Ich überlegte, was mich in Hamburg hielt.
Nicht viel, war die Antwort. Es schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich eventuell wegen des Vaters meines Kindes hierbleiben sollte. Oder sollte ich ihn lieber nur „Erzeuger“ nennen? Denn ich hatte ihm bisher nichts von der Schwangerschaft erzählt und hatte auch nicht vor, das zu tun.
Was hielt mich sonst noch in Hamburg?
Die Arbeit war es auch nicht. Nachdem im Büro ein neuer Chef die Leitung übernommen hatte, wehte ein rauer Wind durch die Büroräume und unter den Kollegen war die Stimmung angespannt. Das gute Arbeitsklima, das bislang geherrscht hatte, gehörte der Vergangenheit an. Mein neuer Chef hatte auch kein Verständnis für meine mangelnde Konzentration bei der Arbeit und mein Zuspätkommen, wenn ich mal wieder eine Nacht durchgeweint hatte und erst in den frühen Morgenstunden in einen tiefen, bleiernen Schlaf gefallen war und den Wecker überhört hatte.
Wenn ich aber nicht hierbleiben wollte, wo sollte ich dann hin? Ich stand auf und stellte mich vor die Weltkarte, die in Rolfs Arbeitszimmer an der Wand hing. Sein Arbeitszimmer hatte ich seit seinem Tod nur selten betreten. Ein Mal hatte ich den Entschluss gefasst, es auszuräumen, hatte dann aber, nachdem ich die ersten Stapel Bücher aus dem Regal gezogen hatte, alles wieder zurückgestellt. Seit Rolf dabei gewesen war, seine Habilitation zu schreiben, hatte sich sein Arbeitszimmer mehr und mehr mit Büchern gefüllt, und einige lagen noch aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch, so als hätte er gerade erst darin gelesen. Er, der erfolgreiche Architekt, der seine Visionen an die Studenten weitergegeben hat. Ich habe ihn dafür bewundert. Er hatte in allem, was er getan hat, so sicher gewirkt, und ich hatte mich, nicht nur weil ich sehr viel jünger war als er, oft wie ein kleines Mädchen an seiner Seite gefühlt. Er, der nicht mehr altern würde, der für immer zweiundvierzig Jahre alt blieb. Der Gedanke, dass ich eines Tages älter sein würde als er, kam mir komisch vor. Auf einmal fand ich es schade, dass es kein Grab gab, an das ich treten konnte, dann, wenn ich mal älter sein würde als er, und zu ihm sagen könnte: „Schau, was für ein großes Mädchen aus mir geworden ist.“
Rolfs Asche ist im Meer verstreut worden, so hatte er es sich gewünscht. Das hatte er mir auf einem Bootsauflug nach Norderney gesagt. Es war einer der ersten Ausflüge gewesen, die wir machten, nachdem wir nach Hamburg gezogen waren. „Wenn ich mal sterbe, dann möchte ich, dass hier meine Asche verstreut wird“, hatte er fröhlich gesagt. Damals war uns das noch so weit weg vorgekommen, dass wir heiter und ohne Schwere darüber reden konnten.
So hatten wir, Lars und ich, es dann auch gemacht. Besser gesagt, es war Lars gewesen, der alles für die Seebestattung organisiert hatte. Wir und einige Freunde von Rolf sowie eine Tante von ihm waren dabei gewesen. Rolf ist als Adoptivkind aufgewachsen, doch das Verhältnis zu seinen Adoptiveltern ist nach einem Familienstreit äußerst angespannt gewesen. Seine Eltern sind nicht mal zu unserer Hochzeit gekommen.
Lars hatte Rolfs Eltern angeschrieben, um ihnen den Termin der Beerdigung mitzuteilen. Als Antwort hatten sie nur eine Beileidskarte geschickt, auf der sie sich dafür entschuldigten, nicht kommen zu können.
Sicher auch wegen des schlechten Verhältnisses zu seinem Adoptivvater war Rolfs Verhältnis zu meinem Vater besonders eng gewesen. Mein Vater, der vor seiner Pensionierung auch Architekt gewesen war, hatte in Rolf den idealen Gesprächspartner gefunden. Meine Mutter hat dazu die perfekte Ergänzung abgegeben, indem sie die beiden liebevoll mit Kaffee und kleinen Leckereien umsorgte, während sie in ihre stundenlangen Diskussionen vertieft waren. Mein Vater hatte in Rolf den Sohn gefunden, den er sich immer gewünscht hat. Bei aller Liebe zu mir, hätte er immer auch noch einen Sohn haben wollen. Meine Mutter hat nach meiner Geburt ein Kind verloren und anschließend nie wieder den Versuch unternommen, schwanger zu werden. Mein Vater war sich damals sicher, dass es ein Junge war, obwohl das gar nicht untersucht worden war, und hat diesem „Sohn“ immer nachgetrauert.
Während Rolf und mein Vater in ihre Gespräche vertieft waren, habe ich mit meiner Mutter in der Küche gestanden und mich mit ihr unterhalten. Auch wenn ich es zuweilen gehasst habe, dass die beiden nachmittagelang diskutiert und geraucht haben, bis blaue Rauchschwaden durch die Ritzen der verschlossenen Zimmertür drangen, war ich doch dankbar für die Möglichkeit, viel Zeit mit meiner Mutter verbringen zu können. Zwischen uns war dadurch wieder eine große Nähe entstanden, die wir so, nachdem ich als junge Frau von zu Hause ausgezogen war, nicht mehr gehabt hatten.
Als ich jetzt in Rolfs Arbeitszimmer stand, in den aufgeschlagenen Büchern blätterte und sie dann alle zuklappte und der Staub durch den Raum wirbelte, hatte ich plötzlich das Gefühl eines totalen Neubeginns. So als würde man auf einem Brettspiel die Spielfiguren wieder an den Startpunkt stellen und den Würfel für eine neue Partie werfen. Anstatt eines Würfels nahm ich den Dartpfeil, der in der Weltkarte steckte, die an der Wand hing, und warf den Pfeil auf die Karte. Rolf und ich hatten das aus Jux so gemacht, wenn wir eine Reise unternehmen wollten. Nur ein Mal waren wir dann auch tatsächlich dorthin gefahren, wo der Pfeil getroffen hatte. Es war eine Chinareise gewesen, das war in unserem zweiten gemeinsamen Jahr. Damals hatte die Weltkarte noch in Rolfs Wohnung in Offenburg gehangen.
Die Karte hatte bereits viele winzige kleine Löcher, doch wo jetzt der nächste Einstich hinzugekommen war, wusste ich noch nicht, denn ich hielt meine Augen fest geschlossen. So hatten Rolf und ich auch immer vor der Karte gestanden, die Augen fest zusammengekniffen und den Atem anhaltend. Während ich nun wieder so dastand, nahm ich mir fest vor, ja ich schwor mir sogar, dass der Ort, den der Pfeil getroffen hatte, meine Zukunft sein sollte. Voll Enthusiasmus hob ich die rechte Hand zum Schwur und sagte laut: „Dieser Ort wird mein zweites Leben.“ Erschrocken über so viel Überschwang, korrigierte ich mich und sagte schnell: „Dieser Ort wird der Ausgangspunkt für mein neues Leben.“ Ich hielt mir dabei bewusst offen, ob ich damit bloß einen Urlaub meinte oder mehr. Ich traute mich nicht, die Augen zu öffnen, aus Angst davor, dass der Ort, auf den die zufällige Wahl gefallen war, so schrecklich oder uninteressant war, dass meine neu gewonnene Kraft gleich wieder daran zerbrechen würde.
Um Zeit zu gewinnen, ging ich daher in Gedanken meinen Körper ab und spürte zum ersten Mal, wie gespannt sich meine Bauchdecke und meine Brüste anfühlten. Ich schob das auf die Schwangerschaft, war mir aber nicht sicher.
Bislang wusste ich nur das, was alle wissen, dass es neun Monate dauert, einem oft übel ist und man komische Essgelüste hat. An der Übelkeit hatte ich auch gemerkt, dass ich schwanger war. Am ersten Tag, als ich morgens auf die Toilette gerannt war, um mich zu übergeben, hatte ich noch an eine Magenverstimmung gedacht. Doch schon am nächsten Tag, als sich die gleiche Szene wiederholte, war mir der Gedanke gekommen, dass ich schwanger sein könnte. Gleich darauf war ich in die Apotheke gegangen, um einen Schwangerschaftstest zu kaufen. Nach Hause zurückgekehrt, zögerte ich jedoch, den Test zu machen. Ich hatte das Päckchen in die Hausapotheke gelegt, als würde es auf einen passenden Moment warten, bis man den Test brauchen würde. Zunächst war ich etwas unentschlossen durch die Wohnung gelaufen, es war mir dann aber doch gelungen, mich abzulenken. Erst als ich abends zu Bett gegangen war und mit offenen Augen durch das Fenster eine Weile in die schwarze Nacht gestarrt hatte, war ich plötzlich aufgestanden und hatte im Dunkeln den Weg zum Medizinschrank gesucht. Vorsichtig hatte ich nach der Schachtel getastet, die ich nach ganz hinten gelegt hatte. Nach ein paar Tastversuchen wusste ich, dass ich die richtige Schachtel in den Händen hielt. Ich hatte mich umgedreht, nach dem Toilettendeckel gegriffen und gestaunt, wie zielsicher man sich in seiner Wohnung zurechtfindet, auch wenn man fast nichts sieht. Bevor ich mich jedoch auf die Toilette setzte, lehnte ich mich gegen die Wand. Die Kühle der Fliesen war in meinen Körper geströmt, und ich fand es angenehm, dass ein kalter Schauer über meinen Körper lief. Meine Brustwarzen stellten sich auf, und ich spürte, wie plötzlich Erregung in mir aufstieg. Dieses Gefühl hatte ich schon lange, sehr lange nicht mehr empfunden. Ich genoss den Moment und zögerte es hinaus, den Test zu machen. Mein Kopf wurde durch die Kühle immer klarer und meine Gedanken ruhig und gleichmäßig.
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