Unser Weg führte weiter durch die Wälder und an einigen Dörfern vorbei. Wir wollten ein Bachtal überqueren, doch blöderweise standen wir plötzlich an eine Kante von abschüssigen Felsen, so dass wir erst gut einen Kilometer seitlich einen brauchbaren Weg ins Tal hinunter nehmen konnten. Unten angekommen gab es dann aber wieder keine Möglichkeit über den nur zwei Meter breiten Bachlauf zu kommen: kein Engpass zum drüber springen, keine Steine als Insel oder ein umgefallener Baumstamm. Kaum zu glauben, dass so eine lächerliche Situation ein echtes Hindernis darstellen konnte!
Nun, es half nichts - Schuhe aus, Hosen hochgekrempelt und durch das zum Glück nur knietiefe, eiskalte Wasser durchwaten. Das prickelnde Stechen in den Beinen hinterher und die tauben, paprikaroten Zehen werde ich so schnell nicht vergessen… So etwas kostete einfach nur Zeit. Gut eine ganze Stunde dauerte es, bis wir auf der anderen Seite wieder auf der Höhe waren.
In der Regel schafften wir so ca. 15 bis 20 Kilometer am Tag. Das war nicht viel, aber wir marschierten ja auch quer durch das Gelände. Dazu kam noch, dass wir morgens und abends das Zelt auf- und abbauten sowie Essen zubereiten mussten. Jeden zweiten oder dritten Tag verbrachten wir dann noch mit der Suche nach neuer Nahrung. Am Sonntag machten wir sogar eine Pause. So komisch es klingt - es gibt zwar keinen Grund dazu, aber einen Tag Ruhe in der Woche braucht der Mensch. Man hat dann wieder mehr Lust und Motivation das nächste Etappenziel anzugehen.
Wenn ich unsere Tagesleistung auf gut tausend Kilometer hochrechnete und die Unterbrechungen dabei berücksichtigte, dann könnten wir in ungefähr drei Monaten im Süden hinter dem Gebirge angekommen sein. Genau mitten im Sommer. Da wäre dann noch genug Zeit, um sich Vorräte und einen Unterschlupf für den Winter zu organisieren…
Am Abend kam Ben auf einmal mit leicht gequältem Gesicht zu mir. Er humpelte ein wenig. Fragend schaute ich ihn an. Als er seine Schuhe auszog, konnte man seitlich eine feuchte Stelle an seinem Socken erkennen. Ich ahnte schon woran das lag und als er diesen dann vorsichtig ausgezogen hatte, kam eine hässliche, ausgewachsene Blase zum Vorschein die zu allem Übel auch noch aufgegangen war. Autsch!
„Du hast deine Füße nicht richtig trocken gemacht nach unserer Bachüberquerung. Jetzt haben sich die nassen Socken an deinen Schuhen und Füßen wund gerieben.“ erklärte ich verärgert im Anbetracht der nun erzwungenen Pause und der dadurch verlorenen Zeit.
Ben schaute nur beleidigt und stöhnte entnervt.
„Eigentlich müsste jetzt dringend Desinfektionsmittel drauf. Und genau DAS haben wir vergessen einzupacken! Mist nochmal! Mist, Mist, Mist!!“
Wütend und frustriert über diese Situation sprang ich auf, nahm mir den nächstbesten Stock und prügle auf die Bäume ein… Nach einer Weile hatte ich mich dann wieder beruhigt und abgeregt.
„Okay, wir werden morgen weitersehen. Jetzt wische dir erstmal mit etwas Schnee den Eiter aus der Blase raus und wickle ein sauberes Tuch drum.“ riet ich Ben.
Als er viel zu zaghaft und wimmernd noch nicht einmal die Socken richtig auszog, wurde ich wieder ungeduldig. Aber es nutzte ja nichts. So kniete ich mich nieder und half ihm dabei.
„Lass deine Beine gestreckt!“
„Hör’ auf sie ständig wegzuziehen!“
„Wie sollen wir jemals fertig werden wenn du so zuckst?!“
Armer Ben, es tat ihm höllisch weh und er konnte sich nicht zusammenreißen um dem Reflex zu widerstehen. Also setzte ich mich kurzerhand mit dem Rücken zu ihm auf seine Beine, hielt das Schienenbein mit der einen Hand fest und machte mich an die Arbeit während er sich hinter mir vor Schmerzen wie ein Aal wand… Die Füße waren bald wieder sauber und umwickelt, mein Rücken zerkratzt und mit blauen Flecken übersät. Ben’s Wangen waren nass vor Tränen und rotglühend.
„Tut mir leid, Kumpel. Mensch, ich hätte nicht gedacht, dass du das so tapfer aushältst! Ehrlich.“ versuchte ich zu trösten. „Hey, du bist doch mein starker kleiner Bruder.“
Ben schniefte und nickte mir halb lächelnd zu - das heißt beim ihm so viel wie: „Ja, Danke.“ Erschöpft legte er sich hin und schlief bald ein während ich noch eine Weile an meinem Tagebuch weiter schrieb.
Es war mitten in der Nacht und ich hatte keine Ahnung, ob schon der neue Tag begann. Mich hatte der unruhige Schlaf von Ben aufgeweckt. Er schien zwar nicht richtig wach zu sein, aber irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Es waren einzelne Zuckungen, dann wieder ein hin und her wälzen von einer Seite zur anderen. Seine Lippen bewegten sich zwar, aber ohne ein Wort oder einen Laut von sich zu geben. Ich dachte dass dies wieder einer seiner Alpträume war. Um sicher zu gehen, fühlte ich seine Stirn. Sie war mit Schweißperlen benetzt, aber ich spürte keine erhöhte Temperatur. Wahrscheinlich muss er wieder alte Erinnerungen verarbeiten. Das passierte immer wenn er vorher großen Stress gehabt hatte. Ich hatte ihn schon oft gefragt ob er mir nicht etwas davon aufschreiben möchte. Er konnte es aber nicht. Da ist wohl eine echte Blockade. Nur sein Schlaf löst ein wenig diese undurchdringliche Hülle auf.
„Ben. Hörst du mich? Ich bin bei dir. Du bist hier in Sicherheit, niemand kann dir mehr etwas antun. Sie sind alle längst fort…“ Ich fasste ihn sanft aber bestimmt an den Schultern. Langsam wurde er ruhiger. Morgen früh wird er sich an nichts mehr erinnern können.
-
Der neue Tag kam wunderbar sonnig über den Horizont der Hügel hervor. Der Schnee war so ziemlich überall geschmolzen. Zumindest dort wo die wärmenden Sonnenstrahlen hinkamen. Warme Frühlingsluft erfüllte die Natur. Eigentlich ein prima Tag zum Wandern!
Nur leider war erstmal Zwangspause angesagt. Die Wunde an Ben’s Füßen sah richtig hässlich und geschwollen aus. Nachdem ich das verklebte Tuch vorsichtig abgewickelt hatte konnte man das ganze Ausmaß deutlich sehen. Ich ließ die Stelle erstmal offen damit Luft dran kam.
„Nach dem Frühstück schaue ich mich um, wo ich hier in der Nähe Desinfektionsmittel her bekomme.“ versprach ich Ben.
Ich hatte Glück - am anderen Ende vom Wald fand ich einen Bauernhof. Ich beobachtete ihn erst mal eine gute Stunde bevor ich mich näher heran wagte. Durch das Fernglas hatte ich schon einiges an Verwüstung erkennen können, aber als ich im Hof stand, war es noch viel schlimmer! Mit Gewalt musste dieser Hof auf der Suche nach Lebensmitteln geplündert worden sein. Überall Einschusslöcher und geborstene Scheiben. Barrikaden waren errichtet gewesen aus allem Möglichen. Entsprechend sah es dann auch drinnen aus. Im Obergeschoss hatte es sogar gebrannt. Das konnte man aber erst von der Rückseite des Gebäudes aus erkennen. Ich hätte mir die Mühe also sparen können…
So ging ich die Zufahrt hinunter zur Straße, auf der Suche nach Schildern mit Ortsnamen und Kilometerangaben. Nach gut drei Kilometern kam ich an den nächsten Ort. Dieses Mal hatte ich mehr Glück! Erfolgreich konnte ich nachmittags dann zu Ben zurückkehren.
„Schau mal - Desinfektionsmittel für dich. Gerade mal ein Jahr abgelaufen. Haben wir ein Glück.“ rief ich ihm zu.
Gleichmäßig verteilte ich die Tinktur auf die Wunden und offenen Stellen. Danach machte ich eine Kompresse mit einem Verband drum, die ich beide aus einem Erste-Hilfe-Kasten aus einem Auto mitgenommen hatte.
„So - sieht doch ganz nett aus, oder?“ sagte ich aufmunternd.
„Morgen dasselbe noch mal und dann schauen wir ob es mit einem Pflaster und dicken Socken schon wieder geht.“
Ehrlich gesagt ging ich aber eher von einer Woche Krankenpause aus. Oder wir schaffen maximal fünf Kilometer am Tag, was sich echt nicht lohnen würde. Ben stöhnte nur entnervt. Für ihn war das den ganzen Tag nur herumsitzen einfach total ätzend.
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