»Gute Luft heute.«
Die Anzüglichkeit dieser Bemerkung speiste sich aus dem Bemühen, mir, dem »Alten«, wenigstens einmal am Tag ein Grinsen abzuringen.
Ich grunzte zustimmend und begann das zu schlabbern, was aussah, als hätte ich es schon ein- oder zweimal gegessen. Der Junge legte nach.
»Na, was heckt das Strategenherz wieder aus? Müssen die Römer zittern?«
»Das sollten sie ..., aber ...«
»... aber?«
»... ich fürchte, sie schätzen ihre Lage völlig falsch ein.«
»Gott weiß, wie dämlich sie sind.«
»Ja, das ist unser größter geheimer Vorteil.«
Meinem Schwanken hatte Jakob zugesehen wie ein Zimmermann der Zeder im Libanon, die der Axt zu trotzen versuchte. Ächzend und knarrend hatte ich nachgegeben. Der zwingende Logos der Konklusionen meines Leibtrabanten ließ sich nicht länger abweisen, es gab diesen Weg. Vorausgesetzt, wir wären in unserem wassersüchtigen Zustand nicht gänzlich verblödet oder herzalbern geworden. Fraglich war, wohin der Weg führte, ob in ein Tal, ob zu einer hohen Felswand, die lotrecht abfiel und deren Füße von weißer Brandung beleckt wurden. Die Römer sahen gern jemanden vom Felsen fallen. Wenn unsere Erzählung auf taube Ohren stieß, wenn sie uns auf die Schliche kamen, würden sie uns auspeitschen, bis wir unsere Knochen einzeln zählen konnten. Dann würden sie uns nach Korinth verfrachten und Nero würde seinen abendlichen Schweinebraten mit uns beleuchten. Für einen kaisartreuen Feldherrn gab es ohnehin keine andere Handlungsweise. Wie treu war mein Gegenüber, dieser Römer Vespasian? Was galten ihm die Mores der Väter?
Mit dem Aufwachen hatte ich meinen Entschluss bestätigt. Die Sonne begrüßte ich festen Sinnes, das Morgengebet wie ein Abschiednehmen von Jotapata. Immerhin hatten wir unseren Plan nach einer alten Rezeptur entworfen, deren Quintessenz sich bereits für meine kindlich lauschenden Ohren zu dem Merkvers verdichtet hatte: Geh ins Zelt des feindlichen Feldherrn und triff ihn privat. Nicht mit der Sica, in unserem Fall, sondern mit dem Wort. Eine Vergiftung durch Übertragung des Wahns, der einem selber drohte. So wahr die Heiden von Gott keine Ahnung hatten, so wahr gab es diese Möglichkeit. Wenn die bis auf Knochen und Eingeweide abergläubischen Barbaren den geringsten Anflug von geistiger Kultur besäßen, sie müssten sofort merken, wie sehr sie verhöhnt wurden. Du willst sie verblenden, mein Gott, jubelte mein Herz, und es soll an meiner Dienstbarkeit nicht fehlen! Ebenfalls nicht am Vermögen. Als Meisterstück hatte ich nichts weniger als eine Cäsarengattin und Augusta vorzuweisen, die ich um die Finger gewickelt hatte, ganz so, wie die Vielduftende es mit ihrer kleinen bunten Schlange getan. In Jakobs Ergründung zeigte sich die Lage so klar wie die Wassersuppe der Essener, und er hielt einen zu erwartenden Folgeauftrag für eine ausgemachte Sache zwischen Gott und seinen Gefolgsamen. Ob dem Jungen annähernd bewusst war, was unser geplantes Drama an Fertigkeiten verlangte? Wenn wir den misstrauischen Wilden nicht überzeugend gegenübertraten, wäre es besser, wir wären uns auf der Stelle beim Heimgang behilflich. Jakob besaß womöglich eine zu hohe Meinung von mir, und ihm war nicht deutlich, was es bedeutete, dass unser Stück auf der Theaterbühne römischer Politik gegeben wurde.
»Sag mal, wenn Gott die Römer tatsächlich in unsere Hand gibt ... dann ...«
»Dann?«
»... dann muss doch der neue Auftrag, den wir bekommen werden, ein ... hm ... ein ziemlich bedeutender sein, oder?«
Nun gönnte ich dem Kleinen und mir ein Grinsen. Am liebsten wäre ich ihm durch den schwarzen Haarschopf gefahren. Eine Antwort zu finden, fiel nicht leicht und dauerte. Ich wählte meine Worte vorsichtig.
»Unsere Hebel fassen, wenn Gott den archimedischen Punkt bereitstellt, und wenn er das tut, so scheint mir die jakobinische Vermutung recht plausibel zu sein.«
»Er wird Archimedes bitten, höchstselbst die nötigen Berechnungen vorzunehmen! Denn wenn einer weissagt: Ob ihn der Herr wirklich gesandt hat, wird man daran erkennen, dass sein Wort erfüllt wird.«
»Das hast du schön gesagt.«
Kein Zweifel, die tumben Kraftmenschen gierten nach solchem Stoff, wie wir ihn im Angebot führten. Das erhoffte Ergebnis konnte seine eigene Ursache stiften. Wenn ich mich als Botschafter zu beglaubigen vermochte, würden sich weitere Türen öffnen. Wenn es mir gelang, ihren Sinn für das Nützliche anzusprechen, müssten ihre natürliche Gier und Schlauheit das Übrige tun. Was aber, wenn unsere vielumkreisten Möglichkeiten nichts weiter als Gespinste waren?
Ich hatte den gewaltigen Sog des Wünschens umso stärker gespürt, je länger wir die kleine Bergstadt hielten. Die abenteuerlich-sten Möglichkeiten einer Wendung des Kriegsglücks verdichteten sich mitunter zu schierer Gewissheit: Die im Nordosten aufblühende Staubwolke musste Freunde verbergen, Entsatz aus Adiabene oder persische Freunde, ausgerüstet und ausgestattet von babylonischen Juden. Oder gar einen neuen persischen König, der den Aufstand der Juden nutzte, um die Römer aus dem Orient zu vertreiben. Hätte nicht, so wurde beschworen und gemahnt, der Hasmonäer Antigonos bei größerer Einigkeit mithilfe der Perser siegen können? Für alles, was entgegenstand, fanden sich höchst einleuchtende Erklärungen. In sich wunderbar folgerichtig, aber pure Wahngebilde. Man hätte ein ganzes Weisheitsbuch daraus machen können. Ich hatte die Strömung des Wünschens nie so übermächtig erlebt, und warum sollte nicht das wahrhaft Imperiale an unserem Plan ein Anzeichen dafür sein, dass es mich, dass es uns fortgerissen hatte in die unentfliehbaren Strudel betörender Phantasmata?
Das war der größte aller Schrecken, der mich immer wieder anfiel, hinterrücks, wie ein Dieb in der Nacht, womöglich dem Größenwahn verfallen zu sein. Der begann harmlos wie Grind damit, sich selbst überhaupt irgendeine Bedeutung zuzumessen, wie geringfügig auch immer. Was waren wir, Jakob und ich, bei Lichte besehen, und wieviel bedeutete unser Wollen? Wurden wir von Eitelkeit geblendet? Waren unsere Absichten nichts weiter als die lächerliche Selbstanmaßung wilder Würmchen im Anus der Geschichte?
Weil solch Bedrängnis mein Herz verengte, musste ich unseren Weg wieder und wieder abschreiten. Beim Schmieden des Plans, beim Läutern der Gedanken, musste ich den Hammer des zermürbenden Prüfens niederfallen lassen und durfte das härtendste Abschrecken nicht scheuen. Mit den unbegrenzten Verpflichtungen im Leben eines Agenten Gottes verhält es sich noch dazu so, dass seine begrenzten Möglichkeiten sich alleweil als Spottvolk für jede Verstiegenheit bereithalten.
»Wollen wir?«
Jakob hatte seinen Brei hinunterbekommen. Wir mussten uns aufmachen zu unserer letzten Runde. Von Lager zu Lager, trösten, beten und segnen. Die Pflaster Jotapatas glichen einem verbogenen Hufeisen. Vorn der lange, rechteckige Platz, von dessen Enden die krummen beiden Straßen ausgingen, die Oberstraße leicht ansteigend, die Unterstraße abfallend. Zwischen beiden verbanden zahlreiche Stiegen die einzelnen Häuser. Zum Schluss der Runde würden wir unsere Schlafkammer aufsuchen, um zu ruhen. Die Einwohnerschaft der Stadt hatte sich merklich gelichtet. Neben den Gefallenen hatte eine große Anzahl mit meiner Erlaubnis still die Stadt durch die Schluchten verlassen. Mancher hatte ein neues Haus gebaut und noch nicht eingeweiht, mancher einen Weinberg gepflanzt und noch keine erste Ernte begrüßt, mancher war verlobt und hatte sein Mädchen noch nicht heimgeholt.
*
Weit nach Mitternacht erreichte unsere Runde ihr Ende, und wir betraten ein letztes Mal unsere Schlafkammer. Sie befand sich in einem Haus, das unterhalb des Horizontes der Katapulte lag und kaum mehr ein lohnendes Ziel für die Ballisten bot, denn ein früher Treffer hatte es bereits bis auf unseren kleinen Raum in Trümmer gelegt. Während Jakob das Zimmer auf Ungeziefer absuchte, überprüfte ich noch einmal meine Ausrüstung, die im Wandschrank bereitlag. Das saubere lange derbe Hemd und vor allem die guten Schuhe, Halbstiefel, die beim Klettern in schwierigem Gelände Halt gaben. Als ich mein Wehrgehenk aufhakte und das Schwert in Händen hielt, zeigte Jakob auf mich, drehte den Arm und krümmte den Finger.
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