die Männer, die Lanzen gesenkt wie zur Totenehrung. Sie werden ihre Waffen nicht brauchen an diesem Tag. Sie werden keinen Feind vernichten, keine Frauen als Beute nehmen, keine Kinder versklaven, keine Gefangenen kreuzigen. Sie haben nicht gesiegt. Dieser Feind ist unbesiegt gestorben, in Freiheit gestorben. Was für ein Volk, diese Juden!
Flavius Josephus, ein Jude, ehemals selber im Widerstand tätig und später Schriftsteller von Roms Gnaden, hat die Rede überliefert, mit der Eleazar, der jüdische Anführer auf Massada, die Männer dort zum Tod in Freiheit überredet hat. So will er es von einer Frau erfahren haben, die überlebt hatte: „Ungeschändet sollen unsere Frauen sterben, frei von Sklavenketten unsere Kinderl Und sind sie uns im Tode vorangegangen, so wollen wir selbst einander den Liebesdienst erweisen - dann wird der Ruhm, die Freiheit hochgehalten zu haben, uns ein ehrenvolles Leichenbegräbnis ersetzen! Schon lange nämlich hat Gott, wie mir scheint, diesen Ratschluss gefasst: wir sollen das Leben verlieren, weil er uns, seinem Volk, nicht mehr gnädig sein will. Wo ist sie hingekommen, die Stadt, die Gott der Herr einst gewürdigt hatte, in ihr zu wohnen? Vom tiefsten Grunde aus ist sie zerstört.“
Drei Jahre vor diesem denkwürdigen Ereignis, im August des Jahres 70 nach unserer Zeitrechnung, hatten römische Truppen nach vier Monaten erbitterter Straßenkämpfe in Jerusalem, der Stadt Davids, Hauptstadt von Judäa, endlich den Tempel auf dem Zionsberg erreicht, in dem sich die entschlossensten Widerstandskämpfer verschanzt hatten, immer noch in der Hoffnung, der Herr, der Gott Israels, würde es nicht zulassen, daß sein Haus in die Hände der Ungläubigen fällt. Doch dann brannte der Tempel, und wer nicht im Kampf fiel oder in den Flammen umkam, wurde niedergemacht. Der Zion, Wohnsitz Jahwes, war eine wüste Stätte.
Als rund dreißig Jahre später ein letzter jüdischer Aufstand von den Legionen Kaiser Hadrians blutig niedergeschlagen war, wurde das dem Erdboden gleichgemachte Jerusalem zu einer römischen Kolonie, die kein Jude mehr betreten durfte. Seine restlichen Bewohner verstreuten sich irgendwo im großen Imperium, dort, wo schon seit langem jüdischen Gemeinden lebten.
Seitdem beten sie, die Gläubigen aus Israel, in jedem Gottesdienst: „Nach deiner Stadt Jerusalem kehre in Erbarmen zurück, wohne in ihr, wie du gesprochen, erbaue sie bald in unseren Tagen als ewigen Bau, und Davids Thron gründe schnell in ihr. Gelobt seist du, Ewiger, der du Jerusalem erbaust!“
Und als im 19. Jahrhundert die zionistische Bewegung die Heimkehr der Zerstreuten in das Land der Väter forderte und betrieb, als endlich im 20. Jahrhundert dann ein jüdischer Staat in Palästina gegründet wurde, da hielten viele Fromme das für eine Missachtung des göttlichen Willens, denn er allein würde durch seinen Gesalbten das Volk Gottes sammeln und nach Jerusalem führen. Also – vielleicht im nächsten Jahr, wenn es ihm denn so gefällt. Und erst dann wird der Zion wieder das sein, wozu er bestimmt ist: Wohnsitz Jahwes, Ort seiner Gegenwart, Ort der Anbetung.
AN DEN WASSERN BAYLONS SAßEN WIR UND WEINTEN
Der junge Mann ist auf die schmale Dorfstraße herausgetreten. Zwischen den weißgekalkten Lehmwänden geht er hinunter an das Ufer des großen Stroms. Dort haben sich noch mehr Männer eingefunden, alle den schwarzweißen Gebetsschal um die Schultern gelegt. Sie stehen im Halbkreis im Schatten der Dattelpalmen, die hier in Wassernähe üppig ausladende Blattkronen zeigen.
Die Gesichter der Männer sind dem Westen zugewandt. Ihre Augen blicken über den Strom und das jenseitige Ufer hinweg. Aber ihre Gedanken versuchen noch weiter zu schauen: über steinige Einöden, über sandverwehte Hügel unter sengender Sonne bis hin zu den fernen Bergen Judäas. Dort war ihre Heimat, dort ragte einst der Tempel Gottes auf der Spitze des Zion und grüßte die Stadt Jerusalem und die umliegenden Dörfer.
Die Älteren unter den Männern hatten noch das Bild vor Augen: Die starken Mauern der Stadt und darüber die schneeweißen Säulen, das glänzende Dach des Tempels. Aber sie tragen auch das andere Bild in sich, das sich unauslöschlich eingefressen hatte in ihre Erinnerung: Die niedergerissenen Mauern, die vom Brand geschwärzten Ruinen der Stadt, und unter einer Wolke von Qualm und Staub das zerstörte Heiligtum - Gottes Wohnung in ihrer Mitte.
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