Königin Amber verkündete gerade ihren bedrückten Töchtern, dass der Retter ihres Volkes nach vollendeter Tat nicht mehr an Land zurückkehren könne:
In dem Moment, in dem er einer von euch Königskindern folgt, wird sich seine Lunge verwandeln, so dass er von nun an nur noch unter Wasser leben kann. Das weiß der Auserwählte jedoch nicht, und es wäre auch nicht klug, ihm das zu sagen. Wohl kaum einer würde sonst einer Meeresprinzessin folgen.‘
Die Mädchen blieben nach dieser Offenbarung lange stumm. Ihnen war klar, was sie bedeutete. Eine von ihnen musste Verrat an einem Menschen üben, der ihnen nichts angetan hatte, musste ihn in ihre Welt locken, aus der er niemals mehr entfliehen konnte. Dieses Wissen lastete schwer auf ihnen, doch musste es getan werden, um den Fluch von ihrem eigenen Volk zu nehmen.
Jason verschlug es die Sprache; diese Veränderung der Erzählung verwirrte ihn. Was hatte das zu bedeuten? Seit wann konnte Malcolm nach bestandenem Abenteuer nicht mehr an Land zurück? Und warum gab sich Aldiana für diesen Verrat her?
„Ist Aldiana jetzt böse geworden?“, fragte Jason unvermittelt. „Nein, eigentlich nicht“, antwortete seine Oma. „Aber das ist eine unheimlich schwierige Frage. Lass uns nach der Geschichte darüber reden.“
Sein Opa fuhr fort und Jason verfolgte aufgewühlt den Fortgang, in dem es vorläufig keine weiteren Änderungen gab. Malcolm besiegte die Drachenfische und befreite König Dorian den Zweiten. Nach beider Rückkehr in den Palast wurde ein großes Fest gefeiert.
Doch nun musste es ein neues, noch unbekanntes Ende geben. Und tatsächlich fuhr sein Großvater fort:
Ein großes Fest wurde zu Malcolms Ehren geplant, doch der wollte nur noch zurück an Land, zurück zu seiner Familie, seinen Freunden und zu Liana, seiner großen Liebe, die sich sicher schon schrecklich um ihn sorgte. Wie sollte er ihr nur sein Verschwinden erklären? Sie würde ihm nicht glauben. Er konnte doch nicht zurückkehren und ihr von einer Nixe und der Rettung ihres Reiches erzählen. Er würde sich etwas anderes einfallen lassen müssen. Malcolm suchte Aldiana, um sich von ihr zu verabschieden. Als er sie fand, verspürte er bei ihrem Anblick eine ungute Vorahnung; sie sah ihn so merkwürdig an. Irgendetwas stimmte nicht, obwohl der König und sein Reich gerettet waren. Aldiana blieb nun nichts anderes übrig, als Malcolm ihren Betrug an ihm zu beichten.
Seine Reaktion erschütterte sie, als er bleich und schreckerfüllt auf einem Felsen niedersank und dort regungslos sitzenblieb. Seine blonden, kurzen Locken bewegten sich in der sanften Strömung des Wassers, doch seine blauen Augen schienen jeden Lebensfunken verloren zu haben und sein sonst so schelmig dreinblickendes Gesicht wirkte starr wie eine Maske.
Aldiana kannte sich mit dem Verhalten der Menschen nicht aus. Nach drei Stunden beauftragte sie beunruhigt zwei Forellen, in seiner Nähe zu bleiben und für ihn zu sorgen, um ihre Eltern aufzusuchen. Er braucht Hilfe, und sie musste sie für ihn finden, das war sie ihm schuldig.
König Dorian und seine Frau Amber rührte das Schicksal dieses jungen Mannes ebenfalls, doch guter Rat war nicht in Sicht. Der König berichtete, dass es nur ein einziges Mittel zur Rettung gäbe, es aber unmöglich sei, es zu beschaffen. ‚Sag mir, was es ist, und ich werde es für ihn besorgen, Vater‘, beschwor ihn Aldiana. ‚Ich habe Malcolm aus seiner Welt gerissen; es ist meine Pflicht, ihn zu retten, koste es was es wolle.‘ ‚Das ist sehr edel von dir, meine Tochter‘, erwiderte der König, ‚doch es steht nicht in deiner Macht, ihn zu erlösen. Nur die Träne der Meeresprinzessin, die ihn in die Unterwasserwelt gelockt hat, kann seine Lunge zurückverwandeln.‘
Aldiana öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Meermenschen konnten nicht weinen; sie besaßen keine Tränen, konnten sich nicht einmal vorstellen, was das sein sollte. Es war tatsächlich hoffnungslos. Bedrückt begab sie sich zurück zu Malcolm, um für den Rest seines Lebens über ihn zu wachen und ihn zu behüten. Vielleicht würde er sich eines Tages mit seinem Schicksal abfinden und doch noch als Bewohner der Wasserwelt glücklich werden? Sie würde alles für ihn tun.
So saß Malcolm wie zur Statue erstarrt auf seinem Felsen, starrte mit leerem Blick in die Weite, aß nicht mehr und sprach nicht mehr. Die Tage vergingen, wurden zu einer Woche und einer zweiten. Nichts konnte Malcolm aus seiner Verzweiflung reißen. Dann brachten die Wellen eines Tages ein Stück Stoff zu seinem Felsen. Die Meermenschen schenkten ihm keine große Beachtung, so etwas geschah häufiger. An der groben Herstellung des Tuches konnte man erkennen, dass es menschengefertigt war. Nur Malcolms Aufmerksamkeit wurde plötzlich erregt, der den Stoff mit den Augen verfolgte. Das Tuch erinnerte ihn an Liana, seine Freundin. Wie es ihr wohl erging? Er hatte keine Ahnung, wie lange er schon unter Wasser gefangen war. Ihm kam es wie Jahre vor. Gespannt beobachtete Aldiana, wie Malcolms Arme in Bewegung gerieten, als er nach dem Schal griff und ihn an sein Herz drückte. Seine Qual stand ihm ins Gesicht geschrieben. Nie zuvor hatte Aldiana etwas so Bedrückendes und gleichzeitig so Bewegendes gesehen. Plötzlich fühlten sich ihre Augen an, als wäre Sand hineingeraten. Sie brannten, schienen überzuquellen. Aldiana rieb in ihnen … und hielt zu ihrer großen Verwunderung eine wunderschöne Perle in der Hand. Seit wann drangen Perlen aus ihren Augen? Dann verstand sie: Der Anblick des trauernden Malcolm hatte sie so sehr gerührt, dass sie weinen konnte, und die Perle war die Träne einer Meerestochter. Vorsichtig schwamm sie mit Malcolm zur Wasseroberfläche und hoffte innständig, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Als sein Kopf aus dem Meer auftauchte, rang er nach Luft und vollführte hektische Bewegungen, doch dann hörte sie ihn zu ihrer Erleichterung atmen. Sie begleitete ihn an den Strand, auf den er sich erschöpft fallen ließ und beobachtete ihn noch eine Weile; sie wollte sicher sein, dass es ihm gut ging. Dann entschuldigte sie sich beschämt, sagte, wie leid ihr alles täte, und wie sehr sie sich wünschte, es hätte eine andere Möglichkeit zur Rettung ihres Reiches gegeben. Ihre Aufrichtigkeit und ihr offensichtlicher Kummer beschwichtigten Malcolm ein klein wenig. Doch wusste er nicht, ob er ihr den Verrat an ihm jemals verzeihen würde. Aldiana übergab ihm die kostbare Perle als Dank des Meervolkes und verschwand in den Fluten.
Jason wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge. Heulen war uncool, wenn man keine Perlen weinte. Dieses Ende seines Märchens hatte er noch nie gehört. War Aldiana nun gut oder böse? Konnte jemand beides zu gleicher Zeit sein? Doch es sah so aus, als würde er heute keine Antwort mehr auf diese Frage erhalten, die ihn gerade so sehr beschäftigte. Es war spät geworden, und Sarah schickte ihn ins Bad, damit er sich fürs Bett fertig machte.
In dieser Nacht schlief Jason sehr unruhig. Er war aufgewühlt, denn bisher hatte er Aldianas Geschichte immer nur in kleineren Abschnitten gehört. Die Kraft des Gesamtwerkes mit seinem neuen Ende erschütterte ihn und zeigte ihm sein Meermädchen in einem anderen Licht. Er wusste nicht mehr so genau, was er von ihr halten sollte.
…Aldiana sitzt auf ihrem Felsen. Die Sonne lässt ihr rot-blondes, hüftlanges Haar wie Kupfer glänzen. Sie scheint auf den Menschen zu warten, der ihr im Krieg gegen die grausigen Drachenfische Beistand leisten wird. Da, jetzt winkt sie jemandem am Ufer zu. Die Gestalt ist nicht zu erkennen. Sie scheint klein zu sein. Auf einmal weiß Jason, dass er dort am Strand steht. Soll er zu Aldiana schwimmen? Sie kann nicht ihn meinen; er ist doch nur ein Kind und hat nicht die Macht, ihr Reich zu verteidigen. Sie winkt erneut. Der Wind trägt ihre helle, wohlklingende Stimme übers Meer. ‚Du bist unser Retter‘, singt sie, ‚wir warten voller Hoffnung auf dich. Nur du kannst unser Volk befreien, und wir werden deine Heldentat niemals vergessen.‘
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