Nach und nach tat sich mir so ein erweitertes Bild dieses christlichen Religionsgründers auf, das Sie in diesem Buch selbst nachvollziehen können.
Was die christlichen Kirchen über ihn lehren, entstammt antiken Schriften, die von Vorstellungen dieser Zeit geprägt und mit Legenden durchzogen sind.
Während Religionswissenschaftler sich abmühen, den Wahrheitskern in den biblischen Schriften zu finden und darüber schon seit über einem Jahrhundert diskutieren, werden deren Erkenntnisse in der kirchlichen Glaubensverkündigung ängstlich zurückgehalten.
Aber auch die Wissenschaftler sind sich alles andere als einig über den Gründer des Christentums. So sieht ihn jeder durch seine eigene Brille und beurteilt ihn nach den Regeln seines Fachgebietes. Aber, um nicht ungerecht zu sein, es ist wirklich schwierig, wenn nicht gar unmöglich, einen geistigen Meister, wie es Jesus war, zu beschreiben. Zumal wir bei fast keinem Wort, das in den Evangelien von ihm zitiert wird, sicher sein können, dass es wirklich von ihm stammt.
Der indische Weise Sri Aurobindo sagte einmal: „Niemand außer mir selbst kann über mein Leben schreiben, weil es sich nicht an der Oberfläche, sichtbar dem menschlichen Auge abspielte.“ 1Natürlich trifft dies genauso auf Jesus zu.
Nun könnten wir sagen: „Das war's! Es hat keinen Sinn über Jesus zu schreiben, da wir ihn sowieso niemals ganz erfassen können!"
Aber, bevor Sie jetzt das Buch zuschlagen und beiseitelegen: Was wäre, wenn nie jemand über Jesus geschrieben hätte? Wenn es keine Evangelien geben würde? So unvollkommen alle Schriften über ihn sind – das gilt auch für dieses Buch – es sind Mosaiksteine, die zwar nur ein grobes, lückenhaftes Bild von Jesus ergeben, aber sie haben vielen Generationen das Bild eines Mannes vermittelt, der seine Fähigkeiten nicht dazu benutzte, nach weltlicher Macht, Ruhm und Reichtum zu streben. Vielmehr ging es ihm darum, den Menschen die Welt des Geistigen nahezubringen – bei allem Irrtum, dem auch er unterworfen war. Vor allem lehrte er ein Gottesbild, das seiner eigenen Erfahrung entstammte – einen Gott, den er als liebenden Vater erfuhr. Ohne allerdings sich im Geistigen zu verlieren und die materielle Not der Menschen und die Ungerechtigkeit der Welt aus den Augen zu verlieren. Er redete nicht nur, er lebte seine Überzeugung bis zur letzten Konsequenz.
Ein genaues Bild von Jesus zu erhalten, ist jedoch kaum möglich, da ihn die Evangelisten nicht mehr gekannt hatten und die bereits legendenhaften Überlieferungen mit eigenen Vorstellungen ergänzten. Jede Beschreibung des Lebens Jesu ist aus diesen Gründen zu großen Teilen Spekulation. Auch dieses Buch ist nur der Versuch einer – möglichst weitgehenden – Annäherung an die Wirklichkeit. Die Lücken und Unstimmigkeiten in der Historie der Evangelien können hierbei nicht mit Tatsachen , sondern nur mit Möglichkeiten ergänzt werden.
Was den Umgang mit den Evangelien angeht, ist Papst Benedikt folgender Meinung: „Dazu gehört freilich die Bereitschaft, dem Neuen Testament nicht ,sachkritisch‘ einfach unser Besserwissen entgegenzuhalten, sondern zu lernen und uns führen zu lassen: die Texte nicht nach unserer Vorstellung umzumontieren, sondern unsere Vorstellungen von seinem Wort reinigen und vertiefen zu lassen.“ 2
Kann es sein, dass es ihm an Selbstbewusstsein mangelt? Wieso sollen wir die Texte des Neuen Testamentes nicht näher untersuchen, und das übernehmen, was uns überzeugt, während wir anderes als Irrtum oder als mittlerweile überholte Ansicht der damaligen Zeit erkennen?
Es sind schließlich nicht alles „Seine Worte“ .
Ein Sprichwort sagt: „Die Wahrheit von heute ist die Lüge von morgen!" Die „Wahrheit“, wie sie zu einer bestimmten Zeit verstanden wird, stellt sich häufig in einer späteren Zeit als Irrtum oder auch als Legende heraus. Was Menschen früherer Zeiten als Realität angesehen haben, muss nicht für alle Zukunft wegweisend sein. Die Vorstellungen und Sitten der Menschen entwickeln sich weiter.
Man könnte den Satz auch umdrehen: „Die Lüge von heute ist die Wahrheit von morgen!" Was die Evangelisten damals erdacht hatten, um Jesus für die Menschen attraktiv zu machen – man kann es eigentlich nicht als Lüge bezeichnen, es war damals übliche Geschichtsschreibung – wurde später zur „Glaubens- Wahrheit “ erhoben.
Müssen wir wirklich unsere Weltsicht den antiken Vorstellungen vor 2000 Jahren anpassen? Vorstellungen, die auch damals nicht unumstößlich, sondern schon heftig umstritten waren!
Wie Sie im Verlauf des Buches noch sehen werden, denke ich jedoch keineswegs daran, alles zu relativieren und letzten Endes als bloßen Mythos abzutun. Vielmehr geht es mir um eine differenzierte Betrachtungsweise, ohne ideologische Scheuklappen.
Wir leben glücklicherweise nicht mehr in den Zeiten, in der eine Gruppe der Alles-Glaubenden den Nicht-Alles-Glaubenden ihre Sicht der Dinge aufzwingen konnte. Wir können heute sogar gefahrlos den theologischen Ausführungen eines Papstes widersprechen. Leider gilt dies noch nicht für alle Religionen.
Mein ehemaliger Nachbar Wladimir Kramarewski steht für den suchenden, forschenden Menschen, dessen offenes Weltbild sich durch hinzukommende Informationen weiterentwickelt. Er ist allerdings eher die Ausnahme. Sonst hätten sich nicht, vor allem durch die Festschreibung (Dogmatisierung) der christlichen Lehre, über Jahrtausende so viele gravierende Irrtümer in die Glaubensüberzeugungen einschleichen und sich halten können.
Daher wollen wir versuchen, uns der Person Jesu mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, möglichst anzunähern. Wir können uns hierbei die Globalisierung zu Nutze machen, die auch vor dem spirituellen Bereich nicht Halt gemacht hat. Beispielsweise, wie schon eingangs beschrieben, indem wir Erkenntnisse aus östlicher Religionsphilosophie berücksichtigen.
Wir können Parallelen ziehen zwischen Lehrinhalten und außergewöhnlichen Ereignissen, die die Evangelien berichten, zu solchen, die von spirituell hochentwickelten Personen, egal welcher Religion sie angehörten, überliefert sind. Auf diese Weise sehen wir Jesus im Kontext der allgemeinen – von Gott vorgesehenen – spirituellen Entwicklung des Menschen.
Diese vergleichende Methode fehlt in der konventionellen Jesus-Forschung und das dürfte einer der Gründe sein, wieso deren Sicht auf diesen jüdischen Wanderprediger und Wundertäter, oft sehr einseitig und begrenzt ist.
Daher ist dieses Buch mehr als nur eine Beschreibung des Lebens Jesu. Vielmehr will es an seinem Beispiel geistige Zusammenhänge aufzeigen, aus denen wir erkennen können, welches Potenzial, welche unbegrenzten Möglichkeiten dem Menschen von Gott angeboten werden und was der Sinn unseres Lebens ist.
Hier noch ein kurzer Überblick über den Inhalt des Buches: Ich hielt es für notwendig, den Leser zunächst mit den biblischen Schriften und der Sichtweise der Bibelwissenschaft vertraut zu machen. Bevor wir uns dann mit der Person Jesu befassen, ist es unabdingbar, um seine Motive verstehen zu können, in die Geschichte Israels, seines Volkes, einzutauchen. Daher habe ich diesem Part einen weiten Raum eingeräumt.
Wie Sie sehen werden, habe ich in einigen Kapiteln, Jesu öffentliches Wirken in Erzählform dargestellt. Dem folgt jeweils ein Kapitel „Erläuterungen", worin ich die Gründe für die Inhalte der Erzählung darlege.
Hat uns Jesus auf dem Turiner Grabtuch sein Abbild hinterlassen?
In dem umfangreichen Kapitel hierüber sind für Sie vermutlich einige Überraschungen enthalten.
Das Buch schließt mit Ausführungen über die Zeit nach Jesus, wobei auf Paulus, die frühe Kirche und auf die Marienverehrung eingegangen wird.
Ich habe mich eines allgemein verständlichen Schreibstils bemüht und theologisch-wissenschaftlichen Duktus nach Möglichkeit vermieden. Nach meiner Erfahrung verwässert und vernebelt eine abgehobene Fachsprache die Aussagekraft des Geschriebenen.
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