Sarah entzündete die Kerzen auf seiner Torte, die er alle auf einmal ausblies. Na ja, nicht alle. Eine blieb übrig, denn dafür hatte seine Puste heute vor lauter Aufregung nicht gereicht. Egal, auf dem Tisch lagen viele bunte Päckchen, die alle ausgepackt werden wollten. Da Jason mit fünf Jahren nach den Ferien in die Primary School gehen würde, hatten ihm seine Eltern seine erste Schuluniform geschenkt. Sie sah sehr chic aus, und Jason freute sich, dass er ein freundliches Türkisblau tragen durfte. Es erinnerte ihn ans Meer und war nicht so düster und langweilig, wie die Farben anderer Einrichtungen. Die Uniform saß wie angegossen. Es gab noch weitere Geschenke für seine Einschulung, so dass er schon fast ein bisschen enttäuscht war, als er das letzte Päckchen öffnete.
Schon das Papier gefiel ihm ungeheuer gut. Es schillerte in allen grün und blau Tönen, wie das Wasser in ihrer Bucht, und kleine Seepferdchen schwammen darauf herum. Was es wohl verbarg? Jason hatte nicht die geringste Ahnung, öffnete vorsichtig die Verpackung und hielt ein umwerfendes Buch in den Händen.
Auf dem Einband saß ein Meermädchen auf einem aus dem Wasser ragenden Felsen. Ihr Fischschwanz schillerte in allen Regenbogenfarben, und sie winkte jemandem an Land fröhlich zu. Meinte sie Jason? Begrüßte sie ihn?
Jason konnte schon ein paar Wörter lesen und seinen Namen schreiben. A l d i a n a buchstabierte er den Titel. Er stieß einen Freudenschrei aus und begann, in dem Buch zu blättern. Für den langen Text reichten seine Künste noch nicht, aber er bestaunte die wunderschönen Bilder. „Gefällt es dir?“, rissen ihn seine Großeltern aus seiner Betrachtung. Jason strahlte; es war das schönste Geschenk von allen.
„Weißt du“, hörte er seine Oma, „dein Opa hat die Geschichte von Aldiana aufgeschrieben, weil sie dir so sehr gefällt. Jetzt, wo du in die Schule kommst, wirst du sie bald selber lesen können.“ „Und deine Oma“, ergänzte Liam, „hat die tollen Aquarelle gemalt. Gestern in London hat sie dann das Layout und den Druck fertiggestellt, damit das Buch heute auf deinem Geburtstagstisch liegen kann.“ Jason verstand nichts vom Layout, aber er druckte, nein, drückte sein Geschenk fest an sich und tanzte ausgelassen und glücklich durchs ganze Haus.
„Heute Mittag fahren wir nach Poole!“, riefen ihm seine Großeltern hinterher, „da erwartet dich die nächste Überraschung!“ Jason war glücklich; von jetzt an würde er jedes Jahr fünf werden, denn mit fünf gab es anscheinend die besten Geschenke.
Mittags saßen sie dann in Poole in Jasons Lieblings- Restaurant. Seine Großeltern waren hier seit vielen Jahren Stammgäste, und die Eigentümer hatten den Tisch zu Jasons Geburtstag besonders hübsch gedeckt. Sogar eine kleine Tafel Schokolade lag auf seiner Serviette. Schon zweimal war der Kellner vorbeigekommen, um nach ihren Wünschen zu fragen, doch Liam hatte nur die Getränke bestellt und ihn dann wieder fortgeschickt. Während sich Jason noch fragte, ob ihn seine Großeltern heute an seinem Geburtstag verhungern lassen wollten, öffnete sich die Restauranttür und seine Eltern kamen herein.
Sein Vater, Rick Waterstone, war Dirigent des berühmten Sundown Orchestra und, neben seinen Verpflichtungen am Rundfunk, häufig mit seinen Musikern unterwegs. Seine Mutter Helen hingegen arbeitete als Schauspielerin am Two Pieces Theatre, das unter anderem für seine Shakespeare Inszenierungen gefeiert wurde. In den Sommerferien gingen beide auf Tournee und brachten Jason dann, zur großen Freude aller Beteiligten, zu Ricks Eltern.
Jason riss es vor Freude von seinem Stuhl. „Mama, Papa!“, schrie er durchs ganze Restaurant und stürzte ihnen entgegen. Rick und Helen hatten es geschafft, sich für diesen besonderen Tag von ihren beruflichen Verpflichtungen loszueisen und waren aus dem Ausland angereist, um mit ihrem Sohn zu feiern. Jason freute sich wie ein König, oder, präziser gesagt, wie ein Meerkönig. Es kam leider nicht sehr oft vor, dass er seine Eltern an seinem Geburtstag sah, doch stimmte es ihn nie allzu traurig, denn seine Großeltern ließen keine trübte Laune aufkommen.
Helen umarmte ihren Sohn zuerst, verwuschelte liebevoll sein Haar, während er ausgelassen quietschte und ihr schönes, schmales Gesicht betrachtete. Ihr langes, braunes Haar war so wellig wie sein eigenes, doch in ihren braunen Augen konnte man kleine Goldsprenkel sehen. Sein Vater Rick wartete geduldig, bis Mutter und Sohn ihr Begrüßungsritual vollzogen hatten, um Jason dann fest in seine Arme zu ziehen. Er war von großer und ähnlich kräftiger Statur wie sein Vater, und aus seinem markanten Gesicht mit dem dunkelblonden Haar blickten ein paar freundliche dunkelblaue Augen.
Nun war ihre Gesellschaft vollständig, und das Essen konnte bestellt werden. Endlich, dachte Jason erleichtert.
Liam erzählte gerade von ihrem Angelausflug. „Wie viele Fische habt ihr denn gefangen?“, fragte Rick scheinheilig. Er kannte die Antwort ganz genau. „Keinen einzigen“, lautete sie dann auch wahrheitsgetreu, und die beiden Angler versuchten, ein bekümmertes Gesicht zu machen. Alle lachten schallend, denn sie wussten, wie sehr Jason das Töten der gefangenen Fische hasste.
„Zeit für den Nachtisch“, sein Vater erhob sich. „Wollen doch mal sehen, ob wir für euren entgangenen Fang eine Entschädigung auftreiben können.“ Mit diesen Worten ging er zur Theke. Wenig später trug der Kellner einen Teller mit brennenden Wunderkerzen, die in einem Seestern aus Eis steckten, an ihren Tisch. So etwas Tolles hatte Jason noch nie gesehen, und während er noch staunte, ertönte sein geliebtes Geburtstagsständchen zum zweiten Mal. Was für ein großartiger Tag!
Nach dem Essen spazierten sie noch ein wenig an der Strandpromenade von Poole entlang, doch wurde es Jason schnell langweilig. Deshalb fuhren sie zum Haus seiner Großeltern, um gemeinsam im Meer zu schwimmen.
Schon bald, viel zu bald, war es für seine Eltern Zeit zum Aufbruch. Sie drückten Jason fest an sich, und als sich seine große, schlanke Mutter zu ihm herabbeugte sagte sie leise: „Bis zur Einschulung, mein Großer“, dann stieg sie zusammen mit seinem Vater in das wartende Taxi.
Es war ein so schöner Tag gewesen, trotzdem wurde Jason nun ein wenig traurig. Sarah bemerkte seinen Stimmungswechsel und schlug deshalb vor, es sich bei einem Gläschen Wein -Limonade für Jason, versteht sich- und ein paar kleinen Snacks gemütlich zu machen. Sie hatten einen aufregenden Tag erlebt und waren alle ein wenig müde, so dass ihnen ein bisschen Ruhe nicht schaden würde. Eine wunderbare Gelegenheit, um die Geschichte von Aldiana zu hören. Ihre Idee wurde begeistert angenommen, und sie waren sich schnell einig, dass Liam vorlesen sollte. Jeder kuschelte sich auf seinem Lieblingsplatz zurecht, und Liam begann:
Aldiana
Zuerst rauschten die Worte an Jason vorbei, der die Geschichte nur zu gut kannte und sich einer wohligen Schläfrigkeit überließ.
Er wusste, dass der Fluch, der durch die Entführung des Meerkönigs über dem Reich lag, gebrochen werden konnte. Dazu musste eine Königstochter einen Menschen mit reinem Herzen finden, der bereit war, ihr in ihren Palast zu folgen, um den Meermenschen bei ihrem Kampf gegen die Drachenfische beizustehen. Die Königsfamilie besaß eine Geheimwaffe, -eine Hightech-Harpune von einem gekenterten Schiff- deren Handhabung ihnen unbekannt und nur den Menschen vertraut war. Aldiana würde diese schwierige Aufgabe übernehmen und Malcolm finden, der sie begleiten und zusammen mit der Hai-Arme erfolgreich König Dorian aus den Flossen der Drachenfische befreien würde.
Doch plötzlich rissen Liams Worte Jason aus seiner Schläfrigkeit. Aldianas Geschichte hatte eine Wendung bekommen, die er nicht kannte. Aufmerksam lauschte Jason seinem Opa.
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