Blitzschnell kam wie aus dem Nichts eine Schleuderfessel angeflogen. Es handelte sich um ein massives Seil, etwa zwei Ellen lang, welches an den jeweiligen Enden mit Steinen versehen war. Rechtzeitig und gekonnt wich Venturas aus. Bei dem zweiten Versuch des Angreifers konnte er nicht mehr entkommen und durchtrennte das Seit mit dem Schwert, sodass es entzweit wurde.
Es waren mindestens zwei, da war sich Venturas nun sicher, denn die Fesseln kamen aus zwei entgegengesetzten Richtungen. Es wurde wieder ruhig.
„Zeigt euch!“ brüllte Venturas, um die Angreifer aus der Reserve zu locken, „wenn Ihr euch traut.“
Es kam keine Antwort, aber es stürmten Angreifer aus allen vier Himmelsrichtungen auf Venturas zu. Einer frontal auf ihn zu. Venturas spürte wie sein Herz zu rasen begann, denn er fürchtete jeden Kampf, aber wie so vieles im Leben war es eine Pflicht, die er erfüllen musste, um an sein Ziel zu gelangen.
Venturas beschloss, den Angreifer vor ihm zu attackieren, indem er ihm entgegenrannte. Der Angreifer stoppte und wartete darauf, dass sie aufeinandertrafen. Die anderen drei hatte Venturas durch seine besonderen Kräfte immer im Blick, denn er hatte eine übersinnliche Wahrnehmung, die gerade in einer Verteidigungssituation wie dieser hier, zum Einsatz kam. So gelang es ihm, die Übersicht zu behalten, obwohl sein Hauptaugenmerk dem Frontalangreifer galt.
Venturas war sich sicher, dass es sich hierbei um die Mallumo handeln musste. Er hatte in seinem gesamten noch nie einen von ihnen getroffen, aber ihrem Antlitz nach konnten sie nur Räuber sein. Sie trugen wilde Kleidung mit Tierfellen, die alle gut verarbeitet waren. Vermutlich waren es Waldtiere. Sie hatten einfach verarbeitete Waffen, wie Schwerter und Äxte, die aber keine Verzierungen trugen. Zudem trugen sie Masken von Tieren, die sie wohl erlegt hatten. Der Angreifer vor ihm hatte eine Katzenmaske und war wohl erst jugendlich, denn er war von nicht ganz so großer Körperstatur und eher schmal gebaut. Einer von ihnen hatte seinen Kopf mit einer Wolfsmaske verziert, die anderen beiden hatten eine von einem Schwein und von einem Pferd.
Venturas zögerte nicht lange als er auf seinen Gegenüber traf und machte kurze und schnelle Schwerthiebe, die das Ziel hatten, die Katzenmaske möglichst effektiv kampfunfähig zu machen. Venturas wollte nicht töten, wenn er nicht musste. Die Katzenmaske hielt zwar dagegen, aber schlussendlich traf ein Schwerthieb von Venturas ihn an der Brust und ritzte sich durch seine Kleidung. Er schrie kurz auf und ließ sein Schwert fallen. Venturas hatte keine Zeit, seinen Erfolg zu feiern, denn die anderen drei erreichten ihn. Er drehte sich und parierte die Angriffe. Dabei bewegte er sich nach hinten, da die drei ihn drängten. Hinter ihm lag die Katzenmaske am Boden und krümmte sich vor Schmerzen. Der Treffer war wohl schlimmer als Venturas angenommen hatte.
„Geh zu Feles und hilft ihm“, schrie die Schweinsmaske während des Kampfes zu der Wolfsmaske, „er stirbt sonst.“
Die Wolfsmaske entfernte sich. Nun war Venturas klar, dass er es mit Jugendlichen zu tun hatte, nein, eigentlich waren es noch Kinder.
„Ich kann ihm helfen“, bot Venturas an.
„Halt die Klappe, alter Mann“, brüllte die Schweinsmaske.
Die Kampfsituation wurde unterbrochen, als die Wolfsmaske Feles erreichte und verzweifelt auf den Boden sank.
„Feles!“ schrie er und Tränen kullerten an seiner Wange hinunter und tropften auf die Erde.
Die anderen beiden hielten reflexartig inne. Venturas hätte sie mühelos töten können, wenn er gewollt hätte, aber er tat es nicht, denn es war nicht notwendig.
„Geht zu ihm“, sprach er in einer für die Situation beängstigend ruhigen Stimme.
Die Schweinsmaske traute ihm nicht, dass sah an seinem Blick, aber er machte ein Handzeichen, dass der Pferdmaske verdeutlichte, ebenfalls zu dem Verletzten zu laufen, was er dann auch tat. Beide versuchten, die Blutung zu stoppen, aber sie waren zu aufgeregt und nach Venturas Augenschein auch zu unerfahren.
„Was ist denn?“ fragte die Schweinsmaske hektisch nach und hielt die Axt noch immer in Richtung von Venturas, der seine Waffe zwar festhielt, aber locker in der Hand hatte.
„Ich kann helfen“, bot Venturas abermals an.
Die Schweinsmaske musterte ihn von oben bis unten und gab seinen Blick alles Misstrauen, was er in diesem Moment spürte.
„Was bist du, ein Zauberer?“ wollte die Schweinsmaske wissen.
„Nein“, antwortete Venturas und blieb ruhig, was seinem Gegenüber nicht passte und mehr verunsicherte.
„Warum solltest du uns helfen wollen?“ fragte er und schaute immer wieder zu seinem Gefährten rüber.
„Ich weiß auch keinen Grund“, teilte Venturas mit, „aber wenn ihr es nicht versucht, dann stirbt euer Freund mit Sicherheit.“
Venturas wusste nicht, ob die Wolfsmaske wirklich sterben würde, aber die Situation ließ es zu, dass die Schweinmaske anfing, es zu glauben.
„Nun gut, aber keine Tricks“, befahl er und zeigte auf das Schwert von Venturas, „aber das da krieg ich.“
„Ich werde es dir geben, aber solltet ihr mich angreifen, werde ich euch alle töten“, warnte Venturas und übergab seine Waffe.
Er schritt zu der Wolfsmaske und beugte sich runter. Die Schnittwunde blutete stark und der Verletzte kauerte sich und jammerte.
„Was ist denn nun? Kannst du ihm helfen oder nicht?“ fragte die Schweinsmaske ungeduldig.
In seiner Stimme vernahm Venturas einen drohenden Unterton, der ihm signalisierte, dass der hinter ihm stehende Träger der Schweinemaske ihn sofort angreifen würde, falls er es nicht schaffte. Womöglich würde er Venturas auch attackieren, wenn es ihm gelänge, aber dabei war sich Venturas nicht sicher.
„Er wird es schaffen“, versicherte Venturas und drehte sich zu der Schweinsmaske, „aber ich benötige Grünes Pech, um die Wunde zu versorgen und ein Stück Stoff, um es zu verbinden.“
„Ich weiß, wo es Grünes Pech gibt“, sagte die Pferdmaske und machte sich sofort auf.
Es brach ein Schweigen aus, das eine unangenehme Mischung aus Furcht und plötzlichen Kippen der Situation in ein Gemetzel in sich trug.
„Wer seid ich eigentlich?“, fragte Venturas, um einen Versuch zu starten, die Lage ein wenig aufzuheitern.
„Das hat dich nicht zu interessieren“, zeigte sich die Schweinsmaske pampig.
Einen Moment später kam der Träger der Pferdemaske mit dem gewünschten Heilkraut, um es Venturas zu übergeben. Die Wolfsmaske riss einen Teil seiner Kleidung, der aus Stoff bestand ab und überreichte es ebenfalls Venturas. In seinem Blick war die Hoffnung, der für ihn Fremde Venturas möge seinen Begleiter retten. Venturas hatte den Eindruck gewonnen, dass sich diese Jugendlichen schon ein Leben lang kennen mussten und dennoch kamen sie ihm unbeholfen vor. Vielleicht waren es heranwachsende Mallumo?
Venturas nahm das Grüne Pech und zerrieb es ein wenig. Die Blätter dieser Pflanze enthielten Wasser, welches es zu einer breiigen Masse machen ließ. Als Venturas es auf die Wunde auftrug, zuckte der Verletzte und schrie.
„Haltet ihn fest“, wies Venturas, ohne darüber nachzudenken, „es ist normal, dass es jetzt etwas schmerzt. Das lässt vergeht nach einer Weile.“
„Das sagst du so“, stänkerte die Schweinmaske von hinten, „und nachher stirbt er dir unter deinen Händen weg.“
Venturas reichte es. Er spürte, wie die Wut in ihm stieg.
„Du kannst es ja selbst machen, wenn es dir nicht passt“, entgegnete er, „oder du lässt mich machen und hältst einfach mal deine Klappe!“
Die anderen nickten verständnisvoll, als wollten sie sagen, dass Venturas ein wahres Wort gesprochen habe. Die Schweinsmaske verzog zwar das Gesicht, sprach aber kein weiteres Wort mehr. Venturas wandte sich wieder dem Verletzten zu und fuhr mit der Prozedur fort. Er rieb mehr von dem Heilkraut auf die Wunde, während Geschrei die Stille des Waldes füllte. Dann band Venturas das Stoff um die Brustwirbel, wobei der Körper durch die Pferde- und die Wolfsmaske angehoben wurde. Sie hatten dafür ihre Waffen auf den Boden gelegt. Schweinskopf aber beobachtete Venturas genau, denn er traute ihm nicht.
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