Michael und ich kamen ganz gut miteinander klar unter diesen Bedingungen. Allerdings hatte ich meine Antennen ausgefahren. Einige Reaktionen und Bemerkungen von ihm, zeigten deutlich seine kriminelle Vergangenheit.
Wir nahmen beinahe täglich die Möglichkeit der Freistunde wahr, um frische Luft zu bekommen. Es sei denn, es regnete in Strö men.
Zwangsläufig gab es auch Kontakt zu anderen Gefangenen un serer Station. Man sah sich ja jeden Tag.
Die wildesten Geschichten, die als Gründe ihrer Inhaftierung genannt wurden, kamen da zutage.
So traf ich auch wieder auf meinen aller ersten Zellengenossen, der nun ebenfalls auf unserer Station untergebracht war.
Er drehte immer einsam und allein seine Runden und sah des Öfteren etwas ramponiert aus im Gesicht. Anscheinend verstand er sich nicht besonders gut mit seinem Zellenkollegen.
Ich kümmerte mich nicht weiter um ihn. Ich hatte genug mit mir selbst zu tun.
Der Älteste der Leute, die man täglich in der Freistunde sah, war Hans. Hans bezeichnete sich selbst als Alkoholiker, medika
mentenabhängig und lebte vom Sozialamt. Er stammte direkt aus Berlin.
Hans war wahrlich nicht einer der Hellsten. Er verstand absolut nichts, wie was hier ablief und war an Naivität nicht zu überbie ten. Seit vier Wochen saß er bereits hier und gleich am ersten Tag hatte man ihm Tabak und Sonstiges abzockt. So schnorrte er sich nun von Zigarette zu Zigarette und erzählte jedem seine Geschich te.
Anscheinend hatte es sich schnell herumgesprochen, dass ich ein Studierter war.
So kam Hans eines Tages freudestrahlend auf mich zu und zeig te mir ein Schreiben der Staatsanwaltschaft Berlin.
Darin stand, dass man das Verfahren mit dem Aktenzeichen XYZ wegen Bankraubs gegen ihn eingestellt hätte.
Hans wurde ausgerechnet an diesem Tag 60 Jahre alt und emp fand diese Mitteilung wie ein Geburtstagsgeschenk. So erfuhr nun auch ich von seiner Geschichte:
Hans wohnte mitten in Berlin in Wilmersdorf. Seine Sozialhilfe hatte er seit Monaten mehr in Alkoholika gesteckt anstatt seine Miete zu zahlen. Der Vermieter hatte ihm eine letzte Frist einge räumt, seine Rückstände auszugleichen, ansonsten würde die Zwangsräumung folgen.
In seiner Verzweiflung kam Hans auf die Idee, sich das Geld bei einer Filiale der Deutschen Bank in der nahe gelegenen Fußgän gerzone zu besorgen.
Bekleidet mit einem Kapuzenparka, in der Hand eine Alditüte und bewaffnet mit einer Spielzeugpistole, setzte er seinen Plan in die Tat die Tat um. Als Fluchtfahrzeug diente sein Fahrrad.
Kurz vor Schließung der Filiale betrat er die Bank und forderte mit vorgehaltener Waffe das Geld aus der Kasse.
Seine Beute von DM 10.000,00 ließ er sich in die Alditüte pa cken und befestigte den Beutel auf dem Gepäckträger seines Fahr rads.
Dann trat er in die Pedale.
Vor lauter Panik und Nervosität muss er auf seiner Flucht meh rere Papierkörbe und Laternen angeeckt haben, bis er schließlich und endlich zuhause ankam.
Dort stellte er fest, dass ein großes Loch in seiner Plastiktüte war. Von dem geraubten Geld waren noch ganze DM 200,00 vor handen.
Völlig geschockt, nahm er verschiedene Medikamente zur Beru higung ein und spülte anschließend seinen Frust in der nächsten Kneipe runter. Das Besäufnis ging bis in die frühen Morgenstun den.
Ihm kam die Idee, was einmal klappt, klappt auch ein zweites Mal.
So setzte er sich erneut auf sein Fahrrad und „besuchte“ die glei che Bank ein weiteres Mal.
Dort ermittelte die Kripo gerade wegen des Überfalls vom Vor tag, als Hans erneut an der Kasse Geld forderte. Diese Einladung nahmen die Beamten dankend an.
Seitdem saß Hans in Uhaft und dachte nun, mit dem Schrei ben der Staatsanwaltschaft sei die Sache für ihn erledigt und er würde entlassen.
Ich musste ihn enttäuschen, denn die Staatsanwaltschaft hatte zunächst für jeden Überfall ein eigenes Aktenzeichen eröffnet. Hans hatte übersehen und auch nicht verstanden, dass beide Taten nunmehr zusammengefasst unter einem Aktenzeichen geführt wurden und somit eins wegfiel. Sichtlich geknickt schlich er davon.
Endlich war der Duschtag gekommen.
Sämtliche Leute von zwei kompletten Stationen wurden in ein enges, tristes Kellergewölbe geführt.
Vor dem Duschraum befanden sich Holzbänke, wo man seine Sachen deponieren konnte, nachdem man sich ausgezogen hatte. Etwa drei Meter vor dem Umkleideraum hatten sich zwei Auf
sichtsbeamte postiert.
Für Alle auf einmal gab es nicht genug Platz unter der Dusche. Es ging nur in Etappen, jeweils gruppenweise.
Durch den Wasserdampf sah man die Hand vor Augen nicht und ich hatte Schwierigkeiten mich zu orientieren.
Unter der Decke zogen sich von Wand zu Wand Rohre, die mit jeweils sechs Duschköpfen besetzt waren.
Mein erster Gedanke war: „Jetzt fehlt nur noch das Zyklon B.“
Ich teilte mit Michael eine Dusche und das Duschgel. Plötzlich gab es in einem Meter Abstand einen dumpfen Schlag.
Dann noch einen und noch einen. Dann folgte ein wahres Trom melfeuer.
Die Person neben mir sackte zusammen und ging zu Boden. Zwei Männer rissen ihn wieder hoch und knebelten ihn mit ei nem Handtuch.
Ein Anderer hielt seinen Kopf wie in einem Schraubstock fest. Der Mann schrie, doch man hörte kaum etwas durch das Getö
se der Duschanlage.
Ich konnte nur schemenhaft erkennen, was da vor sich ging, zumal mich Michael etwas zur Seite zog.
Die drei Männer brachten die Person in eine gebückte Stellung, während ein Vierter den Stiel eines Schrubbers bis zum Anschlag in den Hintern des Mannes rammte. Das Wasser auf dem Boden verfärbte sich blutrot.
„Verfluchter dreckiger Kinderficker! Wir machen dich fertig!“
Einer nach dem anderen bestieg nun den Mann von hinten und vergewaltigte ihn auf brutalste Weise, während die anderen ihn jeweils festhielten.
Mit einem dumpfen Knall fiel der Mann auf die Fliesen und wimmerte.
„Hören wir auch nur einen Ton von dir, lebst du nicht mehr lange. Du elende Drecksau!“ riefen die Männer noch in seine Rich tung und verließen den Duschraum.
Ich war völlig geschockt und musste mich beim Anziehen erst mal sortieren. Man hatte ein paar vage Vorstellungen wie es im Knast zugeht. Aber das hier war harter Tobak.
Wir mussten warten bis alle Leute mit dem Duschen fertig wa ren, denn es ging nur vollständig und geschlossen wieder zurück. Irgendwie schaffte es auch der Kinderschänder in den Umklei deraum. Seine Verletzungen konnte er aber nicht verheimlichen.
Auf die Frage des Beamten, was passiert sei, antwortete er:
„Ich bin beim Duschen ausgerutscht.“
Jetzt erkannte ich ihn auch wieder. Mit ihm hatte ich die ersten beiden Nächte im Knast verbringen müssen.
Dieses einschlägige Erlebnis beschäftigte mich noch eine ganze Zeit.
Die Frage, wie ich mich verhalten würde, sollte auch ich einmal ungewollt in eine derartige Situation kommen, konnte ich mir nicht beantworten.
Seit Tagen fragte ich immer wieder bei den Bediensteten nach, wann ich endlich neue Kleidung holen könnte. Noch immer lief ich in den gleichen Sachen herum und die standen inzwischen vor Dreck, trotz regelmäßigen Waschens.
Anliegen um Anliegen hatte ich geschrieben, doch ich erhielt keinerlei Reaktion. Von den Stationsbeamten kam nur gleichgül tiges Schulterzucken.
Irgendwann riss mir die Geduld und ich verlangte mit klaren Worten, auf die Kammer gebracht zu werden.
Es schien zu wirken, denn plötzlich ging alles ganz schnell.
Auf der Kammer fragte mich der Beamte scheinheilig, warum ich mich denn nicht gemeldet hätte.
„Verarschen kann ich mich allein“, antwortete ich barsch, „da brauche ich Sie nicht dazu.“
Verdutzt holte der Beamte meine Koffer und ich kontrollierte erst mal, ob alles noch vollständig beisammen war.
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