Ronja Erb - Mit Weite im Herzen

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Nach dem Unfalltod drei ihrer liebsten Menschen entscheidet sich Helen, einen Neuanfang zu wagen und nach Namibia auszuwandern. Unter ungewöhnlichen Umständen bringt sie dort einen Sohn zur Welt und lernt dabei den taubstummen Jungen Kormoran kennen. Ihn verliert sie zwar bald aus den Augen, jedoch nicht aus dem Sinn. Zunächst eingenommen von ihrem jungen Mutterglück, sucht sie nicht weiter nach Kormoran. Zudem kommen erste Schwierigkeiten auf: Beim Kauf ihres Hauses stellt Helen fest, dass sie alte Wunden aus der Geschichte der Namibier aufreißt. Zum Glück gibt es Heinrich, einen Wanderarbeiter, der Helen hilft, in Namibia richtig Fuß zu fassen und auch Kormoran wiederzufinden. Zwischen Heinrich und Helen entwickelt sich eine tiefe Liebe, die es Helen ermöglicht, Altes zu überwinden und Neues zu beginnen.
Dieser Roman ist eine Hommage an Namibia und seine wundervollen Menschen.

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Kapitel 6

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, mir die verschiedenen Sehenswürdigkeiten im Süden Namibias anzusehen. Jeden Tag fühlte ich mich besser, da ich mich an das Klima und das Essen gewöhnt hatte. Ich fuhr gemächlich über die Landstraßen und genoss die Reise. Es gab nicht viel Verkehr, manchmal traf man über Stunden hinweg auf kein anderes Fahrzeug. Auch Tankstellen gab es nur sehr wenige, ich hatte daher immer einen Kanister Benzin im Kofferraum, damit ich die langen Strecken zurücklegen konnte. Mein nächstes Ziel waren die großen roten Sanddünen, die an der Westküste liegen. Sie waren noch weit entfernt, aber man konnte sie am Horizont schon erahnen.

Um von einem Ort zum nächsten zu kommen, brauchte es sehr viel Zeit. Aber ich hatte es auch gar nicht eilig, ich wollte dieses Land in aller Ruhe entdecken, es Tag für Tag ein Stück näher an mich herankommen lassen, spüren, ob ich hier leben wollte. Meine Route für die Rundreise hatte ich bewusst so gewählt, dass ich zunächst in den Süden Namibias fuhr und dann von dort aus wieder gen Norden bis zur Grenze zum Nachbarstaat Angola. Am Schluss meiner Reise würde ich in Rundu ankommen. Ich wollte erst das ganze Land gesehen haben, bevor ich die Stadt Rundu erreichte. Denn nur so konnte ich beurteilen, ob ich dort bleiben wollte oder ob es mir in einer anderen Stadt oder Region von Namibia besser gefiel.

Als ich zum wiederholten Mal anhielt, um Fotos zu machen, dieses Mal von ein paar Straußenvögeln, die am Straßenrand standen, konnte ich das Auto nicht mehr starten. Der Wagen röchelte nur kurz auf, als ich den Zündschlüssel rumdrehte, dann ging nichts mehr.

Ich versuchte noch mehrmals, das Auto zu starten, aber der Motor sprang nicht an. Mir wurde heiß und kalt, was sollte ich nun tun? Ich stand mitten im Nirgendwo zwischen Keetmanshoop und Lüderitz. Hilfe suchend blickte ich mich um, weit und breit war aber niemand zu sehen, nur eine staubige Straße und weites Land. Ich nahm mein Mobiltelefon und fragte mich, ob ich Pendukeni und Nahas anrufen sollte, jedoch war ich viel zu weit von Hannuk entfernt, als dass sie mir hätten helfen können, deshalb verwarf ich den Gedanken. Ich sah auf die Uhr, es war drei Uhr nachmittags, mir blieben bis zum Einbruch der Dunkelheit zum Glück noch einige Stunden Zeit.

Ich lehnte mich an das Auto, schaute die Straße hoch und runter, konnte kilometerweit sehen, doch nirgendwo war ein anderes Auto in Sicht. Ich trat vor Ärger mehrfach gegen den Vorderreifen und beschloss dann, die Telefonnummer der Autovermietung rauszusuchen. Ich kramte im Handschuhfach nach den Papieren, und der rosa Durchschlag des Mietvertrages fiel heraus, aber die Telefonnummer der Autovermietung stand nicht darauf. Ich suchte weiter und fand schließlich eine Visitenkarte der Autovermietung. Ich wählte die angegebene Telefonnummer, nichts geschah. Ich ließ es lange klingeln, dann ging doch noch jemand dran. Auf Englisch versuchte ich zu erklären, dass ich eine Panne hatte, und fragte, ob man mir helfen könnte. Man sagte mir, dass ich versuchen solle, in die nächste Stadt zu trampen, um anschließend mein Auto abschleppen zu lassen. Ich fragte, was sei, wenn niemand vorbeikommen würde.

„Madam“, sagte der Angestellte der Autovermietung, „ich kann von hier aus nichts weiter für Sie tun. Lassen Sie das Auto abschleppen und reparieren, wir erstatten Ihnen die Kosten dafür, wenn Sie das Auto wieder bei uns abgeben. Bringen Sie die Rechnung bitte in zweifacher Ausfertigung mit.“

Ich kochte innerlich und wiederholte in Gedanken den letzten Satz, den der Angestellte der Autovermietung gesagt hatte. „Warum können Sie denn keinen Abschleppwagen schicken?“, hakte ich nochmals nach.

„Tut mir leid, Madam, ich kann nichts weiter für Sie tun“, antwortete er.

„Aber ich habe Ihnen doch schon bei der Abholung gesagt, dass das Auto nicht mehr gut in Schuss ist“, insistierte ich. Doch aus der Leitung kam nur noch ein genervtes Stöhnen, also gab ich auf und beendete das Gespräch.

Kaum, dass ich mich wieder ins Auto gesetzt und mich darauf eingestellt hatte, nun eine ganze Weile, wenn nicht einige Stunden so auszuharren, tauchte in der Ferne ein Auto auf. Durch die Sonne, die den Asphalt funkeln ließ, konnte ich nur Umrisse erkennen. Als das Auto näher kam, sah ich, dass es sich um einen kleinen Lieferwagen handelte. Ich fing an zu winken. Der Wagen kam immer näher und ich schickte Stoßgebete zum Himmel, dass er anhalten würde.

Tatsächlich hielt der Lieferwagen an, es saßen drei Männer drin. Ich deutete auf die Motorhaube und sagte, dass mein Auto nicht mehr anspringe, und bat darum, dass sie mich in die nächste Stadt mitnähmen.

Sie beäugten mich einen Moment lang und sahen dann in den Innenraum meines Wagens. Mir wurde unbehaglich, doch da es Stunden dauern konnte, bis wieder ein Auto vorbeikam, schluckte ich meine Angst hinunter und wiederholte meine Bitte. Der Mann am Steuer nickte und bot mir an, auf der Vorderbank Platz zu nehmen. Dort saßen auch die beiden anderen. Sie rutschten auseinander, und ich setzte mich zwischen sie.

Krampfhaft suchte ich nach etwas, das ich sagen könnte. Doch mein Kopf war wie leer gefegt, ich fühlte mich unwohl. Ich streichelte mir über meinen Bauch, weil ich deutlich machen wollte, dass ich schwanger war. Ich hatte das Gefühl, dass mich das schützen könnte. Die beiden Männer, die neben mir saßen, sahen mich an und dann auf meinen Bauch. Ich spürte muskulöse Arme an meinen und wurde bei jedem Schlagloch, durch das der Lieferwagen fuhr, von den beiden Männern eingequetscht.

Der Mann, der rechts neben mir an der Tür saß, brach als Erster das Schweigen und sagte, dass es gefährlich sei, als Frau alleine zu reisen. Als Antwort nickte ich nur.

An den Fahrer gewandt sagte ich, dass es sehr freundlich sei, mich mitzunehmen. Er nickte seinerseits, dann sagte er laut und deutlich: „Klar Lady, ist uns ein Vergnügen.“ Dann sah er die anderen beiden Männer an und alle lachten.

Mir gefror das Blut in den Adern, und ich suchte die Beifahrertür nach dem Türöffner ab. Ich wollte ihn nicht mehr aus den Augen lassen, damit ich ihn zur Not mit einem Griff öffnen konnte. Ich stellte mir vor, wie ich mit einem Satz über den Mann, der an der Tür saß, springen würde, um mich dann aus dem Auto zu werfen.

Die drei Männer fingen an, sich zu unterhalten, aber ich konnte nichts verstehen, da sie in einer mir unbekannten Sprache miteinander sprachen. Mir wurde übel, in der Fahrerkabine des Lieferwagens, der offensichtlich über keine Klimaanlage verfügte, war es stickig, und die Männer rochen nach Schweiß. Ich versuchte nur noch ganz flach zu atmen, da ich das Gefühl hatte, dass ich mich ansonsten jeden Moment wegen des Geruches würde übergeben müssen. Ich beugte mich etwas nach vorne und stützte mich auf dem Armaturenbrett ab.

Der Mann, der rechts neben mir saß, legte seine Hand auf mein Knie, und ich wurde starr vor Schreck. Er richtete wieder das Wort an mich und sagte: „Jetzt machen Sie sich mal keine Sorgen, wir werden schon eine Werkstatt finden. Sie werden sehen, Ihr Auto ist in ein paar Tagen wieder repariert.“

Immer noch nach vorne gebeugt, schaute ich ihn an. Seine Stimme hatte unerwartet freundlich geklungen. Er zog seine Hand von meinem Bein, und ich blickte in sein Gesicht, das nun gar nicht mehr bedrohlich wirkte.

„Ja“, sagte ich, „das hoffe ich. Wann werden wir denn die nächste Stadt erreichen?“

Der Fahrer antwortete mir und sagte, dass wir in ungefähr einer halben Stunde in Goageb sein würden. Das sei eine größere Stadt und dort gäbe es mehrere Werkstätten.

„Haben Sie denn schon eine Unterkunft?“, fragte der andere Mann mich.

„Nein.“

„Dann werden Sie ein Problem haben, Lady, denn normalerweise ist es sehr schwer, eine Unterkunft zu bekommen, wenn man nicht vorher reserviert hat“, sagte der Fahrer.

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