Da fasste mein Vater den Entschluss, das verwaiste Baby nach Deutschland mitzunehmen und seiner jungen Frau anzuvertrauen. Schließlich hatte er indirekt eine Mitschuld an den traurigen Ereignissen. Meine Mutter war zum Glück schon immer eine praktische Person. Als Vater ihr den schwarzhaarigen, halb verhungerten Säugling in den Arm legte, nahm sie den Kleinen ohne viele Worte zusammen mit mir an ihre Brust. Sie nannte ihn Ascan.
Wir lebten in einer prächtigen Villa am Uferhang des Berliner Schlachtensees. In dem weitläufigen, verwilderten Garten verbrachten Ascan und ich eine unglaublich glückliche Kindheit. Dass wir keine echten Brüder waren, kümmerte uns nicht, wir fühlten uns wie Brüder und nannten einander auch so. Ascan sagte genauso »Vater« und »Mutter« zu meinen Eltern wie ich. Mein Vater starb, als wir zwölf waren, doch unser Leben änderte sich dadurch kaum. Ich allein war schuld an der Vertreibung aus dem Paradies.
Wir hatten beide während unserer neunzehnten Geburtstagsfeier, die zugleich Abiturfeier war, ungewohnt viel Wein getrunken, ich noch mehr als Ascan. Seit Jahren liebte ich meinen bezaubernd schönen Adoptivbruder leidenschaftlich. Es war klar, dass ich diese glühende Sehnsucht vor aller Welt verheimlichte. In jener Nacht jedoch hatte ich das Gefühl, dass ich nicht mehr weiterleben könnte, wenn er mich nicht genauso liebte wie ich ihn. Ich wollte, beflügelt vom Rotwein, ihm endlich alles gestehen. Leise schlich ich in sein Zimmer.
Ascan schlief nackt bei offenem Fenster. Er lag auf dem Bauch, wie hingegossen, vom silbrigen Mondlicht überglänzt. Ich nahm jede Körperkontur, jedes feinste Flaumhärchen auf seiner hellen Haut wahr. Eine Erregung packte mich, die ich nicht mehr beherrschen konnte. Ascans göttlich modellierter Hintern ließ mich unzurechnungsfähig werden. Ich fiel über ihn her, presste ihn aufs Bett und versuchte, grob und rücksichtslos in ihn einzudringen.
Ascan fuhr aus dem Schlaf auf und wehrte sich wie eine Wildkatze. Ich war von jeher größer und stärker als er und hätte ihn leicht überwältigen können. Doch er brauchte keine Körperkraft, um mich zu besiegen.
»Mein eigener Bruder … ist einer von diesen widerlichen Arschfickern, die nach Scheiße stinken!«, zischte er. »Du elendes Schwein! Du ekelst mich an! Geh! Geh weg!«
Es hatte schrecklich wehgetan. Ich hatte mich so sehr gedemütigt gefühlt, dass ich ihn losgelassen hatte, trotz meiner übergroßen Erregung, und aus dem Zimmer gerannt war. Ich hatte unsere wunderbare, unschuldige Freundschaft, unsere brüderliche Vertrautheit getötet.
*
Erster März neunzehnhundertachtzig. Geburtstag. Einmal im Jahr besuchte mich mein Bruder, unter strengen Auflagen. Von Kind an hatten wir unseren Geburtstag immer gemeinsam gefeiert. Nach dieser schrecklichen Nacht vor neun Jahren hatte ich ihn angefleht, mir wenigstens dieses Zugeständnis zu machen, und er hatte nach langem Zögern widerwillig zugestimmt.
Komm zu mir,
damit ich deine Schönheit sehe …
Darum ertrug ich dieses Martyrium – um ihn zu sehen, wenigstens einmal im Jahr sein Gesicht zu sehen. Tiefer hinab durfte ich meine Blicke nicht wandern lassen, dann wäre er gar nicht mehr erschienen. Neun Jahre war es her, dass ich ihn zum letzten Mal nackt gesehen hatte.
Deine Anmut
hat von der Anmut des Vogels.
Deine Gestalt
hat noch Knabengestalt.
Dein Geruch hat den Duft von Lotos …
»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte Ascan.
»Natürlich! Du sprachst gerade über deine Idee, wie du den Werbetext für die extra hauchdünnen und gefühlsechten Herrensocken verbessern könntest.«
Er lachte auf. Ich sah seine weißen Zähne und die rosenrote Zunge.
»Siehst du, Hagen, deshalb besuche ich dich noch gelegentlich. Du bist trotz deiner ungeschliffenen Art amüsant. Ich redete übrigens von einer Werbekampagne für halterlos sitzende Damenstrümpfe.«
»Herrensocken sind besser. Erinnerst du dich eigentlich noch an die warmen Strumpfhosen, die wir als Jungs im Winter immer anziehen mussten, und die so furchtbar hinderlich beim Pinkeln waren?«
Ascan lachte spöttisch. »Immer noch der Alte. Versuch es doch mal mit einer Frau, Hagen!«
»Versuch’s doch mal mit einem Mann!«, gab ich tollkühn zurück. Ich konnte nicht anders.
Er sah mich einen Moment lang fast nachdenklich an, bevor er sagte: »Wenn – dann nicht mit einem aus der Familie!«
Der Satz traf mich unvorbereitet und wehrlos. Schlagartig stiegen grausige Visionen vor mir auf: Ascan nackt, umringt von fremden Männern, die aus allen Körperöffnungen tropften vor Geilheit; Ascan als williges Opfer, gefesselt im Sling hängend, begattet von einem riesigen Kerl mit gigantischem Geschlechtsteil …
Ich stand ruckartig auf. Mein Weinglas fiel um. Die blutrote Flüssigkeit ergoss sich über das schneeweiße Tafeltuch. Ich achtete kaum darauf. Ich beugte mich über den Tisch zu meinem Bruder hinüber und brüllte wie ein waidwunder Hirsch: »Das ... das würdest du tun? Zu einem fremden Kerl ins Bett steigen?«
Ascan stand auf und ging wortlos zur Tür.
Vorbei! Aus! Ich war ein Idiot, ein gottverdammter Trottel! Meine Hände krampften sich zusammen und fassten die Tischdecke. Ich riss sie hoch; Schüsseln, Teller, Gläser und Besteck klirrten zu Boden. Essensreste mischten sich mit Porzellanscherben und Rotwein auf dem Teppich.
Ich stürzte Ascan nach und packte ihn am Arm.
»Bleib!«, krächzte ich heiser.
»Du bist völlig daneben, du ewiger Choleriker«, bemerkte er kalt. Seine wunderbaren Lippen zuckten leicht angewidert. »Hattest du dir vorher schon Mut angetrunken?«
»Bleib hier, bitte!« Ich flehte jetzt.
»Leb wohl!«, gab er kühl zurück, schüttelte meine Hand von seinem Arm ab und ergriff die Türklinke.
Da explodierte es in der Wohnung. Nicht laut, es explodierte sacht. Dann war ein Rauschen zu hören.
»Was war das?« Plötzlich ernüchtert, lief ich in den Flur. Ascan folgte mir zögernd.
In der Küche schlugen helle Flammen bis zur Decke. Gardinen und Schränke brannten, das Feuer fraß sich über den Dielenboden auf den Korridor zu.
»Raus!«, schrie ich, riss Ascan jedoch ins Zimmer hinein und suchte das Telefon. Es war zu gefährlich, die Wohnung durch das Treppenhaus zu verlassen, jeden Moment konnte das Gebäude in die Luft fliegen. Ich zerrte Ascan am Sakko zur Balkontür und zog das Telefon dabei an der langen Schnur mit. Eins eins zwei, Feuerwehr.
»Gas! Die Gasheizung brennt!«, brüllte ich in den Hörer. Sie wollten meinen Namen wissen, meine Adresse. Mühsam bekam ich das noch zusammen.
»Wir kommen sofort«, informierte mich eine gelassene Stimme.
»Über den Balkon! Schnell!« Ich riss die Balkontür auf.
Ascan starrte mich erschrocken an. »Bist du wahnsinnig?«
Vom Flur her hörte ich die Flammen gierig aufbrausen durch den frischen Sauerstoff, der ihnen zuströmte.
»Komm! Hier rechts ist es nicht so tief.« Ich kletterte über das Geländer, dort, wo die leicht ansteigende Straße am nächsten war. Unter meiner Wohnung gab es nur das Souterrain. »Ich springe zuerst und fang dich auf.«
Ich ließ mich außen vom Balkongeländer hängen und sprang ins Dunkle, auf den granitgepflasterten Gehweg hinab. Nur drei Meter etwa, noch zu schaffen, ohne sich die Knochen zu brechen.
»Ich bin unten. Komm! Schnell!«
Ascan kletterte ebenfalls über die Brüstung und ließ sich in meine Arme fallen.
Ich gab meine Wohnung, meine Jugendstil-Einrichtung, die Erstausgaben von Lepsius und Champollion und meine Sammlung ägyptischer Skarabäen, all das und noch viel mehr mit Freuden hin für diesen Moment: Ascan lag in meinen Armen! Erschauernd vor Glück hielt ich ihn fest, spürte die Wärme seines Körpers und legte meine Wange an sein duftendes Gesicht.
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