Gib dein Gesicht herein. Lass
weich sein dein Herz in jener Süße …
»Die Feuerwehr kommt«, sagte er und schob mich beiseite.
Der Klang des Martinshorns drang durch die Nacht in mein Ohr wie ein Beilhieb in lebendes Fleisch. Ein ganzer Zug – Löschwagen, Gerätewagen, Schlauchwagen, Leiterwagen, Krankenwagen und der Pkw des Oberbrandmeisters. Gasbrand! Höchste Alarmstufe!
Uniformierte Männer sprangen aus dem Löschzug, die blaubleichen Blitze der Rundumlichter erleuchteten die Szene geisterhaft. Mit Handlöschgeräten drangen die Ersten furchtlos ins Haus ein. Andere öffneten den Hydrantendeckel auf der Straße, wieder andere rollten die Wasserschläuche aus, drehten die Leitern hinauf. Die ritterlichen Helme funkelten im Scheinwerferlicht, an den Gürteln schimmerten die Feueräxte.
Dann war schon alles vorüber. Die Handlöscher hatten genügt, die Schläuche wurden unbenutzt wieder zusammengerollt. Verschreckte Nachbarn und Neugierige säumten Wege und Treppen.
»Gas!«, sagte einer. »Damit ist nicht zu spaßen.«
Ich hörte nicht hin. Ich betrat mit Ascan meine Wohnung. In seinen dunklen Augen spiegelte sich noch die Angst. Rauch und Gestank nach Verkohltem hingen in der Luft.
Der Oberbrandmeister kam auf mich zu. »Eine Gasverpuffung. Sie hatten großes Glück, dass Sie zu Hause waren. Das ganze Haus hätte in die Luft fliegen können, wenn Sie uns nicht so schnell gerufen hätten.«
»Ja. Glück gehabt!«, sagte ich aus ganz anderen Gründen. »Ich danke Ihnen.« Ich blickte in meine zerstörte Küche. Feuerwehrleute rissen den von Löschmittel triefenden, halb verbrannten Dielenboden auf.
»Die Männer müssen nach Glutnestern suchen, damit es nicht noch mal anfängt«, erklärte der Brandmeister.
Zwei Feuerwehrmänner standen im Korridor und machten den verrosteten Gashaupthahn wieder gängig. Die Polizei, routinemäßig von der Feuerwehr alarmiert, traf per Funkwagen ein, zu spät, zu langsam – kein Vergleich mit den tollkühnen, schnellen Rettungsengeln der Feuerwehr.
»Darf ich Sie alle zu einem Drink einladen?«, fragte ich vorsichtig. Ascan warf mir einen zweifelnden Blick zu.
»Ein kleines Glas ist erlaubt nach dem Einsatz«, gab der Zugführer zackig zurück.
Im großen Zimmer, um den Haufen von rotfleckigem Tischtuch, Scherben und Festmahlsüberbleibseln herum, stand die schimmernde Phalanx der Feuerwehrleute und Polizisten. Ich schenkte meinen zwölf Jahre alten Cognac "eXtra Old" ein. Mehr als zwanzig Uniformierte leerten zusammen ihre Gläser. Die Gesichter sahen unter den Helmen fast gleich aus.
»Leute, es wird Zeit«, schnarrte der Zugführer.
»Danke! Vielen Dank!«, rief ich noch einmal, als sie die Wohnung verließen. Jetzt sah ich das Gesicht eines der Männer genauer, ein junges, fast zu junges Gesicht für diese gefährliche und oft grauenvolle Arbeit. Braune Augen schauten mich an.
Zuletzt brach Ascan auf. Ich begleitete ihn durch den angesengten Flur. In der Küche türmten sich Berge verkohlter Dielenreste und Schrankbretter. Lebensmittel, Geschirr und Küchenutensilien lagen überall verstreut.
»Es tut mir so leid, Hagen, wegen deiner Wohnung …« Ascans schöne Augen leuchteten zum ersten Mal seit neun Jahren voller Mitgefühl.
»Nicht so wichtig. Ich bin feuerversichert. Es ist nur nicht sehr gemütlich bei mir im Moment.« Jetzt hätte er sagen können, dass ich bei ihm wohnen dürfte, bis bei mir wieder alles hergerichtet wäre. Doch er schlug nichts dergleichen vor.
»Danke, Hagen, für die Einladung«, sagte er bloß.
»Hast du mir meinen unzivilisierten Ausbruch verziehen?«, fragte ich demütig.
»Sicher! Seit dem Flammeninferno bist du ja wieder nüchtern.«
Er ging – und ich wünschte mir, dass es ständig brennen, dass mein ganzer Besitz in hellen Flammen aufgehen und dass mein geliebter Bruder unaufhörlich vom Balkon in meine Arme springen sollte.
*
Ich rief die Vierundzwanzig-Stunden-Hotline der Versicherung an und meldete den Schaden. Dann suchte ich aus Schlafzimmer und Bad die nötigsten Übernachtungsutensilien zusammen und packte auch die wertvollsten Stücke meiner altägyptischen Sammlung ein. Ich wollte in ein Hotel gehen und das Chaos in der Wohnung sich selbst überlassen.
Gerade öffnete ich die Reste der von Feueräxten stark mitgenommenen Eingangstür, da prallte ich erstaunt zurück. Der junge, braunäugige Feuerwehrmann stand da. Verlegen trat er von einem Fuß auf den anderen.
»Ich hab mein ... mein Beil liegenlassen«, stotterte er.
»Kommen Sie rein«, forderte ich ihn auf. »Aber dass Sie in diesem Durcheinander etwas finden, wage ich zu bezweifeln.«
Unschlüssig suchte der junge Uniformierte eine Weile in den verkohlten Fußbodenresten, dann schien er es aufzugeben. Er blickte mich an. Ich sah seine dunklen Augen. Langsam ging ich auf ihn zu. Ich löste ihm den Riemen des Helms mit dem langen Nackenschutz. Der junge Feuerwehrmann umschlang mich, die harte Schnalle des Koppels drückte mir in den Unterbauch. Wir gingen in mein verbrannt riechendes Schlafzimmer.
Er war mir zu mager und zu schüchtern. Aber davon abgesehen war ich dankbar, dass er zurückgekommen war. Die braunen Augen, die doch nicht Ascans Augen waren, wollte ich nicht sehen, das Gesicht auch nicht, eigentlich gar nichts. Nur fühlen wollte ich, einen Mann fühlen, der mir zu Willen war, der sich mir nicht immer und immer wieder entzog. Bloß hinein wollte ich, hinein in eine heiße, bergende Höhle. Ich wollte nackte, egoistische, rücksichtslose, wütende Lust empfinden ohne zärtlich sein zu müssen, ohne zu reden, nur die teuflische Anspannung loswerden, die unerträgliche Sehnsucht hinauskatapultieren. Ich spürte, dass ich mich bremsen müsste, wenn ich den Orgasmus länger hinauszögern wollte, aber ich wollte mich nicht bremsen. Ich wollte das Ende, obwohl ich wusste, dass danach nichts sein würde, ein trostloses Nichts.
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