Die Zeit verging, ohne dass ein Fisch anbiss. Einmal spannte sich die Leine, hing aber wieder durch, bevor Liam und Jason sie einholen konnten. Jason freute sich insgeheim für den Fisch. „Macht nichts“, meinte Liam, „lass uns erstmal etwas essen; ich bekomme langsam einen Mordshunger.“ Jason stimmte begeistert zu, denn er konnte das Picknick kaum erwarten; Opa packte immer so leckere Sachen ein und schien genau zu wissen, was sein Enkel am liebsten mochte.
Nach dem Imbiss gähnte Liam herzhaft. Das gute Essen und das Gläschen Wein -Jason hatte stattdessen Limonade aus einem Weinglas bekommen- ließen ihn ein wenig schläfrig werden.
Als Jason bemerkte, dass sein Großvater vor sich hindöste, zog er sich Schuhe und Strümpfe aus, setzte sich vorsichtig an den Rand der Plattform und versuchte, mit den Füßen im Wasser zu plantschen, doch seine Beine waren einfach noch zu kurz. Obwohl er schon ein guter Schwimmer war, wollte er nicht riskieren, ins Wasser zu fallen, denn dann würde sein Opa gewaltigen Ärger bekommen. Oma hatte ihm nämlich verboten, an Bord Wein zu trinken, weil ihn das immer müde machte. Also beobachtete Jason die Fische und bewegte ab und zu die Angel, damit keiner von ihnen aus Versehen anbiss.
Aldiana hatte sich bisher nicht blicken lassen. Jason überlegte: Sein Großvater hatte sich immer geweigert, ihm die Geschichte von Arielle zu erzählen, die alle anderen Kinder kannten. Dieser geklaute Walt Disney Kitsch hänge ihm zum Hals raus, begründete er seine Ablehnung. Zuckersüße Bilder, die dem tieferen Sinn des Märchens einfach nicht gerecht würden. Jason verstand nicht, was sein Opa meinte, doch spielte es keine Rolle, denn er hatte sein eigenes Meermädchen bekommen, das er mit keinem anderen Kind teilen musste. Aber eine große Frage war für ihn unbeantwortet geblieben. Opa erzählte von Aldiana, als würde es sie, im Gegensatz zu Arielle, wirklich geben. Konnte das sein? Warum schwamm sie dann nicht herbei? Nachdenklich blickte er auf den großen Felsen an der Backbord-Seite. Er sah genauso aus, wie der in Opas Beschreibung. Dort sonnte sich Aldiana am liebsten. Wenn es also den Felsen gab, musste es auch sie geben!
Jason versuchte, das Wasser mit seinen Blicken zu durchdringen, bis auf dessen Grund zu schauen. Wie gerne hätte er Aldianas Palast, der sich irgendwo in der Nähe befinden musste, gesehen! Was für ein munteres Treiben an diesem Ort herrschen musste, an dem Fische aller Art ihren ganz speziellen Aufgaben nachgingen.
Opa hatte von Meerforellen, den geborenen vornehmen Dienern, erzählt:
Sie beaufsichtigten die Putzerfische, sorgten dafür, dass die Kleidung der Palastbewohner immer in tadellosem Zustand war und überwachten die Service-Fische -meist Schellfische – beim Auftragen der Speisen, die eifrige Krabben und Krebse in der Palastküche zubereiteten.
Aale hingegen erledigten die Hausmeisterarbeiten, weil sie sich überall mühelos hindurchschlängeln konnten. Die vornehmen Schollen jedoch besetzten die Ministerposten, und so waren alle Aufgaben nach den Fähigkeiten der Meeresbewohner gerecht verteilt.
Doch wie sehr Jason sich auch bemühte, er konnte all diese Wunder nicht entdecken.
In diesem Moment schreckte sein Großvater aus seinem Nickerchen hoch. Er suchte Jason mit den Augen und sah erschrocken und schuldbewusst aus, als er ihn am Rand der Plattform entdeckte. „Alles in Ordnung, Opa!“, rief dieser ihm fröhlich zu, „ich war ganz vorsichtig! Du sollst doch keinen Ärger mit Oma bekommen.“
Liam räusperte sich verlegen. „Na, Seemann, schon etwas gefangen?“, dabei deutete er auf die Angel. Jason schüttelte bedauernd den Kopf, obwohl es ihm überhaupt nicht leidtat. „Wenn die Fische heute nicht beißen, können wir auch schwimmen gehen“, schlug Liam vor. Darauf hatte die Wasserratte Jason nur gewartet. Endlich raus aus der Schwimmweste und ab ins kühle Nass. Sie tollten wie wild herum, schwammen um die Wette und tauchten, bis sie völlig erledigt waren. Zurück an Bord gab es noch einen kleinen Snack zur Stärkung, dann war es auch schon Zeit, zurück zu schippern.
Während ihr Schiffsbug die Wellen teilte, dachte Jason an die weiteren Ereignisse in Aldianas Geschichte und an das wohlgehütete Geheimnis der Meermenschen.
Ein besonderes Lungengeflecht ermöglichte ihnen, sich sowohl im Wasser, als auch an Land aufzuhalten. Sie konnten bei Landgängen ihren Fischschwanz ablegen, an dessen Stelle sofort ein Paar Beine erschien. Da sie die Menschensprache beherrschten, konnten sie alle wichtigen Informationen beider Welten sammeln und so die Lebewesen des Wassers wirksam vor Übergriffen der Menschen schützen. Allerdings mussten sie ihre Wandlung in aller Abgeschiedenheit vollziehen, sonst verloren sie diese Fähigkeit und damit ihre Macht.
Ein Verräter-Hai, der dem Meereskönig eine Botschaft seines Hauptmannes überbringen sollte, hatte zufällig Königin Amber und ihre Tochter Aldiana belauscht, als sie über dieses Geheimnis sprachen. Er teilte es sofort dem Anführer der Drachenfische mit. Nachdem nun das Mysterium von Aldianas Volk für sie gelüftet war, wollten sie die Gabe der Meermenschen auf der Stelle stehlen, erfuhren aber durch den Verräter-Hai, dass dies unmöglich sei. Die Drachenfische konnten mit der Entführung von König Dorian dem Zweiten lediglich einen Fluch über das Reich legen, durch den die besonderen Eigenschaften der Meermenschen
verlorengingen.
Jason schreckte aus seinen Gedanken auf, als sie sich dem großen Felsen näherten. Er reckte seinen Kopf, doch vergeblich. „Opa“, fragte er, „ist das hier Aldianas Felsen?“ „Ganz genau“, erhielt er die Bestätigung. „Ich habe mich schon gewundert, dass du gar nicht fragst. Hatte schon befürchtet, du erkennst ihn nicht, obwohl ich ihn immer so gut beschreibe“, grinste sein Opa.
Bald darauf fuhren sie ihr Anlegemanöver und vertäuten das Boot am Anleger. Es war ein toller Ausflug, aber trotzdem war Jason ein wenig enttäuscht. Warum war Aldiana nicht erschienen? War sie vielleicht krank oder hatte womöglich einen Sonnenbrand? Was wusste er schon von Meermädchen.
Zurück im Haus, erwartete sie Sarah, die bereits aus London zurückgekehrt war. Die Frage, ob sie erfolgreich gewesen sei, bejahte sie und bedachte dabei ihren Mann mit einem verschwörerischen Lächeln. Normalerweise hätte Jason beleidigt darauf reagiert, weil er wusste, dass er bei diesen Blicken unter Erwachsenen von irgendetwas ausgeschlossen wurde, doch heute verzieh er es seinen Großeltern. Dafür gab es einen ganz besonderen Grund. Er hatte morgen Geburtstag, und bestimmt heckten die beiden eine riesengroße Überraschung für ihn aus. Der Abend ging, nach dem gemeinsamen Kochen und Abendessen, dann auch recht schnell für ihn zu Ende, denn er war hundemüde. Er schlief traumlos, wie ein Stein.
Am nächsten Morgen trieb es ihn schon in aller Herrgottsfrühe aus den Federn; er platzte fast vor Neugier und rumorte extra laut in der Gegend herum. Die beiden Schlafmützen von Oma und Opa sollten endlich aufstehen. Laut sang er: „Ich habe heute Geburtstag, ich habe heute Geburtstag!“ Verschlafen schauten Liam und Sarah aus ihrem Schlafzimmer hervor. Ihr Glück, dachte Jason. Wären sie jetzt nicht gekommen, hätte er ihr Zimmer gestürmt, um auf ihrem Bett herumzuhopsen. Seine Großeltern umarmten ihn, küssten ihn ab -darauf hätte er gut verzichten können, doch ließ er es heute großzügig geschehen- und sangen ihm ein Geburtstagslied. Es war nicht das übliche ‚Happy Birthday‘, sondern eine witzige Eigenkomposition seines Vaters, die Jason liebte. „Nochmal“, drängelte er deshalb seine Großeltern, als sie die letzte Note beendet hatten. „Später“, vertrösteten sie ihn. „Willst du nicht erst mal Geschenke auspacken? Heute warten noch einige Überraschungen auf dich.“ Das ließ sich Jason nicht zweimal sagen. Wie der Blitz rannte er ins Wohnzimmer, wo gewöhnlich der Tisch mit seinen Präsenten stand.
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